Die Sache ist weiter nichts als — ein inniger Dank für Ihren Phantasus. So ein Dank von mir hat freilich Ihnen so wenig zu bedeuten als mein Urtheil, objectiv gesprochen. Aber wenn nun der Mund überfließt, wes das Herz voll ist?

Ich riß mich 1½ Tage vom Amte los, um am dritten Orte Fessern (den Sie ja kennen gelernt haben, Kgl. Gerichts-Kanzler in Grüssau) Ihren Phantasus vorzulesen. (Hätten wir ihn von Ihrem Munde hören können!) Sie haben uns Einen der schönsten Tage gegeben, dergleichen sich nur irgend einem überladenen Geschäftsmenschen (juristischen oder scholastischen, gleichviel) entwinden lassen. Wie lebhaft dachten wir an Ihre Gegenwart in Warmbrunn und Grüssau zurück! Und wie genußreich wirkte der Geist des Symposions auf Manfreds Schlosse auf unser einsames! Dürfen Lehrlinge den Meister zu guter Stunde irgend einmal fragen: Meister, wie meinst du dies oder jenes? oder: warum thust du das? so dürfen wir vielleicht uns auch Belehrung ausbitten,

ob nicht das Malen der Wasserfälle damit noch zu vertheidigen sey, daß die ewig rege Phantasie das ewig successive Leben der Natur im Tanzen, Sprudeln, Murmeln, Rauschen &c. von selbst supplire;

wie denn wohl die Erzählung des Tannhäusers mit der Geschichte zu reimen sey, die Sie erzählen — war das nur ein Phantasma und Wahnsinn, daß er den Freund gemordet und daß Emma im Kloster gestorben, welcher Glaube bleibt uns für die eodem tenore erzählte Wirklichkeit der Ereignisse im Venusberge? —

ob es nicht zu herzangreifend sey, daß Emil’s Seufzer zur Madonna und Gott, das Vertrauen, die ewige Liebe werde ihn schützen, so wenig erhört wird, daß er vielmehr wirklich in den Zauber verstrickt wird und untergeht;

ob es nicht noch herzergreifender sey, daß der unschuldige Friedrich von Wolfsburg (soll ihm seine Freundschaft mit dem Tannhäuser zum Vorwurf gereichen?) um des brennenden Kusses willen auch hinunter muß — so etwas kommt freylich in Volkssagen vor, aber spielt hier nicht das dunkle Verhängniß mit einer zu grausamen Willkühr, die über alles Tragische hinausliegt? —

wie doch wohl Emil’s Geliebte, die in allem Übrigen untadelig erscheint, zu der gräßlichen Verbindung mit der Alten im rothen Leibchen kommt, da man doch von ihr vermuthet, sie werde gut und fromm seyn — daß sie ihrer Liebe sogar das Leben des Kindes und ihr Seelenheil zum Opfer bringen werde, erscheint nicht ganz motiviert und ist fast gar nicht angedeutet. Sollte sie in diesem mystischen Dunkel bleiben? und liegt dieses Dunkel nicht viel mehr in der Composition, als in der Sache? (Daß sie nach dem Morde von Reue, Bekenntniß, Rettung &c. fern bleibt, ist sehr natürlich.)

