Aber ich will nicht klagen. Was sind das alles auch für Kleinigkeiten gegen die Zukunft, die mich so unendlich belohnen soll?
Was mit dieser Zukunft zusammenhängt, will ich Dir doch zuerst melden. Der Prediger Schuderoff hat neulich an meinen Vater und mich geschrieben, und auf meine Anfrage mir mit heitrer Miene und freundschaftlichem Händedruck geantwortet, daß er uns beyde mit offenen Armen auf Ostern aufnehmen wolle. Oder vielmehr nach Ostern, denn in den Festtagen selbst ist er mit Predigten u. s. w. so überhäuft, daß er blos für sein Amt leben kann. Mit inniger Freude hat er uns zugleich bekannt gemacht, und mit der wärmsten Theilnehmung haben wir es angehört, daß er im Januar ein herzlich gutes Mädchen aus der Nachbarschaft heirathen wird. Er hat mir mit der lebhaftesten Freude geschrieben, wie er uns mit seiner Künftigen, und mit den herrlichen Gegenden worin er so glücklich lebt, und mit den benachbarten Städten u. s. w. bekannt machen, und uns wohl gar auf den Weg nach Erlangen bringen wolle. Und es ist ihm sehr lieb, Dich zu sehn und zu sprechen, da ich ihm schon mehrmals von Dir erzählt habe, wie das denn natürlich ist. Er kann auch schon recht artig Deinen Namen schreiben. Seiner Braut hat er auch schon gesagt, daß wir kommen würden. Kurz sein Brief ist so voll Zärtlichkeiten, daß ich meiner Hoffnung nicht ein besseres Fest zu geben weiß, als sie auf künftige Ostern hinzuweisen. Ich denke, wir werden dann sehr glückliche Tage haben. —
Sieh einmal, wie ich immer in die Extreme falle! Mit dem Vergangenen fieng ich an! — Ein Sprung, ein paar Zeilen kostet er und ich in der Zukunft. Soll ich einmal wider meine Natur (contra naturam meam et indolem) mich auf die goldene (vielmehr nur vergoldete) Mittelstraße begeben und von der Gegenwart sprechen? — (Von der ich, im Vorbeygehen sey es gesagt, noch diesen Sommer ein merkwürdiges Gegen-Argument aufgefunden, indem ich in dem Dorfe Falkenberg, 1 Meile von Berlin, im herrschaftlichen Garten, eine hölzerne Brücke mit eigenen Augen gesehen, wo die goldene Mittelstraße sicher ins Wasser führte, und man sich nur den Extremen der Seitenpfosten überlassen mußte, um sein Leben zu fristen. Wer weiß, ob bey der berühmten und berufenen Bittermannischen Hünerstall-Brücke die Excellenz nicht blos darum das Malheur gehabt, weil sie jener elenden Schulregel gefolgt ist? Sie sieht mir indolent genug dazu aus, mit allen Phlegmatikern ein Anhänger dieses gemeinen aber nichts weniger als allgemeinen Gemeinplatzes zu seyn. Und, quae cum ita sint, um, Kürze halber, von dem zweifelhaften: Wer weiß, sogleich zur Gewißheit überzuspringen; weil dem also ist, sag’ ich, so ist handgreiflich, daß die verdammte Mittelstraße auch im Drama den größten Schaden anrichtet. Denn wenn die Excellenz nur ein wenig mehr Genie gehabt hätte, so hätte sie sich an die Extremitäten des Seitengeländers gehalten, hätte sich in ihrem Leben nicht so blamirt, den Rock vor dem honorablen Publiko auswässern zu müssen, und, worauf ich hier besonders ziele, hätte nicht die Sünden der Autoren vermehrt durch Hinzufügung des 1000sten schlechten Tragödienplans zu den bereits vorhandenen 999.) Ich will es einmal thun. (Besuche die vorige Seite, wenn Du wissen willst, worauf dies geht.)
Ich weiß aber nicht, wie ich in diesen Ton falle. Es läßt, als sollte dies eine Probe von meinen künftigen witzigen Schriften seyn, zu denen doch, bild’ ich mir ein, in meiner Seele nie ein Embryo lag. Ich thue Dir vielleicht in dem Augenblicke, da Du dies liest, einen sehr schlechten Gefallen damit. Doch Du mißverstehst mich doch nie, und erkennst, als ein rechtschaffner Botaniker, den Grund und Boden auch aus den seltenen Gewächsen (N.B. neulich fand ich in einem alten Musikalienkatalog: „Koncert-Gewächse!!!“), die sich darauf befinden.
