Die stolze Freude, mit der ich Sie im Geiste und mit dem Herzen auf Ihren Feierzügen der Heimreise durch Heidelberg, Darmstadt, u. s. f. begleitete, wird nur durch den Gedanken getrübt und gedemüthigt, daß nicht auch hier in Karlsruhe Ihnen eine huldigende Aufmerksamkeit hatte dargebracht werden können; allein Ihr kurzbemessener Aufenthalt vereitelte die kleine Festlichkeit, mit der es von einer Anzahl „bekannter und unbekannter Freunde und Schätzer Tieck’s“ auf Sie abgesehen war, und so sind Sie denn glücklich und unbewußt mit der blosen Nachricht in der hiesigen Zeitung weggekommen, daß Ihnen ein Festmahl bereitet werden sollte, was übrigens in der, in der Mehrzahl der Mitglieder seiner s. g. gebildeten Klassen hinsichtlich des Genusses dichterischer Schöpfungen und der begeisterten Würdigung der Dichter noch ziemlich böotischen oder beamtlichen „fächergebaueten Sandstadt“ ein „Ereigniß“ gewesen sein würde, da man hier wol einen neuen Bürgermeister oder Stadtdirektor oder Landtags-Abgeordneten oder fürstlichen Namenstag befestmahlte, einen Dichter aber noch nicht seit Serenissimus der höchstselige Markgraf Karl-Wilhelm von Baden-Durlach Anno 1715 den Grundstein zu hiesiger Stadt legte. Übrigens ist Ihnen die gedrohte Verherrlichung (kurios, daß man Poeten — diese Ambrosiaesser und Idealreichswohner — so gern durch ein Speisefest feiert und ihnen den Lorbeer, statt um die Schläfe, in einer Wildschweinsauce reicht) nicht geschenkt, sondern nur aufgehoben; lassen Sie sich nur wieder dieses Jahr in Baden finden! ja, hätte ich Ihnen nicht gerade zum Beginn eben dieses Jahres nur gute Wünsche darzubringen, so möchte ich fast, Sie hätten einen recht rheumatischen Winter durchzumachen, um desto gewisser wieder die „balsamischen Lüfte“ und das „weiche warme Wellenspiel“ in der von einem schriftstellernden Engländer so benannten „City of the Fountains“ aufsuchen zu müssen; so aber will ich, aus der Fülle meines Herzens, Ihnen ein geistig und körperlich recht behagliches Verbringen dieser nordischen (aber nicht meiner) Lieblings-Jahreszeit und noch recht vieler Lenze und Badereisensommer und fruchtreicher Herbste (stehen Sie ja doch selbst erst — was auch der 31. Mai 1773 dawider aufbringen möge — im Lebensherbste und müssen, uns Lesern und geistigen Feingenüßlingen zu lieb und zum Frommen, noch mehr Früchte geben so reif und so schön und so erquicklich wie Ihre letzte, aber hoffentlich nicht letzte, Ihre Südfrucht, Ihre Vittoria) wünschen.

Aus den kümmerlichen und wol auch mitunter unrichtigen Korrespondenznotizen der Zeitungen habe ich mir über Ihr seitheriges Befinden und Thätigseyn doch manches Erfreuliche zusammengelesen, besonders über Ihren Aufenthalt in Potsdam-Berlin; die Feier, die Ihnen dort veranstaltet worden, habe ich nachbegangen, Ihre Mühwaltung um die Aufführung der „Antigone“ getheilt, den Genuß der Anschauung dieses erhabenen und erschütternden Spiels Ihnen beneidet, die Auszeichnung und Freundschaft, die Ihnen ein König bewies, über den man hier, wo man häufig entweder hitzig-liberal oder, infolge gewisser Einflüsse, österreichisch-dirigirt denkt und ist, die seltsamsten und zweifelndsten Urtheile hören muß, den ich aber als einen Fürsten voll der reinsten und hellsten An- und Absichten für die allerdings nicht französisch-übereilte Förderung des Volksbesten und als einen Mann von tiefem, aber eben darum dem gewöhnlichen und oberflächlich blickenden Auge nicht breit offen gelegten Gemüthe und von reichem feinem Geiste ansehe und hoch halte, herzlich gegönnt. Verzeihen Sie mir diese, in einem freundschaftlicher Ergießung bestimmten Briefe, vielleicht unangemessene Hereinbringung meiner Ansicht über den Herrscher Preußens; allein wie überflüssig und werthlos sie an sich auch sein mag, so hat sie doch das Verdienst, die eines Mannes zu sein, der sich einer ächten freien Gesinnung bewußt und unabhängig genug ist, um nicht einen Bierbank-Liberalismus oder den Servilismus der Kriecher und Hungerleider sich andenken oder anheucheln zu müssen, und zudem drängte es mich, gerade Ihnen, dem von mir so Hochverehrten und hier vor so vielen zum zuständigsten Urtheil Befähigten, das meinige darzulegen.

