Boisserée, Sulpice.
Ueber die Verdienste, welche sich dieser außerordentliche Mann, im Vereine mit seinen Brüdern: Melchior und Baptiste Bertram um Studium und Geschichte altdeutscher Kunst erworben, ist kein Wort weiter nöthig. Im Jahre 1831 ging von ihm das große Werk aus, welches den Kölner Dom in seiner ganzen erhabenen Gesammtheit zur Anschauung brachte, und dadurch gab eigentlich B. den ersten entscheidenden Impuls zum Ausbau dieses bewundernswürdigen Denkmals aus großer Zeit. — Die von ihm hier mitgetheilten vier Briefe reichen von 1815 (B. ist 1783 zu Köln geboren) bis 1835. Der erste derselben möchte in seiner, nur kunsthistorischen Mittheilungen gewidmeten, Ausführlichkeit vielen unserer Leser zu lang dünken. Doch da er von Tieck ausdrücklich für die Aufnahme bezeichnet worden, durfte er nicht zurückgelegt werden.
I.
Heidelberg am 25. November 1815.
Werther Freund, auf Ihre lieben freundlichen Klagen über mein Stillschweigen hätte ich ebengleich antworten sollen, und habe es auch in Gedanken gethan, aber dafür die Feder anzusetzen, war mir bisher wegen unaufhörlichen Geschäften kleinen Reisen und allerley Zerstreuungen rein unmöglich.
Daß wir Ihre Freundschaft nicht vergeßen, daß wir Sie lieb behalten, wird Ihnen Ihr Freund Burgsdorf geschrieben und gesagt haben.
Ihr Andenken an die sterbende Maria und Ihr lebhafter Wunsch, den Meister dieser Herrlichen Bildes zu kennen, freut uns von ganzem Herzen; es geschieht uns gar zu selten, daß Sinn und Geistvolle Freunde unsere Forschungen in der alten Kunstgeschichte mit uns theilen, noch weniger, daß einer, wie Sie, mehrere Jahre lang seine Aufmerksamkeit auf einen einzigen und Hauptgegenstand wendet.
Die Frage nach dem Meister unseres Bildes war eine der wichtigsten und schwierigsten zugleich; sie konnte nicht beantwortet werden, ohne die ganze altniederländische Kunstgeschichte neu zu beleben, darum gelang es uns auch erst im vorigen Jahr, nach einer vierten Kunstreise in Braband, sie mit voller Gewißheit zu entscheiden. — Ihre Fragen und Bemerkungen geben uns nun ein angenehmes Wiederspiel unserer eigenen Forschungen, sie kommen der Wahrheit sehr nahe, ohne sie erreichen zu können, weil es an Mannichfaltigkeit der vergleichbaren Werke und an festen Punkten fehlt; dabey aber geben sie uns eine gar schöne Bestätigung unseres Urtheils über die Dresdener Bilder, welches natürlich eine bedeutende Stelle in dem Kreise unserer Untersuchung einnimmt.
Daß die sterbende Maria von einem der bedeutendsten Niederländer und von einem der späteren mit Lucas von Leyden und Dürer gleichzeitigen, der Italien — den Raphael und den Leonardo gekannt — herrühren muste, das hatten wir immer gefordert. Aber wer sollte der glückliche gewesen seyn? Da er sich von den früheren großen Männern von Eyck und Hemmelinck und auch durchaus von dem Zeitverwandten Lucas von Leyden unterscheidet!
Sie vermutheten zwar damals schon, als Sie das Bild sahen, es könne von Meister Lucas seyn, allein Ihre Vermuthung stüzte sich blos auf das kleine Bildchen: die Anbethung der Könige in Dreßden, welches Sie mit dem größten Recht unserem Meister, die Verfaßer des Catalogs hingegen mit destomehr Unrecht dem Lucas von Leyden zuschreiben.