Die von ihm vorgefundenen hier mitgetheilten Briefe werden jedweden unbefangenen Leser für den ausgezeichneten Menschen einnehmen. Der erste, in welchem er das lange, durch Trennung und Zeit verstummte Verhältniß zwischen sich und Tieck wieder belebend auffrischt, erscheint uns wie ein wichtiges Dokument. So feurig, so wahr, so überzeugend hat vielleicht noch kein Deutscher für deutsches Verdienst gesprochen, als dieser schwedische Hofmarschall. Was er bei Gelegenheit britischer Commentatoren des Shakespeare über die unschätzbare Eigenschaft des Deutschen sagt, fremden Werth in seiner ganzen Bedeutung anerkennend zu durchdringen, sollte in Erz gegraben werden. Welch’ ein Geist in diesem Manne, welche Seele, welches Herz! Nun, Tieck muß es tief empfunden haben. Schon nach Verlauf einiger Monate, wie das zweite Schreiben beweiset, begrüßen sie sich mit dem brüderlichen Du! — Damit ist Tieck in reiferen Jahren nicht freigebig gewesen.

I.

Stockholm den 28. Februar 1835.

Sie haben mich ein par mal durch Nordische Reisende so freundlich grüssen lassen, daß ich mir den Genuß nicht länger versagen kann, Ihnen selbst meinen Dank abzustatten, nicht bloß für diese Gütige Erinnerung „aus den Tagen, die nicht mehr sind,“ sondern noch für so manche Wohlthaten, die ich Ihnen, dem herrlichen, vertraulichen Dichter, seit so vielen, einsamen Jahren noch schuldig bin.

Sie müssen nehmlich wissen, mein edler vortreflicher Freund! daß ich nach unsrer Trennung noch viel vertrauter mit Ihnen gelebt, gedacht, geschwärmt und das innere schöne Leben genossen habe, als einst bei der persönlichen Gegenwart, in dem geistreichen, von unserm guten Burgsdorf gebildeten Gesellschaftskreise.

Bei unsrer ersten Bekanntschaft war mein Geist noch etwas zu klassisch gestimmt, um sich in Ihren selbständigen freien Dichtungen überall heimisch zu fühlen. Ich hatte mich in früher Jugend so tief verirrt im Dickicht trübseliger Schwärmerei, und mich so mühselig zum Licht emporgearbeitet, daß ich noch lange eine Art von Scheu behielt, selbst vor jeder dichterischen Dämmerung, wo solche mir etwa mehr Abend- als Morgenröthe zu verkündigen schien. Dagegen hatte mir vom Anfange an Ihr geflügelter Genius grosse Ehrfurcht eingeflößt, und noch anziehender fand ich den Menschen in Ihnen. Es freut mich noch, daß ich Ihren Werth so zeitig gefühlt hatte; denn als ich einer sehr geistreichen Freundin aus jener Zeit Ihren Abdallah u. Lowell geliehen hatte, und sie, etwas kunstrichterisch, anmerkte: „es schiene ihr immer etwas anmassend, wenn ein „junger Mensch“ mit Werken anfinge, welche die ganze Reife eines Göthe forderten, um eigenthümlichen Werth zu haben,“ so hatte ich schon den Mut, ihr zu antworten: „Wenn ich mich nicht sehr irre, so werden Sie noch einmal die Werke dieses jungen Menschen neben die Göthischen in Ihrer Büchersamlung aufstellen.“

Seit dieser Zeit nun schmeichle ich mir einer Ihrer besten Leser gewesen zu sein, was überhaupt meine Stärke ausmacht; denn mein eigenes Schreiben, oder Dichten, hat meinem Geist eigentlich nur zur Bewegung gedient, wodurch die Gesundheit eines tüchtigen Lesers gehörig befördert wird. Auch besitze ich, Gottlob, Sinn und Gemüt genug, um bei reich-begabten Schriftstellern alles mitzuentdecken, was sie nicht selten bloß dem Weissen zwischen den Zeilen anvertraut haben. Der sel. Schleiermacher bat mich einmal, seine „Kritik der Sittenlehre“ für eine gelehrte Zeitung zu beurtheilen. Ich entschuldigte mich aber damit, daß ich das Buch wahrscheinlich nicht hinlänglich verstanden hätte; denn an mehrern Stellen folgerte ich aus dem innern Zusammenhang seiner Begriffsentwickelungen etwas viel Bedenklichers, als was er selbst zu lehren schien. Darauf antwortete er mir scherzend: „Eben deswegen, weil ich Dich als einen so guten und gründlichen Leser kenne, wollte ich daß Du gewisse Dinge zur Sprache bringen solltest, die ich meine Gründe hatte, hier nicht näher zu erörtern. Die von Dir gerügte Zweideutigkeit ist unverkennbar für den Selbstdenker, aber absichtlich; und Du kannst überzeugt sein, daß unsre alltäglichen Bücherrichter sich nicht dabei aufhalten werden.“ —

