Düsseldorf, d. 2. September 45.
Als ich mich im vergangenen Winter von Ihnen trennte, mein theurer, innig verehrter Freund, da glaubte ich nicht, daß ich so lange gegen Sie schweigen würde, als nun geschehen. Mein Herz war so voller Dankbarkeit, für alles Schöne, was mir im Umgange mit Ihnen geworden, daß ich meinte, Ihnen diese wenigstens bald aus der Ferne aussprechen zu müssen. — Da kamen Unruhen und Unwohlseyn mancher Art, mein Gefühl blieb dasselbe; aber der ruhige Ausdruck desselben wollte sich nicht finden. Hoffentlich habe ich durch mein spätes Kommen nicht in Ihren Augen das schöne Recht, mich Ihnen vertraulich zu machen, eingebüßt, das Ihre Freundlichkeit mir bisher einräumte, und das ich so gern unter die kostbaren Vermächtnisse meines geliebten Mannes rechne. — Die Trennung von Ihnen trug recht eigentlich im vorigen Winter dazu bei, mir den Abschied von Berlin schwer zu machen, und ich würde es für ein gar großes Glück achten, wenn mir vergönnt würde, noch einmal längere Zeit in Ihrer Nähe zu weilen. Sie sind der einzige Dichter, dem ich außer Immermann im Leben begegnete, und Ihnen gegenüber finde ich so Vieles wieder, was sonst mit ihm für mich begraben ist. Was das ist, das wissen Sie selbst am Besten, in der Klarheit des Besitzes, mir ist es ein unsäglich, ewig Schönes mich erquicklich Belebendes, das ich mit durstiger Lippe trinke — die Poesie. Es ist ein Stück des göttlichen Schaffens, vom gütigen Genius in des Dichters Brust gelegt, womit er uns gestaltet wiedergiebt, was wir ahnend zu ihm tragen, womit er nicht allein und immer Neues zum Geschenke reicht, sondern auch in uns selbst zu wecken weiß, was irgend Bestes die Natur in uns versenkt. Mir wenigstens ist immer so dem Genie gegenüber gewesen, was mich nicht einschüchterte, weil ich seine Größe so gern anerkannte, und in seiner Nähe Schwingen an den Schultern fühlte, während das Gewöhnliche und Dumme mich leicht zu seiner Kleinheit herabzog. Die Natur hat mir Vieles versagt, womit sie Andere freundlich ausstattet, namentlich alles ausübende Talent, mich dafür aber mit einer lebhaften Empfänglichkeit beschenkt, durch die ich das Glück einer reichen und spendenden Natur, wie der Ihrigen, zu begegnen, voll und ganz zu würdigen weiß. Darum bitte, nehmen Sie mich immer gütig auf, wenn ein freundlicher Stern mich zu Ihnen führt, und lassen Sie mich Theil nehmen an Ihrem Reichthum, an dem ich mich auch in der Ferne immer aufs Neue herzlich erfreue. Sie haben mich schon vor Jahren einmal freundlich aufgefordert mich Ihnen, wie einem alten längst gekannten Freunde zu nahen, so daß ich dadurch noch immer ein Recht an Sie zu haben meine und dieses in Anspruch nehme, bis Sie es mir ausdrücklich entziehen. Drum rede ich auch heute unbefangen von meinen kleinen Erlebnissen, weil längst das Herz mich zu Ihnen trieb.
Es war um Weihnachten, als ich Berlin verließ, mit der Hoffnung dahin zurückzukehren, ehe ich im Frühling wieder an den Rhein ging. Vorher sollten aber in Magdeburg, Halle und der Umgegend Familienbesuche gemacht werden, und während derselben rührten sich die, seit meinem Wochenbett nie ganz überwundnen Nervenleiden auf eine Weise, die mich nöthigte, den lieben Plan aufzugeben. Gegen Pfingsten reiste ich nach Düsseldorf, mit großem Verlangen nach häuslicher Ruhe, fand aber gleich manchen Trouble durch die Vorbereitungen zum Rheinischen Musikfest, das wir in diesem Jahre hier feierten. Die Musik an und für sich ist nun schon angreifend, man setzt sich jedoch der Ermüdung, die sie bringt gern aus, wo sie durch ihre Vollkommenheit wahren Genuß bringt, bei diesen Pfingstfesten hat sie aber das böse Gefolge vieler gleichgültiger Menschen. Der Übersetzer der spanischen Dramen, die ich einmal auf Ihrem Tische sah, Dohrn, war unter diesen der Einzige, der durch eine frische, volle Persönlichkeit und den wunderhübschen Vortrag von Volksliedern für sich interessirte.
