Ich übersende Ihnen, mein Hochverehrter, den Zettel der gestrigen Aufführung des Blaubart, welche ein sehr erfreuliches Resultat gegeben hat.
Das Erfreulichste war mir, daß das Stück sich wirklich, wie ich beständig geglaubt hatte, als völlig dramatisch-theatralisch bewährt hat. Die sonderbaren maskenartigen Figuren der ersten Scenen beschäftigen und fesseln und bringen bei dem überhaupt für Poesie Empfänglichen sogleich die gehörige Stimmung hervor. Nach und nach tritt der Ernst heran, die Spannung steigert sich gelinde, und wächst bis gegen das Ende zum tragischen Affect, auf welchem Gipfel sich das Werk wieder durch Scherz gelinde beruhigt. Kurz, es sind in diesem freien Gebilde der Phantasie zugleich alle Requisite des materiellen Theaters vorhanden. Das wußte ich freilich längst von diesem, wie von manchem andern Ihrer oder Andrer Werke, allein es ist doch erfreulich, dieses isolirte Wissen nunmehr durch die Praxis bewahrheitet zu sehn. Mein Glaube steht fester als je, daß unsre Bühne nicht verarmt ist, vielmehr auf der Stelle reich dastehn würde, wenn wir nur uns entschließen könnten, die unbenutzten Schätze, welche wir noch haben, hinauf zu fördern.
Die Darstellung war eine gute zu nennen; ich glaube, daß Sie mit derselben nicht unzufrieden gewesen seyn würden. Obgleich Vieles in den Händen größerer Künstler (denn das Stück verlangt bis in die kleinen Rollen hinein eigentlich bedeutende Talente) noch schärfer, origineller, markiger ausgefallen wäre, so kann man doch dreist behaupten, daß der Sinn und Humor keiner einzigen Szene verloren gegangen ist. Selbst bis zu den Handlangern herab war es gelungen, den Geist des Ganzen ihnen beizubringen. Und das Stück zeigte sich so leicht behandelbar, daß ich mit geringen Vorbereitungen dessen mächtig geworden bin. Eine Vorlesung, zwei Lese- und drei Theaterproben genügten, den Blaubart in die Szene zu setzen. In besonders guten Händen waren Agnes, Simon, Winfried, Rathgeber — auch der Blaubart und der Narr waren nicht schlecht. Mechthilden muß ich ebenfalls noch lobend erwähnen. Sublim machte sich die Erzählung des Mährchens, die ich tableauartig hatte arrangiren lassen. Im Ganzen ließ ich die Farben dreist und keck auftragen, auch was Costum, Maske, Apparat u. s. w. betrifft.
Da wir beide den schändlichen Zustand unsres heutigen Theaterpublicums kennen, so werden Sie sich nicht wundern, wenn ich Ihnen sage, daß ich mit stiller Resignation ins Theater ging, auf eine völlige Niederlage gefaßt, wobei indeßen, wie jener französische König sagte, die Ehre nicht verloren gegangen wäre. Nun war aber der Erfolg ein ganz andrer, angenehmerer. Von vorn herein herrschte die größte Aufmerksamkeit im ganz gefüllten Hause (NB. beim schönsten Maiwetter). Alles Lustige, Humoristische wurde belacht, die tiefsinnigen Unterhandlungen zwischen Simon und dem Arzt, diesem und dem Blaubart erregten die größte Lust, tiefe Stille bei den tragischen Szenen, häufiger Applaus, endliches Hervorrufen von Agnes und dem Blaubart — kurz, alle Zeichen eines vollständigen Erfolgs. Ich habe nach diesem Abende die Hoffnung, den Blaubart förmlich dem currenten Repertoir einverleiben zu können. Das ist sehr wenig und sehr viel, wie man es nimmt.
Aus dem Zettel ersehen Sie, daß ich Abänderungen und Einrichtungen vorgenommen habe. Sie trauen mir den lächerlichen Dünkel nicht zu, Sie verbessern zu wollen, allein man muß durchaus, will man bei gewagten Sachen noch einige Chancen des Gelingens für sich behalten, sich gegenwärtig zu Manchem verstehn.
So ist es mir ein Erfahrungssatz geworden, daß bei solchen Productionen, je weniger Zwischen-Acte sind, desto mehr noch an einen Erfolg zu denken ist. Die poetische Stimmung verfliegt bei der barbarischen Menge den Augenblick wieder, wenn sie nicht möglichst condensirt zusammengehalten wird. Mit der Zusammendrängung der Stella in 3 Acte war es mir schon gut gelungen, und nun ist dieselbe Operation, wie ich glaube, auch dem Blaubart zu Statten gekommen. Ich habe aus Act 1 und 2 den Ersten aus Act 3 und 4 den zweiten Act gemacht, und der 5te Act ist der dritte geworden.
Manches habe ich gekürzt. Dann war es für das Theater durchaus nothwendig, die secundaire Handlung (Morloff, Reinhold, Brigitte, Leopold) völlig zum Abschluß zu bringen, bevor die tragische Katastrophe der Haupthandlung eintrat, weil das Eintreten der zweiten Handlung, nachdem die Haupthandlung zum Ende gediehen ist, für unser nicht mit einem Male von dem Gelüste nach starken Effecten abzubringendes Publikum eine longueur gewesen wäre, welche vielleicht den ganzen Schluß umgeworfen hätte. Ich ließ also schon im finstern Wald den alten Morloff seine Tochter wiederfinden, ihr vergeben, und diese ganze Gruppe nur zum Schluß mit einigen auf Agnes bezüglichen Worten wieder eintreten.
Die Szenerie Ihres Werks zum Schluß hätte eine bedeutende tragische Handlung auf einen engen Raum zwischen Podium und Soffiten ängstlich zusammengepreßt, welches, wenigstens auf unsrer kleinen Bühne, die ganze Wirkung vernichtet haben würde. Ich nahm also das ganze Theater zum Altan, ließ hinten das Podium aufnehmen, Luft und vorragende Gebirgsspitzen hinhängen, um die Höhe zu versinnlichen, und Alles von unten und hinten auf den Altan kommen.
Winfried schloß das Ganze mit einer gereimten Captatio benevolentiae an die Zuschauer.