Die Bilder von Lucas von Leyden in Paris, andere bey Lieversberg in Köln, das jüngste Gericht in Leyden selbst, das Altar-Bild mit Flügelthüren, welches wir von ihm besitzen (welches aber bey Ihrem Besuch noch in Köln war) — alle diese Bilder, wenn Sie dieselben ohne gar zu große Unterbrechung nacheinander betrachten und vergleichen könnten, wie wir gethan haben, würden Sie überzeugen, daß Lucas von Leyden ein anderer, und nicht so einfach ruhig anmuthig, nicht so leicht und frey war, wie unser Mann.

Der Ausdruck bey Lucas ist immer etwas geziert empfindsam oder dunkel schwermüthig; die Mienen sind häufig was man gekniffen nennt; die Zeichnung geht bey vieler wahrhaften Großartigkeit doch sehr oft und besonders an den äußersten Theilen an Händen, Füßen u. s. w. ins Kleinliche und Rauhe. Dagegen erhebt ihn seine Ausführung Kraft und Rundung in der Farbe noch über unseren Meister.

Alles dieses gilt auch von der Maria bei Frauenholz in Nürnberg, die an Glanz und Pracht der Mahlerey das vollkommenste ist, was ich von Lucas kenne. Die Ihnen scheinende Aehnlichkeit mit unserem Meister hat ihren Grund blos in der Schule, Gleichzeitigkeit und Landsmannschaft. Und dies findet sich noch viel mehr bey den in Dresden für Mabuse angegebenen drey Königen: Die Ruhe, die Anmuth die Zartheit im Ausdruck und wieder manches einzelne, die Gestaltung der Hände u. s. w stimmt, wie Sie richtig bemercken, sehr mit unserem Meister überein, jedoch zeigt sich ein bedeutender Unterschied in der Zeichnung ganz besonders aber in der Farbe. Dieses ist Ihnen auch nicht entgangen und Sie glauben daher, das Bild sey früher als jenes Kleine gemahlt und nicht gehörig gereinigt.

Ich begreife es nur zu gut, daß Sie sich auf diese Weise aus dem Dunkel zu helfen suchen, denn mich selbst hat das Bild in die gröste Unruhe und Verwirrung gesezt. — Ich erkannte die Verwandschaft, nur konnte ich den Unterschied der Farbe nicht für einen Mangel an Reinigung halten. Es war das erste Bild, welches mir von der Art vorgekommen. Ich wuste nicht, wem ich es zuschreiben sollte; eine andere Behandlungsweise unsers Meisters anzunehmen, hatte viele Schwierigkeiten, weil es natürlich eine frühere seyn muste, dafür waren aber einzelne Theile besonders die Köpfe der beyden vorderen Figuren, des Lukas und Dominikus mit viel zu großer Kunst Fertigkeit ausgeführt. Und doch hinwieder, wer sollte der andere verwandte Meister seyn? Die Angabe des Catalogs konnte mir nichts gelten, ich hatte schon zu viele Erfahrungen gemacht, daß man in der altdeutschen Kunst an die Taufe der Gallerie Directoren nicht glauben darf. — Indeßen nach Carl von Mander’s Geschichte der Nieder Ländischen Mahler waren Johann Mabuse und Johann Schoorel die einzigen, auf die sich dencken ließ, und die man kennen lernen mußte, ehe man sich erlaubte, irgend einen Unbekannten für unseren Meister anzunehmen, welches ohnehin bey dem Zeitalter, dem er angehört, sehr gewagt gewesen wäre.

