Freylich kann jeder über mich denken, sagen und schreiben was er will; so lange ich es nicht erfahre und keine nachtheilige Wirkungen davon auf mich zurückfallen, gehts mich nichts an. Wenn aber jemand ein ungünstiges Urtheil über mich gefällt und mitgetheilt hat, wovon ich Wirkungen erfahre, so sehe ich nicht, daß es ein Eingriff in seine Rechte wäre, ihn darüber zu fragen, da er ja immer die Freyheit hat, mir eine Antwort zu verweigern, wenn er die Frage für ungebührlich hält. Selbst die Absicht, mit welcher ein solches Urtheil mitgetheilt seyn möchte, würde den Fall nicht verändern, wie mich däucht — wenn jemand mein Zutrauen mit freundschaftlicher Theilnahme aufnimmt, so bin ich ihm vielen Dank dafür schuldig, aber die Verbindlichkeit, die er mir dadurch auflegt, giebt ihm kein Recht zu richterlichem Ansehen über mich. — Ich habe mich in der Vermuthung, die zu meiner Frage Veranlassung gab, geirrt, und bitte in dieser Rücksicht um Verzeihung. — Was den Ton, die Manier, den Ausdruck betrifft, womit ich etwas sage, so bin ich eben nicht gewohnt, mich darüber zur Rechenschaft ziehn zu lassen. Es thut mir leid, wenn Sie damit unzufrieden sind, aber ich habe keine Antwort darauf. — Wenn ein Mann von Ehre sich von mir beleidigt hält, und ich kein Unrecht von meiner Seite anerkenne, so muß ich ihn den Weg zur Ausgleichung selbst wählen lassen. —
II.
Jena, den 11ten Dec.
(Ohne Jahreszahl.)
Es ist schön, daß unsre Briefe einander auf halbem Wege entgegen gekommen sind. Die Correspondenz ist also nun förmlich eingerichtet, bis zur persönlichen Bekanntschaft, auf die ich mich lebhaft freue.
Haben Sie Dank für die übersandten Volksmährchen, sie haben mir eine sehr angenehme Lectüre gewährt, es verdrießt mich nun noch mehr, daß sie ein Andrer, wie mir däucht, nicht mit sonderlicher Einsicht, beurtheilt hat, und ich sinne darauf, wie diese Versäumniß wieder gut zu machen wäre. Ihr Don Quixote soll mir gewiß nicht entgehen; ich bin überzeugt, daß es Ihnen damit sehr gelingen wird, da Sie die darstellende Prosa so in Ihrer Gewalt haben. Der Don Quixote ist vielleicht unter allen Romanen vor W. Meister derjenige, der am meisten von dem epischen Numerus hat, worüber ich in der Beurtheilung von Hermann und Dorothea einiges gesagt. Die vielen spanischen Participien werden Ihnen einige Noth machen; ich denke, sie müssen in den meisten Fällen in direkte Sätze aufgelöst werden, so daß ungefähr eine so leichte Wortfolge und Structur, wie im W. M., bei gleicher Fülle, heraus käme.
Ihr Prolog unter den Volksmährchen ist ein allerliebster Einfall, und voll von allerliebsten Einfällen. In dem blonden Ekbert fand ich ganz die Erzählungsweise Göthes in seinem Mährchen, im W. M. u. s. w. Sie haben sich diesen reizenden Ueberfluß bei gleicher Klarheit und Mäßigung auf eine Art angeeignet, die nicht bloß ein tiefes und glückliches Studium, sondern ursprüngliche Verwandtschaft der Geister verräth. So auch mit den Liedern. Man hätte mich mit einigen davon täuschen können, sie wären von Göthe. Seltner glaubte ich darin einen von den zerstreuten Zauberklängen in Shaksp.’s Liedern zu hören. Ueberhaupt würde man, wie mir däucht, Ihre innige Vertrautheit mit diesem Dichter weniger vermuthen. Vielleicht kommt es nur daher, weil Sie noch nichts in Sh.s Form dramatisirt haben. Ein romantisch komisches Schauspiel, der ernsthafte Theil in fünffüßigen Jamben, auch wohl mit untermischten Reimen, nur der komische Dialog in Prosa, das müßte Ihnen herrlich gelingen. Ich glaube, Sie müssen bei Ihren nächsten Dichtungen hauptsächlich darauf achten, Ihre Kraft zu einer recht entschiedenen Wirkung zu konzentriren, und vielleicht ist selbst die äußere Schwierigkeit hierzu ein Mittel.
Den Lovell lese ich mit großem Interesse, doch scheint mir von ihm bis zu einigen der Volksmährchen noch ein großer Schritt zu sein.
Im Berneck und der schönen Magelone finde ich noch einige Erinnerungen an die frühere Manier. Jener hat mich überhaupt am wenigsten befriedigt. In der Magelone wurde mir die Schwierigkeit sichtbar, schwärmerische Regungen der Liebe in einem alten Kostüm ohne moderne Einmischungen darzustellen. Doch sind die Lieder allerliebst, und auch einige Stellen der Erzählung, z. B. den Traum S. 185, 186 könnte Göthe eben so geschrieben haben. Sie verzeihen, theuerster Freund, daß ich Ihnen mein Urtheil so unbefangen sage, als ob wir schon Jahre lang mit einander umgegangen wären. Lassen Sie mich doch auch einmal Ihre Meinung über meine Gedichte im Almanach erfahren, wenn es Ihnen nicht mühselig ist, und Sie es in der Kürze können.
Auf Ihre Briefe über Shakespeare bin ich sehr begierig. Wie sind Sie mit meinem Aufsatze über Romeo zufrieden gewesen? Ich hoffe, Sie werden in Ihrer Schrift unter anderm beweisen, Sh. sei kein Engländer gewesen. Wie kam er nur unter die frostigen, stupiden Seelen auf dieser brutalen Insel? Freilich müssen sie damals noch mehr menschliches Gefühl und Dichtersinn gehabt haben, als jetzt. Ihre beiden Conjecturen im Sturm leuchten mir sehr ein, doch weiß ich nicht, ob ich sie in die Uebersetzung aufnehmen darf — es würde eine Note fordern, und ich mache keine Noten. — Die Englischen Kritiker verstehen sich gar nicht auf Sh. — ich will Ihnen ein Beispiel einer schlechten Conjectur von Malone geben, der doch sonst für den besten gilt, und auch, wo es bloß auf das diplomatische Vergleichen und Auftreiben veralteter Redensarten ankommt, wirklich ist. Die Stelle ist in What you will, in meiner Uebersetzung S. 197.