Nun aber ganz ernsthaft über Ihren Scherz und Ernst. Wozu Sie mich mit Gewalt machen wollen, das bin ich lange, der verehrende Freund Ihres Geistes und Herzens. Und wenn Sie mir, falls ich zu einem wörtlichen Bunde nicht geneigt wäre, mit einem zweiten Zerbino drohen, so sind das Strafgesetze auf die Unterlassung eines Dinges, das man gern thut. Aber daß Sie gleich nach dieser Androhung alles Vorhergesagte dadurch zum Scherz machen, daß Sie fortfahren: „Aber ernsthaft, u. s. w.“ das thut mir leid, denn nun besorg’ ich, nicht bloß Ihre Drohung, sondern auch Ihre Forderung, auf die ich einen so hohen Werth setze, solle als Scherz genommen werden. — —??

Ihr Antrag wegen des Hymnus ehrt mich, und die gütige Offenheit Ihres Urtheils über die Einleitungen und den Schluß erfreuet mich: Mein voriger Zweifel ist gelöst, denn Ihrem Freundschafts-Antrage ist dadurch zugleich eine erste Freundschafts-Probe angeschlossen. Sie haben ganz recht, beide Anhänge (denn sowohl Anfang als Ende sind angehängt worden) gehören nicht zum Gesang der Vermählung. Aus dem Brief an Fichte werden Sie indeß erfahren haben, daß leider jener Hymnus sowohl, als eine damit verbundne Romanze der Entbindung, nebst einigen Erläuterungen über Idee und Organisation, zum Druck gesandt sind. Den Abdruck der Gedichte, der bereits vollendet seyn muß, erwart’ ich mit jedem Posttage. Die Erläuterungen werden später folgen, obwohl sie auch schon unter der Presse seyn müssen. Die erste Einleitung ist jedoch beynahe ganz gestrichen. — Sobald ich ein vollständiges Exemplar habe, werd’ ich so frey seyn es Ihnen vorzulegen, und erst wenn Sie die Güte gehabt haben, mir über die weitere Ausführung meiner Absicht Ihre Meinung mitzutheilen, werd’ ich fortfahren. Der jetzt gemachte besondre Abdruck der ersten beiden Stücke wird vielleicht in Jahr und Tag abgesetzt, wenn auch größern Theils an die Lüsternheit, die sich betrogen finden wird. Bey der Vollendung des Ganzen, was ich im Sinne habe, kann ich also Ihr offnes Urtheil noch benutzen. Meines herzlichsten Danks seyn Sie gewiß! — Eine Anzeige dieser Blättchen wünscht’ ich wohl im Athenäum. Vielleicht haben Sie Gelegenheit dies zu bewirken.

Mit welchem Sinn wir Ihre heilige Genoveva feyern, werden Sie theils im Briefe an Fichte, theils in dem an Schütz angedeutet finden. Nur ein Paar Köpfe wollen die Varietät der äußern Formen darin unnatürlich finden. Ich habe diesen aber zu bedenken gegeben, daß die Wahrheit und Natur in dieser Mannigfaltigkeit nach dem, was dem Ausdruck zum Grunde liegt und was er will, nicht nach dem Ausdruck an sich beurtheilt werden muß. Die Poesie will den Menschen lebendig aussprechen, sie will den Gesang unsers Innern als Gesang hören lassen, ihn nicht bloß in Noten zum philosophischen Lesen aufschreiben. Wo es nun Reime, Sonette, Stanzen u. s. w. in unserm Innern giebt, da kehrt sie sich an keine so genannte Gleichheit des Styls, sondern giebt selbst Reime, Sonette, Stanzen. Noch immer bleiben wir auch bey dieser Freiheit im Ausdruck befangen; aber wer mehr befangen bleiben will, als nothwendig ist, der hat keine Ahnung von dem, was Poesie ist, und wornach sie trachtet. Mit einem Wort: die Wahrheit und Natur aller Poesie ist nicht, daß der Mensch im Leben sich so ausspricht, aber wohl, daß er sich so aussprechen möchte, daß er innerlich darnach ringt, seine Seele also darzustellen. — Die Kraft und Regung des innern geistigen Lebens macht dem Menschen die Brust beklommen, es will hinausdringen und sich im Materiällen verkünden. Da stellen sich nun die Künste um ihn, und bieten ihm freundlich, Ton und Wort und Farbe und Masse, als Instrumente des Verkündens dar. So, verehrter Freund, seh’ ich die höhern Künste an.

Vieles möcht’ ich noch schreiben, besonders darüber, daß, nach Ihnen, der Karakter romantischer Poesie im großen modernen Reim liege; aber dies bleibe einer helleren Stunde vorbehalten.

Lassen Sie uns Freunde seyn! Geben Sie meiner dargebotenen Hand die ihrige; ich glaube inne zu werden, was Sie inne werden, und darum lassen Sie es hingehn, wenn auch mein Ausdruck dem ihren nicht immer zusagen sollte. Ein Paar Zeilen, daß Sie diesen Brief erhalten haben, werden mich erfreun.

Ganz der Ihrige.

Mnioch.

N. S. Unter meinen Freunden empfiehlt sich namentlich ein Leut. v. Loewenstern. Mit einer kräftigern und jüngern Sehnsucht als Moses, als er vom Berge in die Thäler des gelobten Landes sah, schaut dieser feurige Jüngling von 29 Jahren in das gelobte Land der Poesie und Mahlerey, wie Sie es uns darstellen. Er zeichnet mit kräftiger Hand, hat aber nicht Lust zum Ausmahlen, dafür mahlt er desto mehr in seinen poetischen Versuchen. In wenig Jahren hat er eine Kompagnie und er ist blutarm; dennoch will er Urlaub nehmen, und Ein Jahr auf der Akademie studiren. Wie glücklich-unglücklich Ihre Schriften diesen Mann gemacht haben, kann ich nicht beschreiben. Göthe und Sie betet er an. — Nächstens werden Sie etwas von ihm lesen. Wär’ ich doch noch so jung und kräftig wie dieser! — Aber 36 Jahre sind gerade 7 mehr, als 29. —


Mörike, Eduard.