Von Mabuse erzählt Carl van Mander: Er war Zeitgenoß von Lucas von Leyden, sehr leichtsinnig und ungebunden in seinem Lebens Wandel hingegen in der Behandlung seiner Werke so verwunderlich geschickt, sauber und geduldig, als irgend ein Künstler seyn mochte. Er studirte in der Jugend fließig die Natur, zog dann nach Italien und brachte die rechte Art zu ordnen, das Mahlen von Geschichten mit Nackten Gestalten und allerley dichterischen Verzierungen nach Flandern. — Auch reiste Albr. Dürer im Jahr 1521, wie dieser in seinem eigenen Tagebuch bestätigt, nach Middelburg um das Haupt Stück von Mabuse zu sehen, und bewunderte es sehr. Das Bild wurde nachher mit samt der Kirche vom Blitz vernichtet. Im Jahr 1527 besuchte Lucas von Leyden den Mabuse zu Middelburg und gab ihm und den übrigen Mahlern ein prächtiges Gastmahl, welches ihm 60 Gulden kostete; eben so prächtig gastierte er auch die Mahler zu Gent, Mecheln und Antwerpen, überall begleitete ihn Mabuse sehr prunkend in Goldstoff gekleidet, Lucas aber trug gelb seidenen Kamelot, der in der Sonne wie Gold glänzte. — Seit dieser Reise war Lucas immer kränklich und brachte die 6 lezten Jahre seines Lebens mit Mahlen und Kupferstechen im Bett zu. Einige glaubten, er habe von neidischen Künstlern Gift bekommen, er starb 39 Jahr Alt im Jahr 1533. — Das Sterbejahr von Mabuse wird, jedoch nicht ganz zuverläßig, auf 1562 angegeben.

Ich stelle Ihnen alle diese Umstände so ausführlich zusammen, damit, wenn der Karl van Mander Ihnen nicht zur Hand seyn sollte, Sie doch gleich eine bequeme Uebersicht haben und so fahre ich auf dieselbe Weise von Schoorel fort:

Dieser hat vor allen ein neues Licht aus Italien in die Niederländische Kunst gebracht, und soll ihn deshalb Franz Floris die Fackel der Niederländischen Kunst genannt haben. Er wurde im Jahr 1495 in dem Dorf Schoorel bey Alckmar gebohren und verlohr als Kind seine Eltern. Von Jugend auf hatte er eine Große Neigung zum Zeichnen, so daß er in der Schule mit dem Feder Meßer allerley Bildwerk auf die Hörnenen Tinten Fäßer schnitt und darum von dem Schulmeister sehr lieb gehalten und gepriesen wurde. Man gab ihn früh nach Harlem zum Meister Willem Cornelisz in die Lehre. Hier blieb er 3 Jahre, kam dann 1512 zu Jacob Cornelisz nach Amsterdam, in deßen 12 jährige Tochter er sich verliebte, wurde durch den Ruhm des Mabuse nach Utrecht gezogen, lernte bey ihm, konnte aber wegen deßen ausgelaßenem Lebens Wandel nicht lange bleiben; gieng nach Köln, Speyer, Straßburg, Basel, besuchte überall die Mahler Stuben und verkaufte seine Bilder, je wie sie fertig wurden. Nirgend verweilte er lange, denn er arbeitete sehr schnell. In Nürnberg lernte er einige Zeit bey Dürer, doch konnte er sich über Luthers Neuerungen nicht mit ihm verstehen, und reiste nach Steyer in Kärnthen, wo ein Edelmann ihm seine Tochter geben wollte, die Treue gegen die Geliebte in Amsterdam hinderte Schoorel diesen Antrag anzunehmen; so zog er nach Venedig und von da nach Jerusalem. Dies geschah im Jahr 1520 und im selbigen Jahr kehrte er aus dem gelobten Lande zurück. Auf der Rückfarth mahlte er ein Bild für die Geburts Stätte Christi, er sandte es von Venedig dahin, es wurde seitdem von Reisenden an diesem heiligen Ort gesehen. In Italien besuchte er nun verschiedene Städte, kam endlich nach Rom, lernte Pabst Hadrian den VIten, einen Utrechter, kennen, mahlte ihn und wurde Aufseher über das Belvedere. Der Pabst aber regierte nur anderthalb Jahre; nach seinem Tod, im Jahr 1523 oder 1524, zog Schoorel wieder nach Utrecht; hier hörte er, daß ihm seine Geliebte untreu geworden, und sich mit einem Goldschmidt vermählt hatte; blieb eine Zeitlang in Utrecht, wohnte dann in Harlem und nahm später eine geistliche Pfründe in Utrecht an. Er war mild und fröhlich von Geist, gesellig und angenehm im Umgang, gewandt und fertig in vielen Sprachen, übte Dichtkunst und Musik. Bey allen diesen persönlichen Vorzügen verschaffte ihm seine Kunst leicht die Gunst vieler großen Herren und Fürsten. Er starb im Jahr 1562: Sieben und Sechszig Jahr alt. Eine Grabschrift unter seinem Bildniß bezeugt es. Das Bildniß wurde 1560 von dem berühmten Bildniß Mahler Antonio Moro gemahlt. Dieser Moro (eigentlich Mor) und Martin Hemskirch waren seine Schüler.