Eben so fromm und aufmerksam glaube ich nun die meisten Ihrer Schriften, gelesen und wieder gelesen zu haben. Nicht alle, denn vieles von den neuern ist mir unbekannt geblieben in diesem Nordischen Winkel, vorzüglich von dem, was hie u. da in Zeitschriften abgedruckt worden. Um so sehnsuchtsvoller erwarte ich nun die Sammlung Ihrer sämmtlichen Werke, die ich schon bei meinem Berliner Buchhändler bestellt habe. Einen innerlich und äusserlich so reichen, durch seine Eigenthümlichkeit ehrfurchtgebietenden Dichter, wie Tiek, betrachte ich nehmlich gerne wie den Strasburger Münster. Wer möchte hier einzeln abgebrochene Zierrathen u. Figuren bewundern? — Wer den Eindruck dieser andächtigen Begeisterung nicht in sich aufzunehmen vermag; wer sich dem Genuß des Ganzen nicht unbedingt hingiebt, — der mag ja lieber freundliche Gartenhäuser beschauen, oder zierliche Nachbildungen alterthümlicher Tempel anstaunen! — Es mag immer bloß ein eigenthümliches Gefühl sein, Schmeichelei ist es wenigstens nicht, wenn ich freimütig bekenne, daß mir Ihr Dichtergenius so gar mehrof a piece“ scheint, wie Göthes, dem übrigens wohl niemand eine vielseitigere Bewunderung zollt, als ich. Aber daß Ihre Muse, seitdem ich inniger mit ihr vertraut worden, die gemütlichste Lebensgefährtin gewesen, die mein späteres Leben überall begleitet, überall frisch u. jugendlich erhalten hat, — das ist eben der eigentliche Gegenstand dieses Danksagungs-Schreibens; denn bloß als ein solches müssen Sie diese unbedeutenden Blätter betrachten. Ist doch die Samlung Ihrer kleinen Gedichte schon seit Jahren mein Gesangbuch gewesen — hier vorzüglich, wo ich von allen meinen ehemaligen Glaubensgenossen so entfernt, und so vereinsamt zurückblicke nach dem gelobten Lande meiner genußreichen Jugend. Mag es sein, daß deutsches Blut, von väterlicher und mütterlicher Seite, noch immer in meinen Adern siedet, das kein Nordwind zu kühlen vermag, — Deutschland ist u. bleibt auf ewig das wahre Vaterland meines Geistes u. meines Herzens, und diese lebendige Anhänglichkeit an das „Land der Eichen“ ist mir nicht angebildet worden durch meine dortige Erziehung, sondern diese hat jene nur früher u. vollständiger in mir entwickelt. Auch ist jenes Gefühl nicht etwa durch spätes Entbehren in diesem Augenblick unruhiger geweckt worden. Schon vor einigen und 20 Jahren durchglühte mich diese Vorliebe so kräftig, daß Göthe mich einmal im Scherze: „einen Allemand enragé“ nannte, u. mich rieth nach England zu reisen, wo man mich mit dem Gruß empfangen würde: „No German nonsense swells my British heart.“ (ein Vers aus einer damals eben erschienen Satire: Pursuits of Literature.)

Wohl habe ich seitdem einen bedeutenden Theil meines zersplitterten Lebens in Frankreich u. England zugebracht; aber mich dort nur um so lebhafter überzeugt, daß der Reichthum des geistigen Lebens sich in diesen beiden Ländern mit dem Deutschen keinesweges messen kann. Und doch gehör’ ich zu denjenigen, die sich auch in der Fremde leicht ansiedeln. Ueberall suchte ich dort mir Sprache, Sitten u. Ansichten der Einwohner so freisinnig, wie möglich anzueignen, weil man nur dadurch Nutzen u. Freude hat von seinen Reisen und seinen vielseitigen Beobachtungen. Aber auch das ist ja ein seltener Vorzug des Deutschen Genius, daß er das Vortreffliche des Fremdartigen oft treuer u. reiner in sich aufnimmt, als die Eingebornen selbst. Daß Sie den Shakespeare unstreitig richtiger fassen u. erklären, als alle die kunstrichterischen John Bulls, deren ich, während meines Aufenthalts in London, so viele zusammenbrachte, daß solche jetzt 27! dicke Oktavbände füllen. — Aber mir wenigstens hat das Einseitige jener feingeschliffenen Ausbildung der Nichtdeutschen, den Reichthum der einheimischen nur um so lieber und theurer gemacht. —

„Mit dem rost-beef u. dem Porter vertrage ich mich schon ganz einheimisch; den Kohlendampf liebe ich sogar, — schrieb ich aus London an eine Freundin in Berlin, — die Aussenwelt genügt hier vollkommen, aber mein inneres Leben schnappt überall vergebens nach Deutscher Luft, u. mein Geist vermißt sehnsuchtsvoll Deutsche Freiheit!“ — Von Frankreich lassen Sie uns nicht sprechen. Die Pariser Kinderschuhe hatten wir doch wohl schon ausgetreten, lange ehe Ludwig Filipps „freisinnige“ Unterthanen anfingen, dramatische Stiefel und lange Beinkleider nach deutschem Schnitt nothdürftig zusammen zu pfuschern; und ihren Victor Hugo zu einem Shakespeare aufzustutzen. Uebrigens lieb’ ich die Franzosen sehr, so lange sie Kunst und Leben leicht und scherzhaft nehmen. Nur der großartige Ernst scheint ihrer Natur nicht angeboren, weswegen auch ihre Staatsumwälzung so jämmerlich mißglückte.