I.
Wien, den 1ten Dezbr. 1836.
Ew. Wohlgeboren!
Verehrtester Herr Hofrath!
Der Hofschauspieler Löwe hat mir die gütigen Bemerkungen mitgetheilt, welche Sie gegen ihn während seines Aufenthaltes zu Dresden im Laufe dieses Sommers über die „Griseldis“ äußerten. Trotz dem Gefühle der Bewunderung und innigsten Verehrung, welche ich mit ganz Deutschland für Sie hege, fehlt es mir an Worten, um die erschütternde Freude zu schildern, die mir die Anerkennung meines geringen Talentes von Seite des Altmeisters deutscher Poesie verursachte. Hinsichtlich Ihrer Einwendungen wider den Schluß der Griseldis erlaube ich mir, mit aller Ehrfurcht, die dem Schüler gegenüber des Meisters ziemt, zu bemerken, daß niemand tiefer fühlen und erkennen kann als ich, wie mißlich für die dramatische Bearbeitung in der Regel das Abweichen von den Grundzügen des gewählten Stoffes ausfallen muß; zumal wenn dieser so vortrefflich ist, als die Griseldis Boccacio’s. Indeß schienen mir die Motive, die den Markgrafen Saluzzo zur Prüfung seines Weibes bestimmen, durchaus zu wenig theatralisch, ja selbst zu wenig dramatisch, um sie beibehalten zu können; ich suchte und fand neue in der gereizten Eitelkeit und in der krassen Selbstsucht Percival’s, welche aber, nach meiner sich gern eines Bessern bescheidenden Meinung, keinen andern versöhnenden Ausgang des Stückes zulassen, als den, der in Erhebung des weiblichen Gemüthes über die Täuschungen der Liebe, in der Rettung seiner menschlichen Würde — auf Kosten seines geträumten Glückes liegt. Zudem hatte ich bei meiner innigen Ueberzeugung, daß der dramatische Dichter, wenn er seinem höhern Berufe nachkommen will, nothwendig die Interessen seiner Zeit ergreifen, erwägend und versöhnend in der Brust tragen und in seinen Werken abspiegeln müsse, das ganze Stück hindurch den ewig unentschiedenen Streit zwischen Aristokratie und Demokratie als Grundton angeschlagen, und mein Gefühl sagte mir, nur eine Dissonanz könne seine Modulirungen schließen.
Nicht ohne Zagen habe ich die Ehre, Ew. Wohlgeboren in der Anlage meinen zweiten dramatischen Versuch, das Trauerspiel „der Adept“ zu übergeben. An ein zweites Werk werden billig höhere Forderungen gestellt, und wenn sie nicht befriediget werden, so geht nur allzuleicht, wie die Erfahrung lehrt, aller Credit des Anfängers mit seiner eigenen Zuversicht zu Grunde. Wie dem auch sey, der Schritt ist gethan, und kann nicht zurückgenommen werden. Meine Absicht war, im Adepten die höhere tragische Region zu betreten und meine Flügel zu prüfen. Trotz seiner im Voraus zu berechnenden minderen Wirksamkeit, und allzuhochgespannter Erwartungen der Menge auf ein lange angekündigtes Werk fand der Adept beim Publikum eine glänzendere Aufnahme, als ich gedacht, aber dagegen bei den Kunstrichtern ein strengeres Urtheil, als ich erwartete.
Einige finden im Adepten zu wenig ansprechende, rührende, verklärte Charaktere; Andere sprechen dem Stück alles Tragische ab, weil es in der Hauptperson nicht hervortritt, ihr Charakter nicht würdig genug gehalten sey, und keine stufenweise Entwickelung desselben vorliege. Was nun die erstere Ansicht betrifft, so beruht die Wirkung der Tragödie nach meiner Meinung nicht in der Entfaltung exceptioneller, himmlisch verklärter Charaktere, sondern in der richtigen Entwickelung der tragischen Idee in ihrer ganzen zermalmenden Größe und Bedeutung, die schon darum die Versöhnung in sich tragen muß, weil sie nicht ohne Hinweisung auf eine moralische Weltregierung stattfinden kann. Das Rührende, das Gemüth Ansprechende wird in der Tragödie nur immer vom Stoffe bedingt, also zufällig vorhanden seyn können, wie es in Lear, Othello u. a. Tragödien erscheint. Hamlet, Macbeth, Julius Cäsar setzen außer allen Zweifel, daß die Aufgabe der Tragödie Erhebung, nicht weichliche Rührung sey. Den Anhängern der letzteren Meinung gebe ich gerne zu, daß im Adepten die Hauptperson kein sogenannter tragischer Held, sondern nur der Hauptträger der Handlung, der Mittelpunkt sey, um welchen sich die übrigen Figuren gruppiren. Nicht auf einer Person, auf der Totalität des Gemäldes beruht im Adepten die Entwickelung der tragischen Idee, und um diese, nicht um einen Helden handelt sich’s in der Tragödie. Shakspeares Heinrich 6. kann nicht als tragischer Held angesehen werden, aber um ihn versammeln sich alle Erscheinungen, an ihn knüpfen sich alle Fäden des blutigen Gewirrs des Bürgerkrieges, und die Gesammtheit dieser Züge wird in jedem geweihten Gemüthe die tragische Empfindung hervorrufen.
Nach dem vorleuchtenden Beispiele dieses Vaters der Tragödie wagte ich im heiligen Eifer gegen die Runkelrüben-, Dampfwagen- und Eisenbahn-Richtung unserer Zeit im Adepten alle jene einzelnen Züge der Züggellosigkeit menschlichen Verlangens, alle Phasen der Verirrungen menschlichen Begehrungsvermögens anzuhäufen, und ich glaubte die tragische Wirkung zu erreichen, wenn am Ende derjenige, der vor allen Anderen Alles, das Unermeßliche errungen, der vermessen an Gottes Weltregierung zu bessern sich vorgesetzt hatte, durch das errungene Uebermaaß untergehend, sein Haupt anerkennend vor dem ewigen Gesetz der Beschränkung zu beugen gezwungen ist.
Entscheiden Ew. Wohlgeboren, in wie fern ich mein Ziel erreicht, und ob der Adept zur Darstellung auf der Dresdener Hofbühne, der ich schon für die vollendete Darstellung der Griseldis so vielfach verpflichtet bin, geeignet ist oder nicht.
Erlauben Sie mir mit der Bitte um die Fortdauer Ihres Wohlwollens die Versicherung der unbegränzten Verehrung zu verbinden, mit der ich die Ehre habe zu seyn
Ew. Wohlgeboren