Von meinem Leben, Thun und — Lassen (denn ich Kleiner leide wie gewisse viel viel Größere auch an der Bequemlichkeitssünde) werden Sie wol keinen Bericht verlangen und ich Ihnen wahrhaftig auch keinen geben; zwischen den Freuden und Genüssen des Familienkreises und meiner Bibliothek — den besten, den ich kenne — einerseits und the usual routine of newspaper-writing and dictionary-making und just so vieler Theilnahme an freundschaftlichem Verkehr und öffentlichen Vergnügen, als nöthig ist, um nicht für einen Menschenfeind oder Pedanten sich ansehen lassen zu müssen, andrerseits, runs the smooth course of my life, den selbst der Ärger über die immer materieller werdende, in Fabrikenwuth und Fabrikennoth sich verrennende Welt nicht zu stören vermag. Einen besondern Genuß gewährt mir allsonntäglich Abends das Lesen (versteht sich im Original) und Besprechen Shakespeare’s gemeinschaftlich mit dem Hofbibliothekar Gentz hier, einem tüchtigen Sprachenkenner, und dem Ministerialrath Zell, der Ihnen wol noch von Ihrem letzten Hierseyn in freundlichem Andenken ist, jedenfalls sich Ihnen dazu wieder empfiehlt. Wir gedenken bei diesem Shakespeare-Kränzchen oft Ihrer; allein lieber noch, als im Geiste, möchten wir Sie leiblich bei uns haben zum Vorlesen, was Ihnen aber auch, sobald wir Sie wieder in Karlsruhe bekommen und festhalten können, sicherlich nicht soll erlassen werden. — Ein Wunder hat Hr. M. R. Zell hier gewirkt, das Sie ebenso erstaunen als freuen wird: angeregt durch die ebenso eigenthümliche wie schöne Idee jener Wiederauferweckung der altgriechischen Tragödie und die vielbesprochene Aufführung der sophokleischen Antigone in Potsdam hat er über Beides eine Reihe freier Vorträge in dem hiesigen Museum gehalten, welche mit der lebhaftesten Theilnahme und stets, selbst von Seiten der zahlreichst anwesenden Damenwelt, gespannter Aufmerksamkeit angehört wurden und mich und andere Freunde geistiger Anregungen und Genüsse hoffen lassen, daß letztere wenigstens neben dem Tanzen und Geigen noch ihre Stelle in jenem gesellschaftlichen Vereine erhalten und Wurzel fassend erfreuliche Blüten treiben und wohlthätige Früchte tragen werden; es war etwas Unerhörtes, Niegeschautes, Nimmererlebtes, Hunderte und Hunderte diesen Vorträgen zuziehen zu sehen, und mag schon Manche der Umstand, daß sie (natürlich) umsonst gehalten wurden, gelockt oder die Mode hingeführt haben, so ist doch in Viele der Same eines bessern Geschmacks und einer reineren Genußrichtung gestreut worden und das Verdienst Hrn. Zell’s gewiß auch in Ihren Augen nicht unbedeutend. Doch ich merke mit Schrecken, wie ich mit unsern Herrlichkeiten kleinstädtisch groß thue und breit werde, und nehme Ihre Nachsicht und Augen nur noch für ein paar erklärende Worte über die Inlage in Anspruch. Sie rührt von einem jungen hiesigen Handwerksmeister her, der — ein ächter, kräftiger, schlichter, kluger, allgemein geachteter hiesiger Bürgersmann — neben seinem Gewerbe, das er tüchtig treibt, in arbeitsfreien Stunden sein unverkennbares Talent zur Dichtkunst als Erholung und vom inneren Drang bewegt, walten läßt und pflegt, manches, ja vieles recht Hübsche und Ansprechende in Versen schon geleistet und geliefert hat (ich glaube, es würde den Mann und Naturdichter glücklich machen, wenn Sie ihm erlaubten oder ihn einladen, Ihnen das 1840 gedruckte Bändchen seiner Dichtungen zu senden?) und gelegentlich mich über seinen literarischen Bedarf oder dieses und jenes von ihm gelesene gute Buch zu Rathe zieht; so kam er letzthin ganz im Feuer zu mir, erzählend, wie er so eben mit inniger Lust Ludwig Tieck’s „jungen Tischlermeister“ gelesen, in dem die herrlichste, einsichtsvollste Anerkenntniß des Bürger- und Handwerker-Standes gefunden und sich an dem Buche ordentlich aufgerichtet und aufs Tiefste erquickt habe; wie er bedauere, daß ihm jede Gelegenheit mangele, dem Verfasser selbst sein Entzücken und seine Verehrung auszusprechen u. s. w. Auf meine Bemerkung, daß Sie mich mit Ihrer Bekanntschaft und Freundschaft beehrten und ich überzeugt sei, daß jene seine Äußerungen, brieflich an Sie gerichtet, von Ihnen freundlich würden aufgenommen werden, hat er mir denn das Beiliegende zur Beförderung an Sie, verehrter Herr, zugestellt. Ich bin gewiß, seine — wenn schon manchmal überschwänglich gesetzten — Worte werden Ihnen wohler thun, als Dutzende zierlich gedrehter oder gewöhnlicher Rezensionen.

