Zürnen Sie mir nicht, mein bester, theuerster Freund, wenn ich Ihnen erst heute Nachricht von mir gebe, und Ihnen nochmals meinen Dank für alle mir erwiesene Liebe, den ich mehr zu empfinden als mit Worten auszudrücken weiß, abstatte. Theils der Wunsch, Ihnen etwas Gewisses über den Bestimmungsort unserer Kranken, über den wir erst seit einigen Tagen ganz ins Klare gekommen sind, zu sagen, theils körperliche Plagen, mit denen ich schon einige Tage nach meiner Heimkehr wieder heimgesucht wurde, sind der Grund der mir selbst sehr unangenehmen Verzögerung.

Meine Rückreise hat mir im Ganzen einen großen, Mühe und Aufenthalt mehr als lohnenden, Genuß gewährt. Welch eine Stadt ist dieses Nürnberg, welch ein Genuß, nur durch die Straßen zu gehen, und die reizende, wunderbare Mannigfaltigkeit der zierlichen Häuser zu betrachten! Der Eindruck ist unauslöschlich für das Leben, der Erweiterung kunstgeschichtlicher Anschauungen ganz zu geschweigen. In letzterer Hinsicht war mir auch Bamberg sehr merkwürdig, die Thürme seiner Kathedrale lassen einen merkwürdigen Blick in die Bildung, vielleicht in die Denk- und Anschauungsweise der salischen Zeit thun. Ist nicht diese Architectur eine in sich geschlossnere, mehr bei einem bestimmten Ziele angelangte als die gothische in ihrer vollen Entwickelung? Und entspricht diesem nicht der ganze politische und sociale Zustand unter den ersten Saliern, wo das ganze Mittelalter einem freilich beschränktern Schlußpuncte, als die berauschenden Blüthen der beiden folgenden Jahrhunderte verhießen, nahe schien, während aus den gewaltsamen Kämpfen derselben gar keiner hervorging?

Würzburg habe ich nicht gesehen, sondern bin bloß in der Nacht durchgeeilt, und in Pommersfelden hatte ich, dem immer besondere Fehlschläge aufgespart sind, ein eignes Mißgeschick. Einen ganzen Tag hatte ich für diese Fahrt auf fast halsbrechenden Wegen bestimmt, und einen besondern Wagen dazu genommen. Da war der alte zufällig anwesende Graf einige Tage vorher schwer erkrankt, und jeder Zutritt zur Bildergallerie versagt.

Als ich am 1t. d. M., am elften Tage, nachdem ich Ihr gastliches Haus verlassen, wieder zu dem meinigen gelangte, fand ich einen Gast, eine in Wesel wohnende Jugendfreundin meiner Frau, bereit Louisen nach Hières zu begleiten. Indeß hatten sich aber gegen die ganze Reise wegen der sich im südlichen Frankreich ausbreitenden Cholera Zweifel erhoben, und da der Zustand der Leidenden sich zugleich etwas gebessert hatte, und bei weitem nicht mehr die Besorgnisse einflößte wie früher, wurde nach langem Berathen und Schwanken beschlossen, sie zwar in jedem Falle das hiesige für Brustleidende perfide Clima für diesen Winter mit einem zusagendern vertauschen zu lassen, dazu aber nicht die fernen Ufer der Provence sondern einen möglichst nahen Aufenthaltsort zu bestimmen. Dazu wurde nach dem Rathe mehrerer Erfahrner Wiesbaden als der passendste Ort ausersehen. Dahin wird sie morgen abgehen, und gebe der Himmel seinen Segen!

Ich darf nicht vergessen zu erwähnen, daß ich die Kataloge des von Fürth nach Nürnberg übergesiedelten Antiquar Herdegen auch in Rücksicht auf Ihre Bedürfnisse und Neigungen durchgesehen, aber nichts entdeckt habe, was Sie interessiren könnte. — Die 7 ersten Bände der neuesten Ausgabe der sogenannt Beckerschen Weltgeschichte gehen morgen mit Buchhändlergelegenheit an Sie ab. Es wird mir lieb seyn, von Ihnen den richtigen Empfang zu erfahren.

Der Gräfin, Dorotheen und Agnes die besten und herzlichsten Grüße. Leben Sie wohl, und möge der Himmel Ihnen Gesundheit und Stimmung nicht versagen, alle die schönen besprochenen Pläne zu meiner und so vieler Andern Freude, Genuß und Erhebung auszuführen! Vergessen Sie Ihr Versprechen nicht, mich recht bald mit ausführlichen Nachrichten zu bedenken.

Ihr treuester Freund

Loebell.

VIII.

Bonn, den 10ten September 1838.