Nächster Sommer ist mir zu einer Reise nach England und Frankreich verwilligt worden, die mir für den Augenblick wichtiger ist als die noch verschobne nach Italien. Es wird mich sehr freuen, wenn Sie mir irgend einen Auftrag geben wollen. Ich bleibe 3–4 Monate in London, gehe auch nach Oxford und Cambridge, dann über Paris und vielleicht durch Süddeutschland, was aber nur ein verschwiegner Wunsch ist.

Mein Buch über die Dorier wird erst hernach erscheinen. Es ist etwas ins Große angelegt, und hält mich stets in der gespanntesten Thätigkeit. Ein Hauptcapitel ist darin Apollon. Ich habe den Gedanken durchgeführt, daß Apoll ursprünglich ein dualistischer Gott sei, ein reiner, starker, zorniger und zugleich helfender Gott, daher Todesgott bei Homer, wo der Tod eine ethische Bedeutung hat, und zugleich das reine Licht, was Spätere verleitete an die Sonne zu denken, der unsichtbar treffende Bogengott und der milde Heiler Päan, der Verderber und Retter, welcher straft und sühnt, daher die Mordsühne unter seiner Obhut steht. Daran knüpft sich dann eine alte Ethik, die die Ruhe und Festigkeit des Gemüthes im Gegensatz jeder trübenden und verwirrenden Leidenschaft als Ziel setzt, die einfache, strenge Harmonie. Diese zu bewirken und herzustellen hat eigentlich die alte apollinische Musik zum Zweck; auch die alten Orakel sind eigentlich nur Götterordnungen, θέμιστες, aussagend, was geschehen muß; diese verkündet Apollon den Menschenwillen zu beugen u. s. w. Denn viel lieber, und mit viel größerem Gewinn für mich spräche ich darüber mit Ihnen, und das möcht’ ich vor der Herausgabe auf jeden Fall. Auch bin ich durch meine Beschäftigungen sehr angeregt, Ihnen von der wunderbaren Vortrefflichkeit der alten Lyrik zu reden, die man erst jetzt recht erkennt.

Noch muß ich wohl über mein äußeres Fortkommen in der Welt etwas sagen. Die Göttinger Regel mit dem allmäligen Zuwachs der Zuhörerzahl trifft an mir ein; ich habe jetzt in einer Stunde 50, in der anderen 40, was mir immer lieb ist, da man hier den Werth eines Professors, wie in Statistiken, nach diesen Zahlen bestimmt. Der Jurist Eichhorn wiegt 250–300 Centner; aber es sind auch unter den 1400 Studenten hier die Hälfte Juristen. — Meine auswärtigen Verhältnisse stehn gut; insonderheit hat Creuzer einen mir sehr ehrenvollen Waffenstillstand mit mir geschlossen, wozu wohl besonders der wüthende Angriff des alten Voß mitgewirkt hat, des Fanatikers für die Nüchternheit.

Ich denke doch, daß dieser Brief Sie zu Dresden, und hoffe, daß er Sie in gutem Wohlsein trifft. Ich empfehle mich wie immer Ihrer werthen Familie, deren Andenken ich mit treuer Anhänglichkeit pflege. Auch meinen Bruder darf ich Ihnen empfehlen.

Mit inniger Ergebenheit

der Ihrige

K. Otfried Müller.

V.

Göttingen, den 10. Juli 23.

Mein verehrtester Freund!