Indem ich Sie bitte, Ihren Reisebegleiterinnen den Ausdruck meiner Ehrfurcht und meiner Freude, ihrer Bekanntschaft wenn auch leider nur kurz gewürdigt worden zu sein, darzulegen, hoffe ich, daß Sie mir — und meiner Frau, die sich Ihnen bestens empfehlen läßt — Ihre freundliche Zuneigung auch ohne briefliches Zeichen, um das ich Sie bei Ihrer so viel in Anspruch genommenen Zeit anzugehen kaum wagen darf, immergleich bewahren und vor Allem in diesem Jahre mich, auf Ihrer Badefahrt, mit Ihrem Besuche wieder beehren und beglücken werden.

Mit Hochachtung und Anhänglichkeit

Ihr

v. Killinger.

N. S. vom 15ten. Eben da ich meinen Brief für die Post siegeln will, kommt mir die neueste Nummer des londoner Athenaeum vom 8. Januar und damit der Prospektus einer bei Whittaker & Comp. in London erscheinenden, neuen Ausgabe von Shakespeare’s Plays and Poems zu, welche der Ihnen sicherlich wohlbekannte unermüdliche und vielfach auch recht scharfsinnige Sammler und Forscher aller, Shakespeare und seine Werke betreffenden Notizen und Bücher, Hr. J. Payne-Collier, auf acht Demioktavo-Bände (zu 12 Schillings der Band) berechnet, vorbereitet, und wovon der erste Band die Lebensbeschreibung, die Geschichte des engl. Drama’s u. s. w. enthalten soll. Wenn die Ausführung nur die Hälfte von dem leistet, was der Prospekt verspricht, so giebt’s wirklich an unique and the most complete and correct edition of all Shakespeare’s. In Bezug auf die von ihm den einzelnen Stücken beizugebenden Anmerkungen sagt der Verfasser u. a.: „What may have been well and justly said by German critics, especially by such men as Tieck and Schlegel, will also be brought under the reader’s notice, taking care, however, not to obtrude the rhapsodical outpouring of their extravagant and ignorant imitators, whether abroad or at home.“ Collier hat übrigens ein, auf diese seine Unternehmung bezügliches, um eine Bagatelle bei jeder londoner Buchhandlung zu habendes Druckschriftchen u. d. T. „Reasons for a New Edition of Shakespeare’s Works (London 1841|42 bei Whittaker),“ vorausgehen lassen.

Doch diese meine Notiz ist wol für Sie eine spätkommende und überflüssige, da Sie wol bereits von dieser literarischen Entreprise Kenntniß und den rechten Maßstab der Würdigung haben.

v. Kr.