Geliebter Freund.

Ich benutze die Rückreise des Hofr. Hase, um Ihnen die schon seit dem Juni für Sie bereit liegende Abhandlung über den Tempel des Heil. Grabes zu senden. Es ist die Frucht einer früh angefangenen, oft wieder fortgesetzten und erst vor anderthalb Jahren ganz vollendeten Arbeit, der Sie so Liebe wie Beharrlichkeit ansehen werden. Der Entwurf der Zeichnungen hat mich gleich in der ersten Zeit beschäftigt und hat mir zu allen Zeiten, besonders auch später bei der näheren Ausführung viele Freude gemacht. — Es ist das erste, was ich seit den Ergäntzungen zum köln. Dom von meinen Entwürfen architecton. Zeichnungen bekannt mache. Möchten Sie auch einige Freude daran haben. Möchte Ihnen überhaupt die ganze Abhandlung gefallen und Veranlaßung geben, mir zu schreiben. Ich würde Ihnen dafür recht sehr dankbar seyn; an Erwiederung sollte es nicht fehlen. Ich sehne mich oft von ganzem Herzen nach Ihrer geistreichen, belebenden Unterhaltung; denn es giebt eine Menge Dinge und Verhältnisse von dem höchsten Werth, über die ich mich nur Wenigen mittheilen und mit Niemand so gut verständigen kann, als mit Ihnen, theuerster Freund. Diesen Sommer hoffte ich Sie in Baden zu finden, aber gerade dieses mal sind Sie nicht gekommen, und in vorigem Jahr ist mir die Hoffnung, daß Sie uns hier besuchen würden vereitelt worden. —

Wie es im nächsten Jahr werden wird? wer kann es wissen! Darum lassen Sie uns, zwar immer das günstigste hoffend, in der Gegenwart das Gewisse vorziehen und Briefe wechseln, bis uns so wohl wird, uns des Wiedersehens zu erfreuen. Vorigen Winter habe Ihrer ganz besonders oft gedacht indem ich die Einleitung zu meinen Beiträgen zur Geschichte der altdeutschen Malerei geschrieben. Die Berufung zur General-Inspection der Denkmale des Mittelalters in Bayern und andere mir ganz unerwartete, keineswegs mit diesem Geschäft zusammenhängende Arbeiten (— Vertretung der Akademie der Wissenschaften und des General-Conservatoriums aller hiesigen wissenschaftlichen Sammlungen und Anstalten bei dem Ministerium des Innern —) hat mich in der Redaction jener Beiträge unterbrochen. Auch kamen vielerlei Leiden dazu, wovon ich mich jedoch in Baden und Heidelberg glücklich erholt habe. Bleibe ich gesund, so hoffe ich diesen Winter den Faden wieder aufzunehmen, und so lange fortzuspinnen bis ich fertig bin. Wie steht es denn mit Ihrem Vorhaben in Betreff des Sternbald? Sagen Sie mir doch etwas darüber. Ich komme mir, wenn ich in die Zeiten der Jugend zurückdenke, immer einsamer vor; es sind schon viele dahingegangen, die wir geliebt, an denen wir uns belehrt, erfreut und erhoben haben; und nun ist die Welt großentheils so verwirrt abgeschmackt und niederträchtig geworden, daß ich das Bedürfniß doppelt fühle, mit den wenigen Bewährten und Verehrten Männern alter Zeit desto fester zusammen zu halten. Nehmen Sie dieses Geständniß zu Herzen und lassen Sie mich es nicht vergebens gemacht haben.

Meine Frau, Bruder und Freunde grüßen mit mir Sie, die lieben Ihrigen und alle gemeinsamen Freunde, von ganzem Herzen alles Gute, Schöne, Glückliche: Gottes-Seegen wünschend!

Sulpiz Boisserée.


Bothe, Friedrich Heinrich.

Seitdem Tieck’s beredeter Mund im Tode verstummte, bei wem wäre über die Bedeutung vieler einzelner Blätter in diesem Nachlasse bunt durcheinander geworfener Briefschaften Aufschluß zu suchen, als bei Rudolf Köpke, dem gewissenhaftesten, hingebendsten, eingehendsten aller Biographen, die da waren und sein werden. Dieser unermüdliche Durchforscher des Tieck’schen Herzens von dessen frühesten Lebensjahren bis zum sanften Ende des verklärten Greises, sagt uns, daß Bothe Ludwig’s stürmische Bewerbungen um erwiedernde Freundschaft nur durch schnöde Kälte vergolten habe. Die beiden Mitschüler standen sich als zwei total verschiedene Naturen so fern wie möglich, und dennoch kämpfte des Einen feurige Liebe immer wieder um Gegenliebe. Ja, man könnte sagen: Tieck hat sich förmlich weggeworfen, um nur ein zärtliches Wort zu erbetteln, — und immer vergeblich. Er machte alle Wasser- und Feuerproben stolzverschmähter Sehnsucht durch, und es brauchte lange, eh’ er zu dem Entschlusse kam, sich loszureißen. Dann entließ er solch’ gefühllosen Pedanten allerdings mit dem unzweideutigen Abschiedsworte: „So geh’ denn, dummer Junge!“

Daß ihr Wiedersehn in Halle (1792) keine gesegneteren Früchte trug, ist leicht begreiflich. Dreiunddreißig Jahre später sind sie in Mannheim, von wo aus B. sich als „rühriger Philolog“ bekannt gemacht hatte, abermals zusammengetroffen, und wie Tieck ihn da fand, sah er nun wohl klar, „daß nur schwärmerischer Jugend-Enthusiasmus“ von Freundschaft habe träumen können zwischen Jenem und ihm selbst.