Immermann.
XIV.
Düsseldorf, 3. August 1837.
Verehrtester Freund und Gönner!
Ich habe heute an Herrn v. Lüttichau das Manuscript eines Trauerspiels mit der Bitte, die Vorstellung auf dortiger Bühne zu veranlassen, abgesendet. Es heißt: Die Opfer des Schweigens, und der Plan dazu entstand vor ungefähr 10 Jahren, seinen rohesten Umrißen nach, aus der Novele 1 des Giornata IV. des Decamerone; der geistige Inhalt ist freilich etwas Anderes geworden und basirt sich auf manche Anschauungen, die ich von den Entfaltungen der Liebe insbesondre bei Frauen gehabt habe.
Es schien mir räthlich zu seyn, nicht vom hergebrachten Geschäftsgang abzuweichen, und deßhalb habe ich das Stück an die eigentliche offizielle Behörde gesendet, Ihnen aber, mein Theuerster, lege ich das Schicksal meiner Dichtung ans Herz, sofern sie Ihre Zufriedenheit erhält. Ich schrieb das Stück in diesem Frühjahr in kurzer Zeit in der Reconvalescenz von einem heftigen Fieber, nachdem ich die Direction der hiesigen Bühne niedergelegt und vermeint hatte, mich für immer theatralisch und dramatisch resignirt zu haben. So wenig halten unsre Stimmungen und Entschlüsse Stich.
Wie sehr bedaure ich, Sie in diesem Jahre nicht zu sehen. Noch immer hatte ich die leise Hoffnung darauf genährt, als Uechtritz, der seit einigen Wochen wieder hier ist, sie mir bestimmt raubte. Wann und wo werden wir doch wohl einander wieder einmal begegnen?
In den letzten Tagen las ich mit großem Erstaunen Ben Johnson und seine Schule. Noch habe ich von diesen höchst sonderbaren und ausgezeichneten Werken keinen Begriff, ja kaum eine klare Vorstellung, da sie von allen mir bis dahin bekannt gewesenen Gattungen des dramatischen Styls abweichen; ich werde mir aber daraus ein eignes Studium machen. Wenn ich der Structur der Massinger’schen Sachen erst recht inne geworden bin, und einsehe, was davon seiner Zeit angehört, und was auch heutigen Augen und Ohren noch verständlich seyn möchte, so werde ich vielleicht eine Bearbeitung vom Herzog von Mailand für die jetzige Bühne machen.
Leben Sie, mein Verehrtester, recht herzlich wohl und erhalten Sie mir auch ferner ein gutes Andenken. Mit der treusten Gesinnung