Ich habe eine Bitte an Dich. Da Du im vorigen Frühlinge Matthisons Mutter gesprochen hast, so kannst Du mir vielleicht schreiben wo, wann er gebohren, wo er itzt ist, und was Du sonst von seiner Jugendgeschichte und seinen Lebensumständen weißt. Vergiß es nicht in Deinem nächsten Briefe. — Hast Du noch die sibirische Anthologie von Schiller? —

Du willst mich gern den Roßtrapp auf Ostern in Natura sehn lassen? Aber die Jahreszeit, das Wetter und unsre eingeschränkte Zeit! Es ist wohl kaum möglich. Ich muß Verzicht darauf thun. Wir werden unsre Reise so simpel und aufenthaltlos als möglich machen müssen. Auch bitte ich Dich, so viel ich bitten kann, lieber Tieck, daß Du so schnell als möglich, auf dem kürzesten Weg, und so bald als möglich hier bist: und es, wenn auch nur auf ein Paar Tage (damit Du uns nicht wieder in Sorgen setzest) im Voraus bestimmst, wann Du anzukommen gedenkst. Wie dringend wünschte ich Dich 14, oder Dich doch zwischen 8 und 14 Tage vor Ostern (dem letzten März) hier zu sehen! Deine Schwester stimmt ganz in meine Wünsche ein.


Du wirst wohl sehen, lieber Tieck, daß ich bis hieher noch nicht Dein Trauerspiel: der Abschied, gelesen hatte; denn wovon hätte ich Dir sonst zuerst schreiben können, als hiervon? Und wie ist es möglich, daß in Deinen Briefen an mich nichts davon steht? Himmel Du hast mir wieder eine sehr glückliche Stunde gemacht, hast mich ganz hineingezaubert in die Zeiten, da wir noch hier zusammen lebten und zusammen empfanden. O es ist nicht wahr, daß ich die Schönheiten hier nicht bis auf die allerfeinste fühlen sollte! Ich fühl’ es, ich fühl’ es, wie alles aus dem Strohm der Empfindung eines vollen Herzens geschöpft ist. Wovon soll ich anfangen? Es hat mich gerührt, entzückt! Ganz in dem Göthen’schen Geist des Werthers, der Stella, gedichtet! Ganz Gemählde, treustes Gemählde der erhabenen, ätherischen und schwärmerischen Gefühle, die wir so manchesmal in den Stunden der Seligkeit mit einander wechselten. Hast Du bey der Stelle, wo Luise das von ihrem Geliebten komponirte Lied: „Wie war ich doch so wonnereich,“ spielt, an mich gedacht, so dank ich Dir: glücklich fühl’ ich mich, wenn mein Andenken Dich in solchen Stunden umschwebt. Wie lautere Natur ist Ramstein! Ich wäre außer mir, wenn ich ihn einmal, Du den Weller, spielen könnte! Wie unnachahmlich die 2 Scenen zwischen Luise und R.! wie wahr der glühende und kochende Ehemann! wie wahr die lenkbare Schwachheit des weiblichen Charakters! Ueberall die feinsten Züge verstreut! Es ist mir nicht möglich, Dich itzt auf Einzelnes aufmerksam zu machen; Du wirst Dir die Stellen hinzudenken, worüber ich so vorzüglich entzückt ward: vielleicht hätte das Ende etwas besser ausgearbeitet seyn können; und noch gewisser wage ich zu behaupten, daß zuweilen der Dichter die Personen noch immer mehr von ihrer Empfindung sprechen, als sie, ihrer Empfindung gemäß, sich ausdrücken läßt. Doch der Glanz des Ganzen verschlingt diese Flecken. Wärst Du hier, wir wolltens zusammen lesen, und jeden Augenblick würde ich Dir mein Entzücken zu erkennen geben. Aber so kann ich nichts auszeichnen, es ist zu viel, und ich bin zu voll. O laß doch die Reimerey seyn! Hier ist Dein Wirkungskreis, im Feld des Tragischen und der trüben Melancholie. Wie glücklich wär’ ich, wenn ich etwas ähnliches dichten könnte! Diese Gattung würde meine Lieblingsgattung seyn! Ich danke Dir inniglich, mein lieber, mein bester Tieck, für das süße Vergnügen, was Du mir gemacht hast!

Warum bearbeitest Du den „Orest in Ritterzeiten“ nicht? —

Schreib’ mir bald, — schreib’ wann Du kommst.

Dein

Freund

W. H. W.