ob wohl die Deduction, wirkliche Vorfälle von der Art, wie z. E. Urbain Grandier’s Martern im Pitaval, seyen eben so grauenhaft als der Runenberg und der Liebeszauber, völlig treffe. Sollte wohl das Bewußtseyn des Nichtwirklichen (welches Bewußtseyn ja ganz cryptisch wird) mildern und trösten können? Das Individuelle ist es ja nicht, was uns erschüttert, sondern die in einem fingierten Paradigma dargestellte Wahrheit der wirklichen Menschennatur. Auch ist der Schauder bei Grandier’s Geschichte, der mich freylich ein wenig beschlich, als ich sie im Pitaval las, doch anderer und, daß ich so sage, traulicherer Art; er ist zusammengesetzt aus physischem Grauen und sittlichem Unwillen, zweyen Mißgefühlen, deren Gegenstände uns täglich vorstoßen. Aber in dem Crescendo-Mährchen des Phantasus greift die übersinnliche Welt gespenstisch in das Leben hinein und da halte Einer dagegen aus, wem Gott eine Phantasie gab. Nicht als wollte ich das Recht dieses Genre, zu existiren, nicht anerkennen. Auch ein schauderhaft Schönes ist schön und schauderhaft ist noch nicht häßlich. Aber die Gründe, mit welchen die holden Recensentinnen geschlagen werden, dünken mir zum Theil Vexirwaffen zu seyn (wenn gleich die Hiebe auf Kotzebue, Iffland &c. treffend sind, denen Gott von ihrem dramatischen Unwesen eine fröhliche Urstäte verleihe!) Eine wahrhaft gebildete Frau sagte mir, sie habe Ihre Grauengebilde immer noch lieber als Jean Paul’s. Das finde ich auch; Sie martern uns doch nicht, sondern bestreichen die lanx satura nur mit einer guten Dosis Asa foetida, die freylich den Mund mit verzieht, aber doch nachher wohl bekommt (si ventri bene est pedibusque u. s. w., denn nervenschwachen Leuten möchte ich den Runenberg und Liebeszauber nicht rathen). Die weichliche, zerfließende Qual im Jean Paul ist — des Teufels implicite mehr als irgend etwas und man möchte immer hinterher eine Dosis de la Motte Fouqué oder noch lieber classisches Alterthum zur Cur nachtrinken, so gern ich auch sonst in den Toast auf Jean Paul in dem Manfredschen Schlosse einstimme und so unsterblich er ist. — Daß Christian wieder kommt, das ist besonders entsetzlich; sowie im Liebeszauber, daß wir mitten im socialen, modernen Leben von dem Ungeheuren so überfallen werden, wobei vorzüglich das grüne, schielende Auge des Drachenfelses trefflich secundirt: äußere Angst zur inneren (sittlichen) gesellt. Emil fällt bewußtlos nieder, und ich, der ich jenes Mährchen zwischen Geschäften zu Hause still für mich ganz munter gelesen, der ich noch dazu dem Freunde, der an Christian schon mit Grauen gesättigt war, den Liebeszauber absichtlich recht schlecht voraus erzählt hatte, und das schauderhafte Interesse der Neuheit wenigstens abzuschwächen, las dennoch dieses Mährchen, in banger Erwartung schon, zitternd schlecht vor, und bei der ersten und zweiten Catastrophe, besonders bei der ersten, schlich mein Blut zum Herzen zurück, ich wurde blaß, die Hände erkalteten mir und ich war im Daseyn angegriffen. Es war Abend, Leser und Hörer frey von aller Störung und ganz dem Mährchen hingegeben. — Im Grunde aber möchte ich doch den wiederkehrenden Christian den Gipfel des Grauens nennen; wenigstens ich als Mann (ein Weib setzt vielleicht den Liebeszauber eine Stufe höher, wie es auch Ihre Manfredischen Damen thun). Ob ein Rest von Krankheit Sie in diese schauderhafte Gebilde hinein vibrirt hat? oder ob Sie nicht vielleicht auf dieses Anklopfen an den Gränzen des Menschengeistes etwas krank geworden? so habe ich fragen hören.

Doch genug des Lehrlingsgeschwätzes. Wie könnten Sie überhaupt es zu beantworten sich abmüßigen!? Ich darf es wenigstens nicht erwarten. Denn wenn Sie jeden unreifen Zweifel schriftlich heben wollten, wo nähmen Sie die Zeit her! Aber beweisen wollte ich Ihnen wenigstens, wie aufmerksam ich das Buch gelesen und wie sehr ich (wie Fesser) Sie verehre und wie glücklich uns Ihre Nähe machen würde. Dürfen wir Sie nicht im Sommer 1813 hoffen?