Wie sehr habe ich Sie um Verzeihung zu bitten, mein theuerster Freund, daß ich einen Brief von Ihnen im April geschrieben erst im September beantworte. Wirklich aber erinnere ich mich keiner Zeit in meinem Leben, in der ich wie im Verlaufe dieses Sommers so bedrängt war, daß mir auch zum Briefschreiben nicht ein Stündchen Muße blieb, daß ich einem Freunde wie Sie ein Lebenszeichen zu geben, den Anfang der Ferien erwarten mußte. Prinzenprivatissima über Gegenstände, die ich wenig bearbeitet hatte, und die daher viele Vorbereitung erforderten, und quälende, Fähigkeit und Stimmung raubende Körperleiden, hatten über alle meine Zeit so disponirt, daß mir auch zu litterarischen Arbeiten nichts übrig blieb. Es ist indeß diesmal noch eine dritte Störung hinzugekommen, deren Grund Sie gewiß nicht errathen würden — ein Hausbau. Sie sehen aus diesem für mich in mehr als einer Hinsicht kühn zu nennenden Unternehmen wenigstens, daß es mir bei aller meiner wahrlich nicht selbst verschuldeter Verstimmung doch noch nicht an allem Lebensmuth gebricht. Was mich zu dem Ihnen ohne Zweifel seltsam erscheinenden Entschluß, dessen Bedenklichkeiten und Schattenseiten ich mir nicht verhehlt habe, hauptsächlich gebracht hat, ist das aus der großen geistigen Einsamkeit, in der ich hier lebe, entspringende Gefühl der Nothwendigkeit, es mir innerhalb der Gränzen, auf die ich angewiesen bin, so bequem und ansprechend zu machen, wie möglich. Bonn behält indeß auch für den Freundlosen etwas sehr Anziehendes, seine Natur, und es ist Jedem, der hier leben soll, dringend zu rathen, sich so viel als möglich in die Mitte derselben zu versetzen. Das sehen Leute sehr verschiedner Art seit Jahren auch so gut ein, daß wenn es so fortgeht, nach einiger Zeit die Stadt selbst fast ganz dem Gewerbe überlassen seyn wird. Vor dem Coblenzer Thore sind die Bauplätze außerordentlich hoch im Preise und fast gar nicht mehr zu haben, auch ist es dort schon zu geräuschvoll geworden. Ich habe mir daher ein Plätzchen an der Poppelsdorfer Allee ganz nah am Thore mit der Aussicht auf das Siebengebirge ausgesucht, dicht neben einem Hause, welches Walter vor einem Jahre gekauft hat und bewohnt, und bin mit meinem Bau so weit vorgeschritten, daß ich vor der Mitte des nächsten Monats unter Dach zu seyn hoffe.
Dieses, Erschöpfung der Kasse und die Nothwendigkeit, die Ferien nach einem unthätigen Sommer einigermaßen für die Production zu benutzen, haben mich gezwungen, alle Pläne zu Herbstreisen für diesmal aufzugeben. Auch Sie werde ich daher nicht sehen, obschon es mich keine geringe Überwindung gekostet hat, Ihrer freundlichen Einladung nicht zu folgen.
Die fehlenden 7 Bände Weltgeschichte werden Sie nächstens erhalten, ich warte nur noch auf den letzten, der noch nicht eingegangen ist. Meinen besten Dank für den Moncada (ich weiß nicht, wie mir Mendoza in die Feder gekommen ist) sowie für die 3 göthischen Bände. Den 3ten, der dazwischen fehlte, habe ich seitdem auf einer Auction als einzelnen Band erhalten, und somit nun diese Himburgschen Bände vollständig, die man so lange nicht wird entbehren können, bis endlich ein mal Göthen das Recht wird wiederfahren seyn, welches man so manchem gegen ihn ganz unbedeutenden Autor schon gewährt hat, Arbeiten, die in mehrfacher Gestalt schon vorhanden sind, zugleich auch in der frühern wieder abzudrucken. Wie merkwürdig sind doch diese früheren Gestalten, besonders Erwin und Elmire! Vergleicht man beide, wird man so recht inne, wie die Vornehmheit, das falsche Ideal, Göthe in seiner zweiten Periode zuweilen ganz von seinem wahren und natürlichen Boden verdrängt hat. Welche einfache Kraft, welche Naturstärke ist in der freilich gar zu leicht und fast roh skizzirten Scene zwischen Elmire und der Mutter! Das durfte nicht bleiben, es mußte das Ganze zu einer iphigenisirenden Idylle werden. Aber wer bekümmert sich in unsern Tagen um die Geschichte eines Dichters und um die Stufen seiner Entwickelung, selbst wenn sie als ein Spiegel der Nationalentwicklung überaus lehrreich sind! Diejenigen, die sich für die Feinen halten, construiren ihn philosophisch, und sind dann in ihrer Dummheit überglücklich, wenn sie statt der Juno die trübe Wolke ihrer eignen dunstigen und wässrigen Abstractionen umarmen. Ach unsre Litteratur, unsre Litteratur! Ich sehe