Theuerster Herr Hofrath.

Schon längst wollte ich mir die Freude machen, Ihnen zu schreiben, indem ich glaubte auf Ihre Verzeyhung rechnen zu dürfen, die Sie sich mir immer so gütig und freundlich bewießen haben und es sogar meine Pflicht ist, Ihnen für die menschenfreundliche Aufnahme, welche die Schwabhaussen von Ihnen erfahren, meinen wärmsten Dank auszusprechen. Nehmen Sie ihn Liebster Herr Hofrath gütig auf und erlauben mir über dieselbe meine Ideen und Ansichten Ihnen mitzutheilen. Sie kam neml. zu mir und indem sie mir ihre traurige Lage schilderte — (sie hat eine kränkliche Mutter und die kleine Stadt bietet nur spärliche Erwerbsmittel), bat sie mich so dringend, ich möchte versuchen, ob sie nicht vielleicht so viel Talent hätte, um dadurch auf dem Theater ihr Fortkommen finden zu können; daß ich es für Härte gehalten haben würde, sie zurückzuweißen und ohne Prüfung ihre Hoffnungen zu vernichten. Sie laß mir die Leonore in dem Stükk gleichen Namens, und ich fand, sie laß mit Ausdruck und Verstand. Ob mehr aus ihr hervorzubringen seyn würde, mußte ich versuchen, indem ich ihr die Iphigenie in meiner Weiße vorlaß, und sie nun in der gehörigen Deutlichkeit, in steigen und Fallen der Töne mich imitiren mußte. Es gieng über Erwartung gut für eine solche Anfängerin. Sie hatte mich neml. verstanden. Hieraus schöpfte ich die Hoffnung oder vielmehr den Schluß, es fehle ihr nicht an Auffassungsgabe, und da ich mir vorgenommen hatte, keine Mühe zu sparen, sie sich auch unverdrossen zeigte hundertmahl Wiederholungen dießer oder jener Stelle; so zweifelte ich nicht, es werde ein Resultat herauskommen was meinen Wünschen und meinen Bemühungen entspräche.

Weimar, d. 1ten Aug.

So lange mußte ich die Fortsetzung dießer Zeilen verschieben. Die Aufforderungen, die herrliche frische Luft zu genießen in dem wunderschönen Brückenau waren zu mächtig. Doch vorgestern hier angekommen, will ich vollenden, was ich vielleicht zum Besten meiner bisherigen Schützlingin unternommen, und hoffe Liebster Herr Hofrath auf Ihre gütige Verzeyhung.

Die Schwabh. konnte nicht stehn, vielweniger gehen. Ihr ganzes Wesen hat nicht eine Spur von der Leichtigkeit und Elegance die das Lustspiel erfordert. Ich machte also nur im Tragischen Versuche mit ihr, Studirte ihr die Tecla ein und mußte ihr zugleich die Füße setzen zu jedem Schritt und iedem Abgang. Es gelang aber zu meiner besondern Zufriedenheit, und gab mir den Muth gleich auf Maria Stuart überzugehen, eine Rolle in welcher sie mich nicht nur nach Verhältniß zufrieden stellte; sondern in einzelnen Stellungen in Ausdruck des Gesichts oft überraschte, und ich bin überzeugt, würde sie dieße Rolle so spielen, wie sie hier bey mir gethan; sie würde auf iedem Theater Glück damit machen. Eben so mit Griseldis, welches die dritte Rolle war, die sie bey mir einstudirt: Sie hatte noch die Catharine in Guttenberg gelernt, indeß dieße Rolle verlangt schon mehr Gewandtheit als die hochtragischen, und ich war mit ihr einverstanden, daß sie dießelbe erst besser würde spielen können, wenn sie etwas festen Fuß auf der Bühne würde gefaßt haben. Die Jungf. v. Orleans kann im Zimmer gar nicht einstudirt werden, denn immer tritt einem der Mangel an der Scenerie störend in den Weg, und selbst die größern Reden und Monologe gelingen vielleicht nur einer geübten Künstlerinn im Zimmer ohne die gehörigen Umgebungen einzulernen und auf die unbekannten Verhältniße der Bühne zu übertragen. Die Jeanne d’arc ist die einzige Rolle, in die auch ich mich niemals habe finden können. Es ist zu wenig darinnen Künstlerisches zu leisten. Warum aber die Schwabh. niemals hat erlangen können, sich wenigstens durch kleine Rollen auf der hießigen Bühne einige Routine zu verschaffen, das hat verschiedne Ursachen, die ich Ihnen mündlich lieber erzählen möchte. Ich bin billig genug zu vermuthen, daß H. v. Spiegel gefürchtet hat, sich durch die Protection theils der meinigen, theils derer des Publicums eine Last aufzuladen, wenn er die Schwabhaussen auch nur in kleinen Rollen hätte auftreten lassen, dieß ist gewiß eins der Dinge, die sie des Glücks sich auf der Bühne bewegen zu können nicht theilhaft werden ließen. Nun aber geht sie nach Dresden, und anstatt sich in den Rollen zu zeigen, in denen sie zum wenigsten Aufmerksamkeit erregen mußte; stellt sie sich dar in denen von denen sie selber weiß sie gelingen ihr für iezt noch nicht. — Ich konnte nun weiter nichts für sie thun, als Ihnen theuerster Herr Hoffrath meine Meynung über ihre Fähigkeiten mittheilen, im Fall daß dieß ihr von Nutzen seyn könnte. Meine Meynung aber ist, daß sie nur für das hochtragische sich eignet. Ich würde eine gute Iphigenie, L. Macbeth, Sappho auch Elisabeth aus ihr zu machen mich getrauen. — Noch einmal bitte ich Sie liebster Herr Hoffrath mir meinen langen langen Brief zu verzeyhen. Sie selbst aber sind so gut, daß Sie zum besten andrer, wohl auch etwas wagen würden. In dießer Zuversicht hoffe Sie erhalten mir Ihr Wohlwollen; und nehmen die Versicherung gütig auf das ich mit größter Hochachtung bin

Ihre

Ergebenste Dienerin

C. v. Heygendorf.

Weimar, d. 2ten Aug. 1842.