Ich bitte Dich einstweilen durch den zurückgehenden Boten diese wenigen Zeilen anzunehmen. Dein Brief bestimmt mich, die Reise nach Berlin noch auszusetzen. Ich will suchen, das Geschäft, welches meine Gegenwart gegen Ende dieses Monats erwünscht macht, durch einen Brief oder dadurch abzumachen, daß ich, vielleicht mit einer Gelegenheit auf einen Tag hingehe. Es kann sein, daß sich inzwischen das Wetter genugsam ändert, um Dir die Reise in den Ostertagen zu erlauben. Mir aber wird der Aufschub es vielleicht möglich machen, Dich vorher noch in Ziebingen zu sehen; ich denke in der nächsten Woche. Meinen letzten kurzen Brief mußt Du mir verzeihen, da eine Gelegenheit nach Frankfurth mich drängte. Ich bin ziemlich ununterbrochen bei meinem Roman geblieben und denke bald mit dem vierten Buche fertig zu werden. Es ist das, welches mir am meisten zu thun machen mußte. Schon bei dem ersten Entwurfe fehlte es mir hier gewöhnlich am meisten an Zeit, ich mußte viele Lücken in der Hoffnung, es werde sich wohl einmal das noch Fehlende ergänzen, offen laßen. Nun aber bin ich noch so wenig zufrieden, und denke, wenn noch einige Schwierigkeiten überwunden sind, soll es mit dem übrigen rascher gehen. Ich erinnere mich noch, daß ich Dir dieses Buch nicht, wohl aber das folgende mitgetheilt habe, weil es zu unfertig war. So beschäftigt, habe ich nicht Englisch lesen und arbeiten können, sondern nur den Parcival. Es ist ziemlich gegangen. Ich faßte bald den Entschluß, ihn zweimal zu lesen, weil ich wahrnahm, daß, je mehr ich im Lesen vorrückte, das Verstehen mir leichter wurde. Mit dem ersten Lesen bin ich ziemlich zu Ende.

Theuerster Freund, ich kann Dir nicht sagen, wie ich die Zeit über, daß ich wieder hier bin, von den Tagen gezehrt habe, welche ich mit Dir zugebracht; mein inneres Leben erhöht sich immer mehr in dem Umgange mit Dir. Wie erfreulich mußten mir also Deine Worte sein, welche mir sagten, daß mein Genuß und mein Bedürfniß auch die Deinigen gewesen. Gewiß eile ich, so viel nur möglich, wieder bei Dir zu sein, und bringe dann Deine Bücher mit. Deine Grüße werde ich bestellen, heut konnte ich es nicht mehr, da ich Deinen Brief spät erhielt, nachdem ich mich schon von der Gesellschaft entfernt hatte. Lebe wohl und glücklich.

Ganz der Deinige

Schütz.


Schütze, Stephan.

Geb. am 1. Nov. 1771 zu Olvenstädt bei Magdeburg, gestorben in Weimar am 19. März 1839.

Gedichte (1810.) — Eine neue Sammlung Gedichte ernsten und scherzhaften Inhalts (1830.) — Der unsichtbare Prinz, 3 Bde. (1812.) — Humoristische Reisebeschreibungen. — Versuch einer Theorie des Komischen (1818.) — Von 1814 bis 1836 redigirte er das beliebte Taschenbuch, welches den seltsamen Titel: „Der Liebe und Freundschaft“ führte, aber sehr hübsche Beiträge, unter anderen auch die meisten seiner eigenen Erzählungen enthielt.

Schütze lebte in Weimar, unseres Wissens ohne Amt, obgleich er „Hofrath“ hieß. Seine häusliche Einrichtung war so sauber, still und behaglich, wie das nur in kinderloser Ehe möglich ist. Freundlich entgegenkommend und umgänglich hatte er dennoch den Schelm im Nacken, vertheilte rechts und links kleine Hiebe, verschonte sogar den Altmeister nicht, dem er gleichwohl in Ehrfurcht anhing. Durch all’ sein Reden, Gebahren und Thun zog sich ein ironisch-humoristischer Spott, der aber von übler Absicht rein sich zuletzt immer wieder auf die Theorie des Komischen im Leben richtete, und den Umgang mit ihm erheiternd belebte. Hätte man ihn nicht als guten Ehemann gekannt, so würde man bisweilen versucht gewesen sein, ihn für einen recht eingerosteten Hagestolz zu halten. So z.B. gehörte es zu den Junggesellen-artigen Lustbarkeiten, die er vorzog, daß er, mitten im Winter, bei schlechtestem Wetter, sich einen geschlossenen Lohnwagen miethete, in diesem bis Erfurt fuhr — etwa um Bekannte dort zu besuchen?... mit nichten! Um in einem Gasthofe einzukehren, auf seinem Zimmer gut zu diniren und nach vollbrachter That gen Weimar heimzukehren. Fand er einen ihm zusagenden Begleiter, so nahm er diesen mit. Wo nicht, ei dann fuhr er allein, speisete allein, trank allein, kehrte allein zurück. — Lauter Versuche zur Theorie des Komischen!

Weimar, d. 7t. Sept. 1838.