mich vergebens nach einem ähnlichen Zustande um. Da ist mir, der ich sonst dergleichen weder sehe noch lese, zufällig ein Buch in die Hände gefallen — — — — Unser Freund Raumer pflegt zu sagen: solches Zeug vergeht schnell, das Gute bleibt. Aber das ist es ja nicht, daß unverständige und schlechte Bücher geschrieben werden. Allerdings ist das überall geschehen, wo die Litteratur einige Ausbreitung gewonnen hatte. Aber daß solche Urtheile, die eben so viele Gemeinheit der Gesinnung oder gradezu Niederträchtigkeit verrathen, als Plattheit und Unwissenheit, höchstens für etwas excentrisch, aber doch zugleich für geistreich, angenehm und witzig gelten; daß alle diese Buben selbst von Leuten, denen ihr religiöser und politischer Aberwitz sonst zuwider ist, als eine Art von Salz unserer Litteratur angesehen werden — daß die Meisten sie ansehen, wie etwa die Altgesinnten die Schlegelsche Schule vor vierzig Jahren, ein bischen quer und wild, aber doch ausbündig genial — das ist das Heillose, woran ich ohne Zorn nicht denken kann. Ihr Balzac — ich habe die empfohlnen Romane nun gelesen, aber — verzeihen Sie mir, und verzeihe mir besonders Agnes — er ist auch Einer von denen, die ein hübsches Talent von Grund aus verderben, weil ihnen das Schöne und das über Natur und Wahrheit hinausgehende leider identisch sind. — Wann erquicke ich mich dagegen — um all das Zeug zu vergessen — wieder einmal an einem neuen Werke von Ihnen? Sind die beiden Novellen, die Sie mir vor einem Jahre vorlasen, jetzt abgedruckt? ich habe die diesmaligen Taschenbücher noch nicht gelesen.
Leben Sie wohl, grüßen Sie die Gräfin und Ihre Töchter herzlichst, lassen Sie bald von sich hören, und behalten Sie lieb Ihren treuesten
Loebell.
IX.
Bonn, den 15t. Mai 1840.
Verzeihung, mein theuerster Freund, daß ich es seit gestern vor acht Tagen, wo ich zurückgekehrt bin, aufgeschoben habe, Ihnen zu schreiben. Theils aber fand ich so manches schnell abzumachende Geschäft vor, und theils hatte mein Unwohlseyn während mehrerer Tage einen solchen Grad erreicht, daß ich auch zum Briefschreiben untauglich war. Nun wird es allmählich wieder besser, ich befinde mich etwa wieder auf der Dresdner Linie, nachdem mein das Mediciniren sonst so scheuender Arzt sich zum Eingreifen entschlossen hat; bis ich mich aber wieder zur Höhe des vergangenen Jahres emporschwingen werde, wird wol noch einige Zeit vergehen. Den Muth lasse ich darum nicht sinken. Daß Sie überzeugt sind, meine Dankbarkeit sey nicht kälter, weil sie etwas später bezeigt wird, weiß ich. Dankbar habe ich Ihnen gewiß wiederum für Vieles, Leibliches wie Geistiges zu seyn. Alles körperliche Leiden kann das Gefühl, durch diese Reise, durch die Aufnahme und Liebe meiner Freunde, vor allen der Ihrigen, erfrischt und gestärkt zu seyn, nicht unterdrücken und schwächen. Warum können solche Silberblicke des Daseyns nicht länger dauern, warum sich nicht über das ganze Leben erstrecken? Wären sie es aber alsdann noch, wenn sie nicht durch andere Perioden des Schattens, der gemeinen Reizlosigkeit erst zu Silberblicken würden? Vor welchem Räthsel stehen wir doch wieder mit dieser ganz gemeinen Betrachtung! Wenn wir uns den edelsten und feinsten Genuß nur vermittelst des Wechsels mit seinem Gegentheil hervorrufen können, was ist alsdann jene künftige ungestörte Seligkeit, von der wir träumen, und warum sehnen wir uns nach ihr? Haben wir denn überhaupt nur ein Organ, sie zu empfinden?
Ich habe an der Abhandlung, von der ich Ihnen ein Stück mitgetheilt, wieder zu schreiben angefangen, und finde den Stoff, den ich noch zu bewältigen habe, so überreich, daß ich nur mit großer Mühe so zusammendränge, wie ich es muß, wenn ich die Gränzen einer kleinen Abhandlung nicht überschreiten will. Es will mich verlocken, sie in dieser Form liegen zu lassen, und in einer umfassendern wieder aufzunehmen; aber es könnte mir dabei noch übler gehen, als bei dem Gregor, da umfassendere Ansprüche neue, sehr ausgebreitete Studien erfordern würden. Auch werden Sie mir zugeben, daß bei dieser Arbeit weit mehr auf die Idee ankommt, als auf die Ausführung.
Vergeben Sie, daß ich am Morgen der Abreise in der Eil vergaß, die heraufgetragenen Bücher dem Aufwärter zum Wiederherunterbringen zu geben. Sie müssen sich alle auf dem Tische bei einander gefunden haben.