Marianne Immermann.
IV.
Düsseldorf, d. 31. Oct. 46.
Sie wissen, verehrter Freund, wie hoch ich das Recht halte, Ihnen vertraulich zu nahen, und werden daher nicht verwundert seyn, wenn ich auch ohne besondere Veranlassung einmal wieder zur Feder greife, um mich wenigstens im Geist in Ihre unmittelbare Nähe zu versetzen. Sie haben mir einmal gesagt, daß Ihnen meine Briefe immer angenehm wären, und was man gern hört, das glaubt man auch gern, und so schreibe ich weil die Aussicht, Sie einmal wieder persönlich zu begrüßen, sich in stets weitere Ferne schiebt. Es ist recht lange her, daß ich nichts Näheres von Ihnen gehört habe, denn was mir Ihr Freund Waagen vor einigen Wochen in Frankfurt mittheilte, gründete sich doch auch nicht auf persönliches Sehen. Aber im Frühling brachte dieser uns gute Nachrichten von Ihnen und freundliche Grüße, die mit großer Freude empfangen sind. Möchte es Ihnen doch auch ferner so wohl gehen, als ich es von Herzen wünsche, und wir uns noch lange Ihrer schönen geistigen Frische erfreuen können. Über das, was Sie Ihren Freunden und dem Publikum im Allgemeinen noch zu geben denken, hört man bisweilen lockende Gerüchte, besonders versprach Uechtritz im vorigen Herbste mit einiger Sicherheit eine Briefsammlung, die Sie im Begriff seien, zu arrangiren; aber leider ist es vorläufig bei dem Versprechen geblieben, und wir sehen noch immer hoffend aus. Nun freilich haben Sie ein Recht zu ruhen, und wenn die Rückkehr zu den köstlichsten Quellen Ihrer Poesie auch den Wunsch nach immer Neuem aus Ihrem reichen Geiste sehr natürlich erweckt, so ist doch das Gefühl der Dankbarkeit für das Gegebene immer das Vorherrschende. — Dies Gefühl habe ich besonders lebhaft empfunden, als ich im Frühling mich einmal wieder in die wundersame Welt des Cevennenaufstandes vertiefte, der mir immer als eine Ihrer eigenartigsten Schöpfungen erscheint.
Jetzt ist es fast zwei Jahre, daß ich so glücklich war, Sie in Berlin zu sehen. Einige ruhige Stunden des Gespräches in denen mir der ganze Vorzug einer Dichternatur reich entgegentrat, die wunderschöne Vorlesung des Octavian, der ich beiwohnen durfte, werden mir unvergeßlich seyn. Früher rechnete ich darauf, in diesem Winter meine damalige Rundreise zu wiederholen; aber die Verhältnisse in meinen beiden Heimathstädten Halle und Magdeburg, werden immer weniger anziehend für mich, und doch kann ich nicht daran denken, in die dortige Gegend zu kommen, ohne an beiden Orten einen mehr als flüchtigen Aufenthalt zu machen. Dennoch würde ich wohl gereist seyn, wenn nicht im Juny dieses Jahres meine gute Schwiegermutter gestorben wäre, welche fortgesetzt die lebhafteste Sehnsucht nach meinem Töchterchen hatte. Nun habe ich mich hier in Düsseldorf für die nächsten sechs Monate gefesselt, und werde während dieser Zeit die 14jährige Tochter einer Freundin bei mir haben, mit der ich mich ein wenig geistig zu beschäftigen versprochen habe. Das ist freilich in vielen Beziehungen eine Gene; aber es füllt das Leben auch wieder aus, und die äußern Verhältnisse sind hier allmählig so dürr und unerquicklich geworden, daß man sich fast gänzlich auf das eigne Haus und seine Beschäftigungen angewiesen sieht. Im vergangenen Winter nahm mir der Tod meine geliebte Freundin, die auch von Ihnen anerkannte Frau v. Sybel, mit ihr die Hauptstütze meines hiesigen Lebens. Da trat einen Augenblick der Wunsch mir nahe, Düsseldorf zu verlassen; aber er verlor sich in der Frage: Wohin? und in der Furcht vor allen eigenmächtigen Entschlüssen, die uns Frauen nun einmal schwer fallen. Hier denke ich, hat mich die Hand des Schicksals hingeführt, und trage in diesem Gedanken leichter die Entbehrungen, die mich treffen, als in selbstgewählter