Sie sehen wohl lieber Freund, daß diese beyden Lebens Beschreibungen vortreflich zu den Bemerkungen paßen, welche wir wechselseitig über unsere sterbende Maria und über jenen großen drey Könige in Dresden gemacht haben; die Verwandschaft mit einander und mit Lukas Leyden, dann die Bekanntschaft mit den Italienischen Meistern und alles übrige erklärt sich daraus. Indeßen um aufs klare zu kommen, muste man wenigstens von einem der beyden Meister zuverläßige Bilder kennen lernen. Dies ist uns nun rücksichtlich des Mabuse gelungen, und ich kann Ihnen versichern, daß diesmal der Dresdener Katalog recht hat.

In dem Museum zu Brüssel befindet sich ein ächtes Bild aus der ersten Zeit von Mabuse, wir selbst besitzen jetzt eins aus der mittleren Zeit, wie das Dresdener, und ein Zweites aus der letzteren Zeit, welches mehr in italienischer als in Deutscher Art gemahlt, und ganz dem Leonardo nachgeahmt ist. Ein gründlicher Mahlerey-Kenner in Brüssel, der selbst eins der besten Gemählde von Mabuse die in seinem Leben angeführte kleine Kreuz Abnahme, in Händen gehabt hat, bestätigte uns die Aechtheit dieser Bilder; auch sahen wir diesen Herbst bey einem französischen Mahlerey Händler noch eine schöne Anbethung der Könige, welche gleich auf den ersten Blick an die Dresdener erinnerte und mehrere ganz ähnliche Köpfe hatte. An allen diesen Bildern selbst an dem ganz dem Leonardo nachgebildeten bemerckt man dieselbe grau-bläuliche nebelartige Farben-Behandlung wie an dem Dresdener Bild.

Die Folgerung auf den liebenswürdigen Meister Schoorel macht sich nun von selbst. Es ist uns zwar noch nicht sowohl geworden, anderwärts ein zuverläßiges Bild von ihm zu Gesicht zu bekommen; was man unter seinem Namen in Brüssel zeigt, hat weder innere noch äußere Gründe für sich und kann kaum als Werck eines der mittelmäßigsten Niederländischen Mahler gelten. Hingegen stimmt mit unserer sterbenden Maria, mit den kleinen drey Königen in Dresden, und mit noch 3 anderen kleinen Bildern in unserer Sammlung alles zusammen, was die Lebens Beschreibung aussagt. Ja zulezt tritt noch ein Aeußerer Umstand dazu, welcher der Sache fast unumstößliche Gewißheit giebt, und das ist die Aehnlichkeit mit den ersten Wercken von Martin Hemskerck; denn von diesem erzählt Carl van Mander, er sey, nachdem er bey mehreren Meistern gelernt, zuletzt Schüler bey Schoorel gewesen, und habe deßen Mahlerey so nachzuahmen gewust, daß man seine Wercke schwer von denen des Meisters habe unterscheiden können; bis er dann freylich nachher seine eigenthümliche und vollends den Italienern nachgebildete Weise angenommen. — Die Bilder von Hemskerck aber sind genau bekannt, und wir besitzen selbst eine ganze Reihe aus den verschiedenen Zeiten seines Lebens; wobey man sich zur Genüge überzeugen kann, daß die ersten würklich dem Schoorel sehr nahe kommen und darum auch alles übertreffen was Hemskerck nachher gemahlt hat.