Bernhardi lachte sehr, als ich ihm Dein Urtheil von Heynens Kollegium sagte: er glaubts gern. Ich? auch! Aber kurios ists um die Fama, dieses großsprecherische Geschöpf mit aufgeblasenen Backen. — Solltest Du in Göttingen einmal den Professor Forkel, der eine Geschichte der Musik, eine musikal. kritische Bibliothek u. s. w. geschrieben, und ein vortrefflicher musikalischer Kritiker ist, kennen lernen, so schreib mir von ihm. Schreib mir doch ja, ob er Kollegia über die Musik itzt liest? Er ist mir ein interessanter Mann.

Ich habe nicht mehr Zeit. Bald mehr. Sey nur hübsch ordentlich im Schreiben. Ja? Schreib recht bald. An mir soll’s nicht fehlen. Leb’ wohl und vergiß mich nicht.

Wackenroder.

X.

Berlin, den 27ten November,
Dienstag, Abends. 1792.

Mein innigstgeliebter Tieck!

Es sieht zuweilen wohl so aus, als wenn ich ohne Dich eine Zeitlang so nothdürftig vergnügt leben könnte; aber im Grunde ists doch nicht wahr, und ich betrüge mich selbst, wenn ich mir so viel zutraue. Du kannst versichert seyn, daß ich in dieser Stunde aus wahrem Bedürfniß an Dich schreibe: es ist mir, um diesen Abend noch mit Ehren und guter Manier zu erleben, so nothwendig, als Dir, etwas Theatralisches zu dichten. Wo sind die schönen Zeiten, da ich keinen Nachmittag oder Vormittag ruhig seyn konnte, wenn ich Dich nicht gesehn hatte; da ich an jedem Tage mit Dir 1 oder 2 Stunden zusammen genoß und unsre Seelen sich einander umarmten? Wie oft strichen wir gegen Mittag, wie oft zur Zeit der untergehenden Sonne im Thiergarten herum, den ich nun wohl über einen Monat nicht gesehn habe! Und wenn wir Abschied nahmen, thaten wir es nie, ohne voraus zu bestimmen, wann wir uns wiedersehen würden. Einst, da ich Dich an einem Sonntag Nachmittag aufsuchen wollte, lief ich die Stadt herum, suchte vorm Komödienhause und 2 mal vor Deiner Thür, kehrte zurück und gieng in meiner Stube eine halbe Stunde auf und nieder und weinte. O wenn Du wüßtest, ja fühlen könntest, wie diese Thränen für Dich voll Wonne waren! — Aber was hilft mir die freundschaftliche Unfreundlichkeit, Dich an diese Vergangenheiten zu erinnern! Ich war gerade in einer so weichen Stimmung.

Und ich merke, daß ich sie nicht sogleich verliere, weil sie mir so süß ist.

An Rambach und Bernhardi hab’ ich Deinen Gruß bestellt: sie freuten sich sehr darüber. Letzterer hat auch Deinen Brief mit großem Vergnügen gelesen: Er, der einzige, dem ich mich jetzt vertraulich mittheilen, und aus dessen Geist ich Nahrung schöpfen kann (denn bey meiner täglichen Gesellschaft muß er gewöhnlich die Fasten observieren). Er ist auch so gebunden als ich und seine Zeit ist eingeschränkt. Arbeiten fürs Seminarium haben ihn gehindert, daß ich ihn seit einiger Zeit in 8 Tagen etwa nur einmal gesehen habe. —