Ihr

ergebener Freund

L. Tieck.

III.

Berlin, d. 9ten May 1841.

Sie würden, mein sehr verehrter, nimmer vergeßner Freund, es gewiß nicht bereuen, ein paar Minuten an mich verschwendet zu haben, wenn Sie Zeuge der Freude gewesen wären, die mir Ihr theurer lieber Brief brachte. Aus der Kirche zurückkehrend, wo ich das Abendmahl empfangen, fand ich ihn, den beglückenden Gruß aus der Ferne, und mit zehnfachem Willkommen ward er von mir begrüßt. Recht herzlichen Dank dafür! Und welche schöne Hoffnung enthält er außerdem noch! Sie werden zu uns kommen. Sie werden Ihre Vaterstadt wiedersehen, die so viele, so sehr viele Ihrer Verehrer in sich faßt, wie werden wir alle uns Ihrer Anwesenheit freuen! Und ich — vielleicht die einzige noch lebende aus dem jugendfrohen Kreise — ich werde wieder jung werden.

Ja, mein theurer Freund, noch jetzt im 71ten Jahre bewahre ich lebhaft und treu die Erinnerungen aus jener schönen Zeit — aber sie ist vorüber! Nicht für mich allein — für Alle! Es ist nicht das Alter, was mich so sprechen läßt, Sie selbst werden es finden. Welch ein geistreiches Treiben war damals unter der jungen Welt; welch ein Kreis junger Männer reihte sich um Sie her; welche Blüthen entfalteten sich da, und welche Früchte reiften der litterarischen Welt entgegen! Es mag seyn, daß ich nicht mehr in diese Welt komme, aber ich höre auch nichts davon. Ihre Anwesenheit bey uns möchte vielleicht zeigen, was hier noch zu finden ist, denn um Sie wird sich gewiß Alles drängen, was fähig ist, Sie zu begreifen, zu verehren! Aber wo gerathe ich hin! Wollten Sie denn das von mir wissen?

Sie sprachen von einer vergangenen schönen, sehr schmerzhaft theuer bezahlten Zeit.

Sie wünschen Briefe von Gentz an mich, um sie der heutigen krittlichen Welt zu übergeben? fodern Sie das nicht von mir! Ihnen durfte ich Sie damals vertrauen, Sie würden sie noch heute fühlen — aber wer sonst? Auch diese Zeit ist vorüber; die Liebe hat ein anderes Gewand umgehängt; die zarten Stoffe sind verweht, und ich glaube, ein junger Mann, der jetzt solche Briefe schrieb, würde sich nicht mehr männlich erhaben vorkommen. Die Briefe würden durch den Namen Intereße vielleicht erregen, aber kein ehrenvolles für ihn; ich habe den lebenden geschont, wenn er auch das ganze Leben mir zerstört, und sollte nun des Todten Asche stören? Zudem, wer würde es beachten, daß ein Mann der die geheimen Fäden der Staatsgeheimniße ent- und verwirren konnte, das Herz eines armen Mädchens durch seine hinreißende Beredtsamkeit entzückte, bethörte und — brach? Nein mein Freund — wie ich mit Todesschmerzen sagte: Vergebung dem Lebenden, so sagt heute die alte Frau mit gefalteten Händen: Friede dem Todten! Er soll nicht, wenn er mir auf einem andern Sterne einmal begegnete, sagen: — „Auch du?“ —

Seyn Sie mir nicht böse daß ich Ihnen abschlage, was Sie wünschen; gewiß ich vermag es nicht. Auch nach meinem Tode soll Niemand finden, was mir so nahe war!