Mein hochgeschätzter und verehrter Freund!

Den Babingtonschen Catalog hab’ ich Ihnen nicht gesandt, auch Reimer nicht, aber mit Vergnügen hab’ ich Ihre Aufträge an Hrn. Spiker befördert, der bis zum October in London bleibt. Sein Aufenthalt ist für die Königl. Bibliothek sehr vortheilhaft gewesen: schon haben wir 3 große Kisten mit englischen und einigen spanischen und portugiesischen Büchern erhalten. Wir haben bereits alle alten Hauptchroniken von England und von Schottland bekommen: ferner in der schönen Literatur jetzt 2 Ausgaben der old plays und die sämmtlichen neuen Commentatoren über Shakespear, auch Hawkins, Massinger Works u. dgl. Sobald alle diese Sachen, die mehrere hundert Volumina ausmachen, geordnet sind, zweifle ich nicht, daß Sie dieselben zu Ihrem Gebrauch werden bekommen können. Besonders wünschte ich, daß Sie einige Zeit hier bleiben könnten, um genauer mit diesen Schätzen bekannt zu werden. Nun bitte ich Sie, wenn Sie noch einige ältere für die Geschichte der Sprache und Literatur wichtige Werke wissen, die eine Bibliothek, die die Ehre haben will, die erste eines großen Staats zu seyn, haben muß, mich darauf aufmerksam zu machen: ich werde dann sorgen, daß sie angeschafft werden. Ich hoffe, daß die Bereicherungen, die unmittelbar durch meinen Betrieb der Bibliothek zugewachsen sind, noch in der Folge schöne Früchte tragen werden. Ich habe den ganzen Vorrath selbst nur erst flüchtig durchgesehn. Zwei Kisten kommen noch. Das Parlament hat uns ein Geschenk mit allen den Sachen gemacht, die auf Veranstaltung desselben gedruckt sind und darunter sind wichtig der Catalog der Bodleyanischen und Coltonianischen Handschriften: diese Sachen sind aber noch nicht hier: wir erwarten sie aber noch mit der ersten Gelegenheit. Unsre Bibliothek ist durch diese Erwerbungen wirklich sehr bereichert und wir brauchen nun nicht mehr so sehnsüchtig nach den Fleischtöpfen Aegyptens, der Göttinger Büchersammlung auszuschauen. Hr. Reuß verlangt nun die Bücher zurück, die Sie haben, und ich muß Sie bitten sie ihm wiederzuschicken. Hawkins ist hier und Sie können ihn wieder bekommen, vermuthlich auch was Sie sonst haben: melden Sie es mir nur bald, ich will dann schon suchen, Ihnen die Bücher zu schaffen. Es ist natürlich von hier aus leichter als aus Göttingen Sendungen zu machen. Kennen Sie schon das neue angelsächsische Gedicht, das Thorkelin herausgegeben hat? Es ist gewiß sehr merkwürdig, aber über die Maßen schwer zu verstehn, ich kann gar nicht damit aus der Stelle kommen. Schon früher hat die Bibliothek auch viele recht interessante Bücher zur spanischen Literatur erhalten: nicht nur alte Chroniken, auch poetische Werke, alte Schauspiele u. s. w., sie sind theils aus der Graf Palmschen Auction in Regensburg, theils aus Hamburg gekommen.

Wie sehr wünschte ich, daß Sie etwas näher wären: um Ihnen auch manches nordische mitzutheilen. Ich habe mir jetzt alle Werke von Bellmann verschaft, auch die alten schwedischen Volkslieder mit Melodien, worüber ich gar zu gern Ihr Urtheil hören möchte. Ich bin in sehr nüchternen Arbeiten begriffen: ich lese 3 Collegia, das ist völlig so gut als Holz hacken: ein neues über die Politik, das mir viele Zeit kostet, weil ich selbst noch nicht recht viel davon wußte, ich habe es aber gethan, um dem Schlendrian und den gemeinen Ansichten, die gerade hier wieder recht die Tagesordnung werden sollen, die Stirn zu bieten. Mein Mittelalter ist noch immer nicht fertig, obgleich schon 43 Bogen gedruckt sind. Man denkt jetzt ernsthaft an die Ordnung der hiesigen Kunstsammlungen, wozu eine eigne Comißion ernannt ist: mir ist auch mein Theil nemlich die Menge des Mittelalters angewiesen. Es hat sich bei dieser Gelegenheit das ganze herrliche Stoschsche Cabinett von geschnittenen Steinen wiedergefunden, das selbst nach gedruckten Nachrichten ganz zerstreut seyn sollte.

Herr Garlieb Merkel hat sich wieder eingefunden, um den alten Freimüthigen herauszugeben: mich erinnert seine Ankündigung an den Gastwirth in Hamburg, der anfangs sein Schild vertauscht hatte und da nun ein andrer sich seines alten bediente, unter sein neues (es hieß zum Prinzen von Hessen) setzen ließ: das ist der rechte goldne Esel. Reimer hatte den boshaften Einfall, gleich nach Merkel’s Ankunft, in alle hiesigen Zeitungen einrücken zu lassen: es wären jetzt von der Schrift Testimonia autorum de Merkelio wieder Exemplare vorräthig. —

Leben Sie wohl, mein verehrtester Freund! und vergessen Sie nicht Ihres

ergebensten

Fr. Rühs.


Rumohr, Karl Friedrich Ludwig Felix von.

Geb. am 6. Januar 1785, gestorben zu Dresden am 25. Juli 1843.