Was Sie mir über die Epigonen sagen, hat mich sehr erfreut, da es mir beweist, daß die Production doch einen spezifischen Eindruck auf Sie gemacht hat, der bei jeder Arbeit immer das Hauptsächlichste ist. Daß gerade über eine solche, wie die Epigonen sind, die Meinungen besonders Anfangs differiren, liegt in der Natur der Sache, und so muß ich Ihnen gestehn, daß mir selbst die Eigenschaften, welche Sie hervorheben, nicht so einleuchten wollten als das Charakteristische des Werts. Doch hierüber vielleicht mündlich, wenn Sie Lust haben, mit mir über das Buch zu sprechen.
Wegen Schlegels glaube ich doch ein ganz reines Gewißen zu haben. Solche Scherze sind ja von jeher in der Literatur erlaubt gewesen; blickt aus ihnen keine traurige und feindselige Absicht, schwirren sie, wie hier, rasch ohne lastendes Gewicht vorüber, so kann man dem Urheber wohl nicht den Willen beimeßen, das Große und Gute einer Persönlichkeit zu verunglimpfen, von welchem Willen wenigstens meine Seele, wie ich versichern kann, sehr fern war. Ich empfinde dankbar, was ich mit allen übrigen Deutschen Schlegeln schuldig geworden bin. — Wäre das angefochtne Capitel ohne rechten Grund willkührlich geschrieben worden, so stände die Sache wieder anders. Allein in einem Buche von universeller Tendenz wie die Ep. mußten nothwendig an einem Punkte die Figuren der deutschen Gelehrtenwelt repräsentirt werden, und es hätte ohne jene Gestalt eine bedeutende Nüance in dem Tableau gefehlt, so daß ich daher nicht nur sage, sondern auch davon überzeugt bin, daß dieß, wie es zu stehen gekommen ist, mit Nothwendigkeit aus der Öconomie des Ganzen hervorging[5].
Die Schlegels haben zu ihrer Zeit Niemand geschont; ihre Scherze ergingen sich frei an Voß, Niebuhr und Schiller, die doch gewiß auch ihre bedeutenden Verdienste hatten; warum es einem Späteren verargen, wenn eine scherzhafte Nemesis durch ihn redet?
Doch genug hievon. Es lag mir daran, mich bei Ihnen zu rechtfertigen, und das war mit zwei Worten nicht wohl abzuthun. Ich bitte um meine gehorsamste Empfehlung an Frau Gräfin v. Finkenstein, und sehe mit Ungeduld dem Augenblicke entgegen, wo es mir vergönnt seyn wird, in Ihr liebes Antlitz zu schauen. Treuergeben
Ihr
Immermann.
XIII.
Düsseldorf, d. 22. Januar 1837.
Theurer Freund und Gönner!
Erlauben Sie mir, Sie nach langer Pause wieder einmal mit diesen Zeilen zu begrüßen. Wie schmerzlich war es mir, Sie im vorigen Sommer hier nicht sehen zu können, und wie mußte mich dieser Grund des Entbehrens erschrecken und betrüben! Doch alle Nachrichten geben uns die tröstliche Versicherung, daß die Folgen des bösen Falls glücklich überstanden sind, und so habe ich denn auch die freudige Aussicht, daß, was das vorige Jahr versagte, dieses bringen und Sie uns hieher führen wird.