Umgebung. Auch hat der Rhein einen unsäglichen Reiz für mich, und viel heimathlichern Klang in meinem Herzen als mein philiströser Geburtsort. Hier habe ich gelebt und geliebt, schon das allein macht mir die Wege lieb, durch die ich wandre, auch wenn sie meinem Auge nur grüne Hecken und Saatfelder bieten. Überdieß lernt man ja immer mehr sich selbst Freude verschaffen, und wenn ich nicht grade mich unter langweiligen Leuten quälen muß, so bin ich in meinem eignen Hause, mit meinem lieblich heranwachsenden Kinde, und meinen Beschäftigungen ganz zufrieden. Der Reiz des Lernens ist ein immer frischer, immer wachsender, je mehr man sich in die gewaltigen Blätter der Geschichte vertieft und den großen Zusammenhang aller Dinge übersehen lernt, je mehr die Natur uns in ihr geheimes Walten blicken läßt und die Poesie ihre ewige Jugend in alten und neuen Schöpfungen ihrer Lieblinge offenbart, desto mehr empfindet man den Reichthum des Daseyns, auch wenn das Leben uns frühe Entbehrungen zutheilte. Der kurze Liebeslenz, mit dem der Himmel meine Jugend schmückte, ist freilich schnell verklungen; aber wir verlieren ja Nichts, was wir einmal wahrhaft besessen, und obgleich die Sehnsucht nach dem Vergangnen nicht mehr heftig in den Frieden meiner Seele schneidet, so lebe ich doch mit meinem geliebten Manne fort, wie mit der Luft, die mich umgiebt, und erkenne in Allem, was mich erfreut, dankbare Frucht des von ihm in meine Seele gestreuten Samens. — Was hier entschieden fehlt, sind Anschauungen der Kunst, und nach einem guten Schauspiel, nach Werken der bildenden Künste, die dem Geiste wirklich Nahrung geben, habe ich allerdings häufig Verlangen. Als ich vor einigen Wochen das Städelsche Institut besuchte, fühlte ich recht lebhaft, wie ein einziger der dortigen schönen Abgüsse mehr für mich war, als was ich hier in der Dauer vieler Monate zu sehen bekomme. — Den Schätzen Berlins sende ich auch manchen Gedanken zu; aber den Wunsch, dort zu leben, der eine Zeitlang durch meine Seele zog, habe ich ganz aufgegeben, und könnte ich jährlich mit Bequemlichkeit dort einige Wochen zubringen so wäre ich ganz zufrieden.
In diesem Sommer habe ich ganz neue Zustände kennen lernen, indem ich einige Monate in Marburg im Hause des Prof. v. Sybel zubrachte, wo man meinen Beistand für ein zu erwartendes Wochenbett wünschte. Da ist man in vieler Beziehung noch in der Kindheit, besonders bewegt sich das gesellige Leben in Formen, vor denen man sich hier am Rhein entsetzen würde, die aber dennoch viel Gemüthliches, und darum mir Ansprechendes haben. Freilich mögen sie sich im Winter, und in den unschönen Räumen der alten winkligen Häuser weniger gut ausnehmen, als während der Sommer sich in der überaus lieblichen Gegend erging, und einen reizenden Rahmen um Alles zog. Ich war nie so dauernd in einer schönen Gegend wie jetzt, und habe den Segen derselben recht voll genossen. Nun ist aber auch die Marburger Umgebung besonders anziehend, denn sie stellt sich nirgend in prätentiöse Ferne, und verlangt Anstrengungen für den Umgang mit ihr. Nein, in jedes Fenster schaut sie vertraulich herein, wie ein Freundesgesicht, und wo man den Fuß aus der Thüre setzt, tritt sie in immer neuen Ansichten dem Auge entgegen. Einen besondern Schmuck erhält sie überdieß durch die schöne Kirche, die man von allen Seiten in neuen Umgebungen wiederfindet. Mit Vergnügen lernte ich manchen Anhänger Immermanns kennen, und fand die Freude am Münchhausen, der erst kürzlich bis in diese Hügel gedrungen war, ganz allgemein. Unter den Professoren sind wenig bedeutende Persönlichkeiten. Mir am interessantesten war die Bekanntschaft eines jüngern Theologen, des Prof. Thiersch, ein Sohn des Münchner Philologen, den ich auch