Auf Deine Riesen- und Feen-Oper nach Calderon bin ich recht begierig. Wie heißt das spanische Stück? Könnten wir dieses nicht für die Zeit fertigen, indem wir jenes so recht absichtlich für die Ewigkeit bebrüten? Iffland wollte schon für diesen Winter eine neue Oper von mir haben. Bei der neuen Einrichtung des Berliner Theaters, nach welcher er auf seine Kasse Righini und den Rest des alten Königlichen Orchesters übernehmen mußte, machte er für diesen Winter aber Schwierigkeit, mir eine große Oper so wie bisher bezahlen zu können — (und dergleichen thu’ ich nur für’s Geld!) — da verlangte er unterdessen ein kleines Stück, Operette oder Liederspiel, für welches er mit ein paar hundert Thalern sich abfinden könnte. Doch weder für dieses, noch für die große Oper war ein Gedicht zu finden, das uns beiden recht dünkte. Er schlug mir unseelige Kotzebuejaden vor, die mich anekelten; ich ihm das blaue Ungeheuer, das ich nach Gozzi bearbeitet habe, worin ihm aber die Maskenrollen zuwider waren. Nun ist die Rede wieder für den Herbst so etwas zu besorgen. Könnten wir die Riesen und Feen bis dahin fördern, so sollt’ er auch wohl für das Gedicht mit Hundert Thalern oder dergleichen herausrücken. Ueberlege Dir’s doch und gieb mir bald Antwort darauf. Ich bin mit ihm in fortwährendem Briefwechsel darüber. Deine andere Frage über ein „Ungeheuer“[5] versteh’ ich nicht. Hast Du ein solches Gedicht drucken lassen? Einzeln.. oder wo?
Ich bringe Dir im Herbst auch so Mancherlei, das ich in den letzten Jahren für’s Theater entwarf und zum Theil ausführte, um Deine Meinung und leitendes Urtheil darüber zu vernehmen. Schon darum muß ich mehrere Tage mit Dir leben, wenn mein Wunsch, für den Du hier in Giebichenstein zu kurz bliebst, erfüllt werden soll.
Du endest Deinen lieben erfreulichen Brief mit so guten Wünschen für mein Wohl, daß ich Dir mit Worten nicht genug danken kann. Wenn es mir nur ferner gelingt, mir mein Giebichenstein zu erhalten, will ich sehr froh leben und sterben. Von ihm mich trennen fühl’ ich als eine wahre Unmöglichkeit. Der Garten ist zu einem Theil meines Lebens mächtig herangewachsen. Könntest Du ihn doch wieder bald einmal in seiner ganzen Frühlingspracht sehen! Er muß dieses Jahr unendlich schön blühen und prangen: unzählige Rosen- und Blumen-Gesträuche aller Art hab’ ich verwichenen Herbst wieder hineingepflanzt, und jede Partie wächst so frei und voll ihrer Pracht entgegen. Es kostet mir viel Mühe und Kunst die Pension von 800 Thalern, welche mir der König von Preußen voriges Jahr zugestand, hierher (in’s damals Westphälische!) zu erhalten, und eigentlich lüg’ ich mich nur so damit durch. Doch hoff’ ich auf Inkonsequenz und Veraltung. Wie es indeß auch immer werden mag, lieber leb’ ich am Ende ganz allein in dem lieben Giebichenstein von Milch und Früchten, als irgend wo anders in Ueppigkeit!
Amalie und Alles was unserer in Liebe gedenkt ist herzlich gegrüßt. Meine Frau hofft noch sehr auf eine Zusammenkunft mit ihr in Schlesien. Mitte Mai wird sie sich wohl mit Raumers in Schmiedeberg zusammenfinden und da bis gegen den Herbst, mit Waldenburg abwechselnd, bleiben. Dann gehen sie zusammen nach Breslau, was Euch wohl fast näher liegt. Wir haben immer die besten Nachrichten von dort her, und müssen es in jeder Rücksicht für ein Glück halten, daß die Lieben nach Breslau und nicht nach Berlin gekommen sind.
Nun mein Lieber sey herzlich umarmt, laß bald wieder von Dir hören. Laß uns nicht ermüden, bis wir zusammen was Rechtes zu Stande gebracht haben. Immer und ewig der Deine
Reichardt.
IV.
Giebichenstein, d. 27. Jul. 1812.
Malchen[6] hat mir im besten Wohlseyn Deinen lieben Brief gebracht, mein geliebter Freund und Bruder. Sie hat sichs mit den lieben Kindern Freitag Mittag und Sonnabend Abend hier draußen gefallen lassen, und der Garten schien ihnen allen wieder viel Freude zu machen. Er ist auch wirklich in einem sehr lieblichen Zustande und ich habe es hundertmahl bedauert, daß Du nicht mitten unter uns warst. Es ist mir sehr schwer geworden mit dem Antrage zurückzuhalten, daß Du doch die Zeit der Abwesenheit von M. hier bei mir in schöner Einsamkeit zubringen möchtest. Aber Du sollst ein verzärtelter delicater Gast seyn, und dazu fühlt ich in mir und in meinem Hause eben nicht die Mittel und Fähigkeit zu so völliger Befriedigung, als ich sie Dir gern gewährte. Wie hätten wir nicht auch mit gemeinsamer Liebe und Zärtlichkeit über unsre Sacontala brüten und singen wollen! Was Du mir in Deinem Briefe darüber sagst, zeigt mir daß Du das Ganze tiefer beherzigst und ich will die einzelnen Fragen nach Möglichkeit beantworten. 5 Akte sind gewis zu viel. Auch ist nach meinem Plan sicher zu viel Gesang darinnen, wiewohl ich auf den luxuriösen üppigen ganz ausgesponnenen Gesang der neuesten Zeit dafür gerne Verzicht thäte, so leicht es mir auch wird ihn den besten italienischen Mustern nachzubilden. Das Ganze glücklich in 2 Theile zu theilen, wäre gewis von großem Gewinn; wenn auch der Abschnitt, dächt’ ich, nicht so scharf wäre, daß ein zweites Stück nicht nothwendig geahndet und verlangt werden dürfte. Die Geister denk’ ich mir auch zum Theil sichtbar und besonders Tänze bildend. Freilich, denken wir dabey an unser Theater, bin ich, ganz Deiner Art, Angst und Bange. Was Jämmerlicheres als unser modernes deutsches Theater hat es nie in der Welt gegeben. Ich kann mich auch gar nicht mehr entschließen es zu sehen, weder hier, wo die Weimarsche Truppe spielt, noch in Berlin. Die Hauptcharactere der beiden Theile unsrer Sacontala hast Du sehr bestimmt und richtig angegeben, jedes könnte so für sich ein schönes herrliches Ganze werden, und doch durch das Hauptganze erst der ganze hohe Eindruck eines ächt lyrisch dramatischen Werks hervorgehen. Nächstens werd’ ich Dir einzelne musikalische Sätze dazu schicken; damit Du Dein Heil daran versuchen mögest. Was sich Dir nicht gleich willig zu poetischer Bearbeitung darbietet das lege nur gleich bei Seite. Mir werden dergleichen Sätze auch in großer Menge gar leicht.