Wäre nun wenigstens nach dem Musikfeste Ruhe gekommen! Aber nie habe ich so viel Fremde hier gesehn, nie bin ich so viel von Kleinigkeiten in Anspruch genommen worden, als diesen Sommer. Da war es denn nicht zu verwundern, daß die Gesundheit auf keinen grünen Zweig kam, und die schon gereizten Nerven mir keine Ruhe ließen, und ich mußte mich entschließen, einem oft wiederholten ärztlichen Rathe zu folgen und ein Seebad zu gebrauchen. Die Reise nach Ostende, die als die leichteste erschien, ist mir sauer genug geworden, denn sie nöthigte mich zu Ausgaben, die meine Verhältnisse übersteigen, und es war das erste Mal, daß ich mich in der Fremde selbst beschützen mußte. Aber da ich zu oft empfunden, wie ich nur gesund das Schwere meines Lebens ertragen und mich des Guten freuen kann, so überwand ich Alles, und machte mich mit meinem Kinde auf den Weg. Die Bäder haben mich gestärkt, und jetzt denke ich gern an den Verkehr mit dem köstlichen Elemente, das ich habe kennen lernen, so wie an die mancherlei Anschauungen, die mir das interessante Land bot. Das Meer hat mich mit unendlichem Zauber umfangen, und manche stille Stunde habe ich in lautlosem Gespräch mit den schäumenden Wogen zugebracht, obgleich der erste Eindruck fast eine Enttäuschung war. An einem stillen sonnigen Tage, bei vollständiger Ebbe betrat ich zuerst den Quai, und die ruhige Wasserfläche, deren Endlosigkeit mein kurzsichtiges Auge nicht weit verfolgen konnte, imponirte mir viel weniger, als ich vermuthet hatte. Aber immer wachsend hat sich mir die eigenartige Pracht erschlossen, die mich lange Zeit wachend und träumend schaukelte, und mich bei meiner Rückkehr ganz sehnsüchtig stimmte. Je öfter ich der brausenden Fluth Anschwellen beobachtete, oder die sanften Kreise des scheidenden Wassers verfolgte, dem tobenden Sturm zusah, oder die Sonne in die klaren Fluthen sinken sah, desto andächtiger, größer ward mir zu Muthe.
Auf der Rückreise hielt ich mich 8 Tage bei Freunden in Brüssel auf, und lernte durch diese Gent, Antwerpen und das Schlachtfeld von Waterloo kennen, auf dem Immermann vor meiner Geburt in den Reihen der Kämpfenden gestanden, und wo sich ein mächtiges Blatt der Geschichte vor meinem Geiste ausrollte. — Sonst waren natürlich die Eindrücke, die ich durch die alte Niederländische Kunst, besonders Rubens, erhielt die bedeutendsten, indessen interessirte mich auch Manches, worin sich die Verschiedenheit des Landes und der Menschen von uns, ihren Nachbarn zeigte, die sonderbare politische Stimmung u. s. w. Bei meiner Rückkehr hatte ich Muße zum Ausruhen, denn im Herbst fliegt hier Alles auseinander, und man hat so gut wie keinen geselligen Verkehr, der sich erst seit einigen Wochen wieder consolidirt hat. Für mich hauptsächlich durch die Rückkehr von Schnaases und Uechtritzens, obgleich ich durch meine jüngste an einen hiesigen Maler verheirathete Schwester, jetzt mehr als sonst in den Künstlerkreisen lebe, in denen ich mich ganz wohl fühle. Diese Künstler sind ein eigner Schlag Menschen, und eigentlich nur genießbar, wenn sie ganz unter sich, und dadurch ganz unbefangen sind. So wie sie mit Andern, besonders bedeutenden Persönlichkeiten zusammentreten, werden sie entweder schweigsam oder ästhetisch, und Beides steht ihnen schlecht, denn bei den Meisten stehen glückliche Anlagen in gar keinem Verhältniß zu ihrer Ausbildung.
Daß Schnaases in Oberitalien waren, wissen Sie wohl durch Uechtritz. Sie sind Beide befriedigt, aber nicht sehr wohl zurückgekehrt, und augenblicklich etwas unruhig durch die Aussicht zu einer Versetzung nach Berlin, die ihm sehr erwünscht seyn würde. Für uns Hiesige wäre das ein großer Verlust, freilich aber das längst Erwartete. Auf der Reise hat er viel Studien zur Fortsetzung seines Buches gemacht, klagt aber, daß die Erschöpfung ihn jetzt an kein eigentliches Arbeiten denken lasse, auch wenn er amtlich weniger in Anspruch genommen wäre, als es leider der Fall ist.
