Warschau, d. 10. Febr. 1801.

Eben hatte ich einen Brief an Fichte geschlossen, worin ich mich mit ihm über Sie und für Sie (ich hab’ ihn ersucht, Ihnen den Brief mitzutheilen) unterhalte, als mir Ihr liebes und werthes Schreiben (vom 1. Febr.) gebracht wird. Sie sind meinen Wünschen und meiner stillen Absicht bey Schreibung jenes Briefes auf die erfreulichste Art zuvorgekommen. Wir lieben und verehren Sie lange in Ihren Werken, und freuen uns über das herrliche Aufleben der Poesie sowohl in ihrer unbefangenen Kindlichkeit als im heroischen Ankämpfen gegen die Befangenheit. Auch in mir ist ein alter Funke, den die Kritik einer anmaßlich-geschlossnen Grammatik mit Asche bestreut hatte, wieder geweckt worden. Er wird nun zwar bald verglimmen, aber er verglimmt dann doch im Freyen, und erstickt nicht. — Ihre Gedanken über den Reim gehn aus Ihrem Reim hervor. Ehe man über das Leben im Lebendigen sprechen kann, muß ein Lebendiges daseyn und man muß es inne werden. Meine verstorbne Gattin hat in Gesprächen, die ich erst jetzt besser verstehe, Manches geahnet, auch wohl traummäßig gebildet, was jetzt im Wachen erkannt und unaussprechlich-ausgesprochen wird, d. h. poetisch. Unsre Reimspiele gehn nicht tief. Das zweite Stück von den eingesandten ist nehmlich von meiner verst. Frau, und war schon vor 5 Jahren geschrieben. Das größere und letzte ist von mir; und schwerlich würd’ ich das erste zum Druck angeboten, noch das zweite im vorigen Frühjahr selbst versucht haben, wenn ich nicht vorher Ihren Zerbino gelesen hätte, dieses harmonische Chaos, worüber ich noch manches zu schreiben gedenke und bereits geschrieben habe. Dieser Zerbino hat in Bezug, nicht auf mein Innewerden der Poesie, sondern auf mein verständliches Denken und Sprechen darüber, ein wahres Pfingst-Wunder an mir verübt, an mir, sag ich, d. i. eben an keinem Apostel, sondern vielleicht an einem von denen, die im 2. Kapitel der Apost. Gesch. vom 9. bis 11. Vers inclus. genannt werden, vielleicht einem Kretenser. (Den ganzen Epistolischen Kirchen-Text dieses Kapitels vom 1. bis 13. Vers inc. sollte man ausführen als Geschichte des jetzigen Erwachens der Poesie; auch der Schlußvers ist deutungsreich, wenn vorher nehmlich die Volksnamen in Schulen-Namen verwandelt wären, und darunter auch Nikolaiten vorkämen.) — Nochmahls (denn ich bin vom Wege abgekommen) unsre Reimspiele gehen nicht tief, woher auch größtentheils Reim auf Reim folgt, ohne künstliche Verschlingung und große Partieen im Korrespondiren und Zusammenstimmen der Verse. Die italiänische Stanze ist mir das Bild eines schönes Hausstandes. Ein Paar Wörtlein darüber stehn im Briefe an Fichte. Nur mit den Schlußterzetts der Sonette kann ich mich nicht immer vertragen. In den beiden Anfangs-Quartetts ist ein so erfreuliches Grüßen und Küssen der Reime, ein so inniges Umarmen der Verse, daraus kömmt mir der Abschied so kalt, frostig und höflich vor. Ich will einmahl Sonettförmig ausdrücken, was ich meyne.

Ein Sonett
über das Sonett.


Willkommen, ruf’ ich, immer noch: willkommen,

Ob ich Dich schon mit meinem Arm umschlinge,

Mit meinem Herzen an das Deine dringe:

Bey jedem Blick bist Du mir erst gekommen!

Ich habe Dich noch nicht in Arm genommen;

Verlange nicht, daß ich mich bald bezwinge,