Leider habe ich Weimar nicht berühren dürfen, wollte ich mich nicht drei Wochen lang für die Sicherheit des westlichen Deutschlands auf der Heßischen Bergveste Arnstein zum Gesundheitspolizeilichen Opfer darbringen. Ich hätte Göthe sehr gern gesehn, mich dünkt, daß sein Wesen grade in diesem sonderbaren Momente eine eigenthümliche Anschauung gewähren mußte. Auf der andern Seite tröstet mich wieder die Betrachtung, daß ein persönliches Zusammentreffen mir wahrscheinlich denn doch die Figur meines Klingsor verrückt haben würde. Ich bestärke mich in der Stille immer mehr in meiner Ansicht über ihn, die Sie eine ketzerische nennen müßen. Indeßen würde ich, wäre mir ein längeres Zusammenseyn mit Ihnen gegönnt gewesen, meine Irrthümer wenigstens haben darlegen können. Mir ist der ganze Göthe, mit Einschluß seiner Fehler, auch in seinen größten und frühesten Werken schon vorhanden, und die nachherigen Schwächen und Verkehrtheiten ergreifen vielmehr das homogene italiänische und malerische Element, als daß sie durch dasselbe hervorgerufen würden. Überhaupt, was sind Einflüsse? Man könnte, wenn man mit Worten spielen wollte, sagen, es seyen eher Ausflüße unsrer selbst. Es mag wie Anmaaßung klingen, aber ich kann mir nicht helfen; mir scheint es zuweilen, als ob das Gebiet der eigentlichen Poesie im höchsten Sinne erst da beginne, wo Göthe — mit wenigen Ausnahmen — aufhört. Gewiß ist es wenigstens, daß von einer so eignen, aparten Behandlungsweise, wo das Individuum sich immer seine Rechte gegen den Stoff, und gegen die Gesetze der Gattung reservirt, bei Homer, Sophokles, Cervantes, Shakespeare keine Spur ist.

Meine nächste Zeit nach dem Dresdener Aufenthalte stand zu diesem in einem herben Kontraste. In Magdeburg, wo die Krankheit so gewaltsam auftrat, verlebte ich ängstliche Tage; das halb physische, halb imaginaire Übel, welches den Dunstkreis um die eigentliche Seuche bildet, ergriff auch mich, und zwang mich zu einer Art von Flucht. Ich hatte ein förmliches Prinz-Homburgs-Fieber zu überstehn, und ich will nur wünschen, daß ich für fernere Fälle der Noth mich nun zurechtgefunden haben mag, wie der zitternde Held.

Hier fand ich Uechtritz fleißig an einer neuen Arbeit, um welche er den Spartacus wieder zurückgelegt hat. Sie soll: Die Chaldäer in Jerusalem, heißen, und die Katastrophe des Volks unter Zedekia behandeln. Was ihr in meinen Augen den eigentlich poetischen Kern giebt, sind die Messias-Ideen, die verhängnißvoll unter dem Volke umhergehn, sich besonders im Könige und einer falschen Prophetin, die den König liebt, und dieses Gefühl für religiöse Begeisterung nimmt, ausprägen und die Katastrophe herbeiführen helfen. Ich kenne noch nichts von dem Gedichte, was mir aber U. vom Plane mittheilte, läßt mich etwas sehr Gutes und Eigenthümliches hoffen. Vielleicht sind diese orientalischen Stoffe, in ihrer mehr symbolischen und typischen Natur seinem Talente am angemessensten. — Noch von etwas Andrem kann ich Ihnen erzählen, was aus unsrem Örtchen hier hervorgehn, und Sie, wie ich meine, erfreuen wird. Ich sprach zu Ihnen dort, wie ich denke, schon von einem philosophischen Freunde, den wir hier besitzen. Er arbeitet gegenwärtig an einem Werke über Architektur und bildende Kunst, dessen Keim in Reise-Erinnerungen aus Holland und Belgien lag, welches sich aber über das ganze Gebiet jener Künste in metaphysischer und historischer Hinsicht verbreiten wird. Er hat mir jetzt einige Fragmente der Arbeit mitgetheilt, die auf mich den schönsten Eindruck gemacht haben. Hier ist einmal wieder etwas Andres, als das leere Geschwätz, oder die todte Abstraction, die uns seit Jahren auf diesem Felde ermüdet hat. Alles wird aus der Natur der Sache deducirt, und der Weg, den er geht, die einzelnen Kunsterscheinungen in ihrer historischen Nothwendigkeit nachzuweisen, scheint mir der einzig richtige und fruchtbare zu seyn. Sein Name ist Schnaase, er steht auch an unsrem Justiz-Hofe, an dem sich durch einen sonderbaren Zufall drei Leute zusammen gefunden haben, die so wenig, als ihnen nur möglich ist, an Recht und Gerechtigkeit denken.

Möchten doch meine Worte etwas über Sie vermögen, daß Sie zweierlei vollendeten, den jungen Tischlermeister und den Aufsatz über die Alt-Englische Bühne! — Je mehr ich in der Stille nachher über den Tischlermeister gedacht habe, desto eindringlicher ist mir das Feine und Schöne dieser Composition geworden. Es wird, ohne Frage, eins Ihrer besten Werke. Die milde abendsonnenhelle Beleuchtung des Sternbald ist auch darin, an Originalität und Gehalt steht es aber, nach meinem Gefühle, weit über diesem. Ich bin überaus gespannt auf den Punkt, der durch das ganze Werk indicirt ist, den ich aber hier nicht nennen will, weil Ihnen mein Wort gegen die Fülle der poetischen Anschauung, nur mager und ungenügend vorkommen könnte.