Uechtritz spricht gern und angenehm von seinem Berliner Aufenthalt, lobt besonders das Theater, und hat mir von Ihnen, verehrter Freund, erzählen müssen, was er nur irgend konnte, wodurch ich denn lebhaft an die schöne vorjährige Zeit erinnert ward. Leider fand er Sie zuerst unwohl; aber bei seiner Abreise so entschieden auf der Besserung, daß Sie sich hoffentlich jetzt, unterstützt von den schönen frühlingswarmen Tagen, ganz gut befinden. — Durch Ue. habe ich gehört, daß Sie sich mit der Redaction einer Briefsammlung beschäftigen, ja fast damit fertig sind, und ich freue mich sehr auf dies interessante Geschenk. Die Briefe von Dorothea, die Sie zu lesen wünschten, läßt Uechtritz jetzt abschreiben, und Sie werden sie nächstens erhalten, ich lernte schon vor einigen Jahren etwas davon kennen, und kann nicht sagen, wie es mich ergriffen und erfreut hat. Es ist ein so durchaus schöner, ernster, edler Sinn, der überall durchgeht, und uns erfasst, auch wo man einzelne Stimmungen nicht in der Weise theilt, z. B. in den religiösen Ansichten, in denen mich die Natur einen andern Weg geführt hat, worüber ich mich neulich mit Uechtritz förmlich gestritten habe, weil er meinen Standpunkt als unweiblich angriff. Das kann ich nicht beurtheilen, es kann mich aber auch nicht ändern, denn ich muß vor allen Dingen erfassen, was für mich wahr ist, und wenn das nicht weiblich ist, so kann ichs nicht ändern. Übrigens brauchen Sie meine Ansichten nicht in abstracten modern philosophischen Begriffen, oder in wüstem Pantheismus zu suchen, ich glaube, sie als durchaus christliche vertreten zu können, nicht grade als Uechtritzsche, und mein Hauptverbrechen war Strauß Leben Jesu gelesen zu haben, von dem ich nicht durch die wiederholte Versicherung frei gesprochen wurde, daß ich des Verfassers Consequenzen durchaus nicht durchgehend theile, im Gegentheil sehr häufig gegen ihn sei. Er verlangte, ich müsse jetzt Feuerbach und Gott weiß was lesen, ohne zu hören, daß ich darnach keinerlei Verlangen habe, sondern eben jetzt nach Dingen verlange, in denen etwas für mich Positives läge. Übrigens kann man vieles von ihm lernen, und ich schätze seine Kenntnisse in vielen Dingen sehr hoch, und wünsche mir sehr oft wenigstens einen Theil seiner Geschichtskenntnisse zu besitzen, zu deren Erlangung mir mein Gedächtniß wenig behilflich ist. — Es ist ein wahres Unglück, so schlecht unterrichtet zu werden, als ich es bin, und in spätern Jahren sich an dem zu plagen, was einem so leicht hätte können in der Kindheit gegeben werden. Davor mein Töchterchen zu bewahren, strebe ich redlich nach Erweiterung meines Wissens, und freue mich am meisten der ruhigen Zeiten, in denen mir das Glück des Lernens wird, wie die jetzige eine ist. Freilich entbehre ich auch dabei unausgesetzt der leitenden Hand, die mir Im. bot, und an der mir oft zuflog, was ich jetzt mühsam suchen muß; aber auch dies Suchen hat sein Gutes, und wenn mir bisweilen ist, als ob ich in dieser oder jener Erkenntniß einen Schritt weiter gethan, so trage ich diesen Segen dankbar zu der Erinnerung an den, der mir meinen Weg gezeigt, und auch nach seinem Scheiden mein höchstes Glück bringt.
Mein Brief ist länger geworden, als ich vermuthet, es ward mir so wohl mit Ihnen, mein theurer Freund. Nun muß ich Ihnen noch eben sagen, daß mich Ihre dramaturgischen Blätter und Shakespeares Vorschule nach Ostende begleiteten, und mich sehr erfreut haben. Ganz vorzugsweise beschäftigt und interessirt hat mich die Vorrede zu Sh. V. und fast unwillkührlich drängt sich da eine Frage nach dem Werke über den großen Dichter hervor. — Nun genug für heute. Ich denke die nächste Pause ist nicht so lang. Möge es Ihnen wohl und heiter ergehen, und mögen Sie, verehrter Freund, bisweilen einen Gedanken freundlicher Erinnerung schenken
Ihrer
Sie innig verehrenden