L. Tieck.

XI.

Düsseldorf, 13. April 1836.

Ich weiß nicht, mein hochverehrter Freund, wie ich mein langes Schweigen auf Ihre werthe Mittheilung, die ich im vorigen Frühjahre von Ihnen empfing, rechtfertigen soll, wenn Sie nicht die Entschuldigung wollen gelten lassen, daß ich das ganze Jahr hindurch in angestrengter literarischer Arbeit steckte, außerdem aber noch von dem Theaterwesen oder vielmehr — unwesen occupirt war. Dieses allein kann, wie Sie aus Erfahrung wissen, einen sonst mittheilsamen Menschen um alle Lust und Fähigkeit zu reden oder zu schreiben bringen.

Zuvörderst danke ich Ihnen auf das verbindlichste für den Rückschub des Deserteurs I...., woran Ihre Güte und Gefälligkeit gewiß Antheil hat. Vorigen Sonntag ist er, Kummer im Herzen und den Trotz Cains auf der Stirn, hier wieder einpassirt. Dieser Mensch kam hieher und konnte nichts spielen als den Barbierer Schelle; unablässige Mühe, die ich mir mit ihm gab, brachte es endlich dahin, daß er in Calderon und Shakespeare producirt werden konnte, und noch zuletzt einen recht hübschen Mercutio lieferte, und als ich ihn soweit hatte, lief er zum Danke dafür weg. Ihnen hat er, wie er mir vorrenommirte, viel von meiner Strenge und Härte gesagt. Streng und hart nennen sie Einen, wenn man darauf hält, daß sie wie Menschen reden, stehn und gehn sollen, und daß sie den Dichter nicht zu Fetzen zerreißen. Dieses Geschlecht will aber immer auf dem Seile tanzen, ehe es noch zu ebner Erde sich grade halten kann. Die Elemente der Kunst sind vergessen, das ist das Haupt- und Grundübel; die Schüler meinen, bei dem beginnen zu können, womit der Meister aufhört. — Wie oft summen mir Ihre warnenden Worte, die Sie mir vor zwei Jahren geschrieben, in den Ohren! So viel auch in Romanen, Novellen und Dramaturgieen über Schauspieler beigebracht worden ist, so hat doch Niemand das eigenthümliche Larven- und Maskenartige dieser Zunft darzustellen gewußt. Goethe kommt der Sache einigermaßen nahe, wenn er sagt, daß Serlo, je versteckter und künstlicher er im Leben geworden, desto mehr Natur und Wahrheit auf den Brettern gewonnen habe.

Hiebei lege ich Ihnen denn eine Arbeit vieler Jahre, die Epigonen, vor. Sie entsprang aus einem kleinen Keime, wuchs aber mir selbst zum Erstaunen unter den Händen und lebte gewißermaßen mein Leben mit. Früh fühlte ich mich mit der Zeit und Welt in einem großen Widerspruche, oft überkam mich eine große Angst über die Doppelnatur unsrer Zustände, die Zweideutigkeit aller gegenwärtigen Verhältniße, in diesem Werke legte ich denn Alles nieder, was ich mir selbst zur Lösung des Räthsels vorsagte. Dieß ist die Genesis desselben, die freilich Viele den leichten Geschichten nicht ansehn werden. Ein Urtheil habe ich nicht darüber; möge mir es so gut werden, daß ich zu seiner Zeit einmal von Ihnen vernehme, wie es auf Sie gewirkt hat. Blicke ich in das Publikum, so kann ich nur zweifeln und zagen. Die Rahels und Bettinen und absterbenden Stieglitze sind nebst einigen Jungens Deutschland, Atheismus und aufgewärmtem Baron Holbach wohl die einzige mundende Kost der Gegenwart.

Ihre Novelle habe ich im vorigen Herbste mit großem Antheil gelesen. Ich fand, daß sie mehr in den Gesetzen der Gattung sich bewegte, als manche andre Ihrer letzten Dichtungen dieser Art. Der Witz und die Lehre, überhaupt die Idee des Ganzen steckt ganz in der Handlung und in den Situationen, und das ist mir nun einmal cardo rei bei der Novelle. In dieser Beziehung haben Sie wirklich etwas Außerordentliches darin geleistet, auch finde ich bei der Anlage, die sie ihr gaben, durchaus nichts Hartes und Grelles in den Verknüpfungen und Katastrophen. Aber freilich — sagt Zettel — einen Löwen — Gott behüt’ uns — unter Damen zu bringen, ist eine gräuliche Geschichte! —

Wie ist es denn mit den Cevennen? Haben wir nun wirklich Aussicht dazu?

Im verwichnen Winter habe ich hier Calderons Richter von Zalamea in die Szene gehn lassen. Ich erinnere mich, bei Malsburg gelesen zu haben, daß Sie das Stück — welches auch wirklich etwas ganz Besondres, eine Art Spanischer Iffland ist — vorzüglich intereßirt, und so wird Ihnen diese Nachricht auch nicht ohne Intereße seyn. Meine Bearbeitung theilte das Stück in 4 Acte, mancher Luxus war hinweggeschnitten, auch fehlte der närrische Junker und sein Diener, welche zu ihrem Nachtheil an Don Quixote und Sancho erinnern, und heut zu Tage wohl nicht mehr populair gemacht werden können. So eingerichtet, kräftig und präcis gegeben, that es seine volle Wirkung; das atroce Verbrechen des letzten Acts choquirte auch weniger, als ich selbst gedacht hatte, weil das Verletzende vor der Tragik und Delicatesse der Behandlung verschwand. — Auch Terenzens Brüder wurden einmal hier wieder auferweckt. An solchen und ähnlichen Abenden kann man denn sich einbilden, man verzettle seine Zeit nicht unverantwortlich mit der Bühne, was Einem sonst nur zu oft in den Sinn kommt.

Ich wünsche nun nichts sehnlicher, als daß mir Muth und Stimmung kommen möge, den Blaubart noch in dieser Saison wieder anzufassen. Die gehören freilich zu solchem Unternehmen. Wenn er gegeben wird, erhalten Sie von mir Nachricht.