Mein theurer Freund!
Von unsrer Freundin Fr. v. Lüttichau erfuhr ich gestern was Sie betroffen und es drängt mich Ihnen ein Freundeswort als Zeichen dessen zu senden was ich bei dieser Nachricht für Sie empfand und was immerfort in mir nachdröhnt! — Jeder Glockenschlag des Todesläutens geliebter oder verehrter Menschen rührt immer eigenthümlich an dem Vorhange welcher die großen Geheimnisse der Seele und alles Lebens verhüllt — nicht daß er den Vorhang zu heben vermöchte aber er durchzittert ihn mit einer Ahnung von dem was er verbirgt und es wird deutlicher in uns daß hinter ihm wie vor ihm nur ein Leben und ein Geist sich bethätigen könne und indem die Thräne aus unserm Auge sinkt, wird sie zugleich zum Thau welcher eine eigne große Freudigkeit als Blüthe erschließt, und Das ist es was wir den eigentlichen Trost nennen dürfen.
So, denke ich mir, ist es in Ihrer Seele und nur das wollte ich Ihnen aussprechen und Ihnen die Hand drücken und sagen daß Sie mir theuer und verehrt sind! und somit kein Wort weiter als daß auch die Meinigen Ihnen treuste Theilnahme senden!
Für immer
Ihr
Carus.
Chezy, Wilhelmine Christine v., geb. v. Klencke.
Als Enkelin der Karschin am 26. Januar 1783 zu Berlin geboren, 1805 mit dem Orientalisten Chezy zu Paris vermählt, nach fünfjähriger Ehe von ihm geschieden, wechselte sie wandernd, dichtend, oft ihren Aufenthalt, und gewann ihrem regen Geiste, ihrem guten Herzen eben so viele Freunde, als sie sich durch vielfache Rücksichtslosigkeiten Tadler zuzog. Daß sie ein ächter, berufener Poet, die von der Großmutter ihr angeerbten Gaben zu lieblicher Entfaltung brachte, müssen unparteiische Beurtheiler zugestehen. In ihren Gedichten, 2 B. (1812) — Herzenstöne auf Pilgerwegen (1833) — Stundenblumen, 4 B. (1824–27) — duften viele reine, anmuthige Blüthen. Minder bedeutend möchten „Erzählungen und Novellen“ 2 B. (1822) — so wie der Roman Emma’s Prüfungen (1827) — befunden werden. Ihr durchaus weibliches Talent war lyrisch nicht episch. Am allerwenigsten war es dramatisch, und daran hatte Weber zu leiden. Man könnte die scherzhafte Grabschrift Lessings, Voltaire betreffend, parodisch auf den Operntext zur Euryanthe und auf Frau Wilhelmine anwenden, wo Jener sagt:
„Der liebe Gott verzeih’ in Gnade