habe kennen lernen. Ich bin ihm durch die Beschäftigung mit einem kürzlich von ihm erschienenen Buche nahe getreten: Vorlesungen über Katholicismus und Protestantismus. Es ist von ganz orthodoxem Standpunkte aus, aber so wenig aus abgeschlossenem Protestantismus hervorgegangen, daß man dem Verfasser den Vorwurf des Katholisirens gemacht hat, gewiß mit Unrecht, denn er übersieht nur mit unbefangenem Auge die Mängel und Vorzüge beider Confessionen, und sieht eine letzte und höchste Entwickelung der Kirche in der Einheit Beider. Man sagt, unsere Königin interessire sich sehr für ihn, und es soll davon die Rede gewesen seyn, ihn an Marheineckes Stelle nach Berlin zu rufen; aber er ist ein wenig Antiberliner, und ich fürchte auch, daß er sich dort nicht ganz wohl fühlen würde, denn es würden ihn manche als den ihrigen betrachten, zu denen er nicht eigentlich gehört. Er ist eben so duldsam in Betreff fremder Meinungen, als von der eignen durchdrungen, und weit entfernt sich im Verkehr oder Urtheil durch die herausgekehrte Seite irgend eines Bekenntnisses bestimmen zu lassen. Wenn man übrigens eine Zeitlang gesehen hat, was in Hessen die Kleinlichkeit der Polizei und Verwaltung, trotz der Constitution hervorzubringen vermag, so freut man sich, wenn man wieder in die Staaten seiner Preuß. Majestät gelangt, trotz manches Geschreis, was in denselben laut wird.
Es wird Sie wohl interessiren, ein Wort von Uechtritz zu hören, verehrter Freund. — Ich habe viel Sorge für ihn gehabt, und finde seinen Zustand noch immer wenig erfreulich. Den vorigen Winter hat er viel gelitten, und war geistig oft auf die beängstigendste Weise absorbirt und zerstreut. Nun hat er Marienbad gebraucht, und das Gespräch mit ihm ist wieder viel leichter. Er holt mich bisweilen gegen Abend zum Spazirengehen ab, und da habe ich mannichfache Gelegenheit, mich seines vielseitigen Wissens und seines feinen Verständnisses gewisser Dinge zu erfreuen. Das letzte Mal war er ganz voll von Ihrem jungen Tischlermeister. — An seinem Romane arbeitet er fort. Könnte man ihm ein drei Mal schnelleres Schaffen anwünschen, so wär es gut, und er würde hier vielleicht das Beste leisten, dessen er fähig ist. Aber wann wird er fertig werden, oder wird er’s überhaupt vollenden? Schnaase war im Herbst in Holland und Belgien, wohl nicht ohne bestimmte Kunstabsichten. Die Fortsetzung seines Buches ist etwas hinausgeschoben, denn er ist sehr unzufrieden mit dem, was er dafür gethan hat, und will Alles noch einmal umarbeiten. Jetzt hat er einen Freund bei sich, der beschäftigt ist, das Vollendete ins Französische zu übersetzen, eine Arbeit, deren Anfänge Schn. für sehr gelungen erklärt. Ich habe diesen Sommer erst seine Niederländischen Briefe kennen lernen, und sie mit ungemeinem Vergnügen gelesen. Bisweilen ist für meinen Verstand der Gegenstand nicht fasslich genug behandelt; aber man wird immer für die Mühe belohnt, und erkennt recht, mit welchem fein organisirtem Geiste man zu thun hat.
Ehe ich schließe, muß ich Ihnen noch erzählen, daß mein Carolinchen nun schon ein ganz großes Mädchen wird, und ihre ersten Studien begonnen hat. Wir malen mit nicht geringer Anstrengung verschiedne Buchstaben auf die Tafel und lesen ohne Kopfbrechen einzelne Worte. Leider ist das Kind sehr träge, so wenig sie dumm ist, und ich weiß nicht, wofür mich der Himmel mit dieser bedenklichen Anlage strafen will, denn Faulheit ist nicht mein schlimmster Fehler. Übrigens ist die Kleine doch sehr liebenswürdig, gesund und kräftig und die Quelle unsäglicher Freude für mich.
Nun finden Sie nur nicht, daß ich allzu geschwätzig war, mein theurer und gütiger Freund, sondern nehmen Sie mich freundlich auf, die ich mit immer gleicher Verehrung bin