Wenn Sie uns nun durch Ihren liebenswürdigen Handwerker einen Gefallen thun, so ist dagegen der theoretische Aufsatz eine Art Gewißenspflicht. Es sind viele Indizien vorhanden, daß das theatralische Unwesen sich einmal wieder auf einige Zeit legen wird. Raupach stellt wirklich ein Pessimum dar, nach menschlichem Begriff läßt sich nicht tiefer kommen, das Korn ist in der Mühle vollkommen durchgeschroten, und dieser jüngste Meister verkauft, um aufzuräumen, noch die Kleyen in den Säcken. Selbst die Berliner Comödianten fangen an, sich in seinen Rollen zu langweilen, was doch viel sagen will. Nun aber kommt in unsrem Deutschland die Praxis immer nach der Theorie, und nur erst, wenn den Leuten einmal demonstrirt worden ist, wie schon unser Gerüst dazu führt, das Elende und Schwache zur Evidenz zu bringen, wird man anfangen, sich zu besinnen.

Von mir selbst kann ich Ihnen noch nichts berichten. Ich habe mir jeden Tag vorgenommen an den Merlin die Hand zu legen, und sie immer in einer Art von Verzweiflung sinken lassen. Ich leide nicht an dem Zweifel, an der Dunkelheit, was ich noch zu machen habe; im Gegentheil steht mir dieß zu deutlich vor der Seele, und dieß eben entmuthigt mich. Ich habe ein Gefühl, wie der Gemsenjäger, der sich zwischen Klippen verstiegen hat; er sieht den Pfad ganz bestimmt vor sich, aber die Füße eines Menschen sind nicht gemacht, ihn zu wandeln. Nie habe ich eine solche Kluft zwischen dem Gegenstande und meinen Organen empfunden. Ob unter diesen Auspicien noch irgend etwas Poetisches zu Stande kommen kann, oder ob ich nicht im glücklichsten Falle nur ein transcendentales Ungeheuer erzeugen werde, muß die Zeit lehren. Es wäre ein Unglück für mich, wenn ich daran scheiterte, denn ich habe bei diesem Wagniß einen bedeutenden Theil meiner Lebenskraft eingesetzt.

Von Ihren Verwandten habe ich nur die Schwägerin zu sehn bekommen. Herr Möller war nicht zu Hause. Wie ich aus den mir gethanen Äußerungen abnehmen konnte, scheint es doch mit dem jungen Institute so ziemlich zu gehn. Nur hindert auch hier die Cholerafurcht manche Eltern, ihre Kinder aus dem Hause zu geben. Aufrichtig gesagt, ich bin wegen der Zukunft bange. Diese Pestscheu wird mit ihrem heimlichen, nagenden Einfluße noch den letzten Rest der Regsamkeit und des Muthes, der in den Menschen geblieben war, aufzehren. Ein sonderbarer Zufall ist es, daß in jeder Epidemie zu Berlin der Philosoph sterben muß; Fichte am Typhus, Hegel an der Cholera. Ist es wahr, was man sagt, daß eine Indigestion die Sache veranlaßt hat, so liegt in dem Ereigniße eine Ironie, die kein gemachter Ernst hinwegtilgen kann. Da dem Preußischen Staate nunmehr der Begriff fehlt, so möchte man ihm rathen, es einmal zur Abwechslung mit der schlichten Natur zu versuchen.

Die Tage in Dresden sind mir eine sehr theure Erinnerung. Ich habe Ihr Bild ganz rein und gut mit mir genommen, und bedaure nur, daß ich Sie für mein Bedürfniß viel zu wenig gesehn und gesprochen habe. So manches, was sich nur in einer gewißen Folge verhandeln läßt, klang bloß an; Andres, worüber ich Ihre Meinung so gern vernommen hätte, ist kaum berührt worden. Zuweilen gehn doch auch vernünftige Wünsche in Erfüllung, und so hoffe ich, daß ich mich dießmal früher, als in andern zehn Jahren, Ihnen wieder nahen werde.

Ihr Tadel, der gegen den Schluß des zweiten Theils des Alexis geht, ist ganz richtig, der Fehler steckt aber, wie ich glaube, im fünften Acte überhaupt. Dieser muß nach einem nothwendigen Gesetze (was Shakespeare überall befolgt hat) kürzer seyn, als die früheren; er soll nur die schlagenden Resultate deßen enthalten, was bis dahin mit einer gewißen Ausführlichkeit vorzubereiten, wohl erlaubt ist. — Mein 5. Act ist grade der längste, es ist viel zu viel hineingepackt worden, und so kommt es, daß die Sachen sich gegen das Ende stopfen und einander hemmen. Leider ist dieß ein Fehler, der durch die ganze Öconomie des Stücks herbeigeführt wird, den ich also nicht mehr abzuändern vermag. Ich würde, wenn es irgend zu machen wäre (was freilich sehr schwer ist, da zu der Gerichtsszene die ganze Tiefe des Theaters genommen werden muß) für eine Aufführung vorschlagen, den vierten Act erst mit dem letzten Monologe der Katharina zu schließen. Poetischer und dramatischer wäre diese Abtheilung auf jeden Fall.