Ich wollte von der Gegenwart reden. Dahin gehört, daß ich neulich 2 mal in der Komödie gewesen bin. Zuerst hab’ ich die Räuber gesehen. Fleck strengte sich diesmal sehr an und zeigte sich als ein Genie: vornehmlich in dem ächten Ausdruck der Wuth und in der Natur abgestoßner leidenschaftlicher Interjektionen. Czechtizky, bey dem ein verzerrter Mund, wolfsartig gewiesene Zähne und ein aus dem Hinterhalt hervorglotzendes Auge Universalzeichen für alle Leidenschaften sind, wie er es mit denen, die ihn applaudiren, verabredet zu haben scheint, daß sie es seyn sollen, — verläugnete als Franz, wie man denken kann, sein Charakteristisches weniger als je. Einige Stellen gelangen ihm vielleicht. Aber ich kann nur oberflächlich darüber urtheilen, weil mein Platz mir nicht zuließ, strenge Acht zu geben. Die Herdt als Amalie ist ein Muster zu allem, was zu einem elenden Spiele gehört. Die Räuberscenen werden immer abscheulich, besonders durch Kaselitz, wenn er im Hemde erscheint. Garly spielte den Kosinsky mit sehr gewählten und schön in einander fließenden Gebehrden, die nur noch etwas zu sehr, wie mich dünkt, den gebildeten Hoff-Acquis verriethen. Franz sah als Grimm wie der niederträchtigste und ruppigste Schuhflicker aus; und Berger verdarb eine andre Räuberrolle.
Das zweytemal das ich in der Komödie war, hab’ ich die erste Wiederholung eines hervorgesuchten alten Stückes: Athelstan, nach dem Engl., Trauerspiel in 5 Akten, gesehn. In langer Zeit ist mir kein so plump anfängermäßiges und seichtes, schwaches Stück vorgekommen, wo jedes Wort, jeder Gedanke von der Heerstraße genommen ist (nach Deinem artigen Ausdruck); Du wirst es wohl kennen. Aber was mich entschädigte, war Flecks unendlich schönes Spiel. Sein Athelstan brachte mir seinen König Lear sehr lebhaft ins Gedächtniß. Er griff sich sehr an und traf wieder mit den glücklichsten Gebehrden, mit dem wahrsten Accente des Tons, das Heftige, das Ueberströhmende der Leidenschaft. Es ist mir so erfreulich als überraschend gewesen, ihn 2 mal hintereinander in solchen großen Rollen so glänzen zu sehn. Für’s erstemal kann ich Bernhardi als meinen Zeugen anführen. Berger ist mir übrigens nie unausstehlicher gewesen, wie er mir als König Harold gewesen ist. Keiner als Du kann ihm den verdammt singenden und abgleitenden und ruckweise von pianissimo zum fortissime übergehenden Ton seiner Rede so gut nachahmen. Alles Affektvolle wird durch das Manierirte seiner Sprache verwischt. — Beym Athelstan gebrauchte man zum Füllstein das Milchmädchen oder die beyden Jäger. Ich sah dies kleine Ding, was sich (mit Vorbehalt meiner allemaligen Grundsätze über die Operetten, sey es gesagt) recht artig und nett ausnimmt, zum erstenmale; sah zum erstenmale den Herrn Greibe erstarren, hörte zum erstenmale (mirabile auditu) sein Herz im Leibe knarren. Greibe spielt wirklich sein Komisches mit einer recht edlen Simplicität. Lippert ist oft gemein. Die Baranius hat einige Arien, die mir sehr wohl gefallen haben; wie ich denn überhaupt von der angenehmen, paßlichen und einfachen Musik viel Vergnügen gehabt habe.
Vielleicht hab’ ichs Dir auch noch nicht einmal geschrieben, daß ich auch vor einiger Zeit den Barbier von Sevilla gesehn habe. In der Musik ist viel schönes; Kaselitz und Unzelmann spielen allerliebst; u.s.w. u.s.w. Du bist doch wohl nachgerade so weit gekommen, meine (unmaaßgeblichen) Urtheile suppliren zu können?
So viel von Theaternachrichten. —