Für meinen hiesigen Einzug habe ich um so mehr mit Unmusternheit Einstand geben müssen, da sich vieles gehäuft hatte, womit ich mir den Genuß in Dresden entweder nicht verbittern oder doch nicht verkümmern wollte. Denn Genußverkümmerung steht wenigstens zu besorgen, wo aus Lumpen Geist, sei es als Educt oder als Product, gezogen werden soll, weil, wie Einige behaupten wollen, dieser Proceß zuweilen so mißlich ist, daß man an dem Vorhandenseyn seines Princips, des Feuers, inwiefern dessen Pole zwei Elektricitäten sind, verzweifeln muß, ja wol gar das heraklitische Wort „die trockene Seele ist die beste“ miszuverstehen versucht wird. So etwas ist zum Glück von denen, die jezt vor mir liegen, wie Schleiermachers Glaubenslehre 2r, Rixners Geschichte der Philosophie 1r und Möllers Glaube, Wissen und Kunst der Hindus 1r nicht zu besorgen, von welchen allen ich mir vielmehr reiche Ausbeute verspreche. Aber die ächt heraklitische trockene, d. h. die Feuerseele, die den Weg nach oben macht, führt mich wieder darauf, wie Cato immer sprach „Caeterum Carthaginem delendam esse censeo,“ so Ihnen mahnend zu sagen „Caeterum opus de Shakspearii ingenio edendum esse censeo.“ Denn es will verlauten, daß ein gewisser Franz Horn in seinem bei Brockhaus erscheinenden Werke über Sh. sich mit Ihren Federn schmücke, was bei der freiedlen Mittheilung Ihrer Ansichten wol möglich wäre. Wiewol nun Federn den Vogel so wenig machen, als ein Buch, so wäre doch schon um der Sache willen zu wünschen, daß Sie hervorträten. Möchten Sie dies als Bitte aller Ihrer und Shakspeare’s Freunde ansehen und endlich gewähren!
Ihre Aufträge an Wendt hab ich besorgt; ob er sie vollzogen, weiß ich nicht. Ich will aber hiemit mein Versprechen lösen und Ihnen meine Ausgabe des Bailey senden, die Sie gütig, wie Sie pflegen, aufnehmen mögen, als wenigstens einen Schritt näher zum Ziele, wenn gleich bis zu einer künftigen Auflage ich, oder mein Nachfolger, noch manchen zu thun haben, wie denn mein Handexemplar schon durch mancherlei Nachträge beweiset. Es war zuvörderst hauptsächlich darum zu thun, daß die Wörter ihre Fühlhörner ausstreckten und den Sprachmeistern damit ihr Leben bemerklich machten.
Mit Achtung und freundlichen Grüßen an die Frau Gräfin und die lieben Ihrigen stets
Ihr
ergebener
Adolf Wagner.
II.
Leipzig, 9. Nov. 1823.
Verehrter Freund!
Unser Quandt bringt Ihnen hiemit die vier lezten Bände des Ben Jonson zurück und ich danke Ihnen herzlich für die gütige Mittheilung. Denn wieviel ist nicht an diesem literarischen Behemot zu lernen und zu bewundern, zu loben und zu tadeln! Mein, irre ich nicht, schon früher geäußertes Urtheil hat sich mir nun bestättigt und gerechtfertigt. Zur Würdigung des shakspearschen Styls (natürlich im höhern Sinne des Worts) ist er unschäzbar und unvergleichlich, inwiefern in ihm, als einem in seiner Sphäre eben auch Tüchtigen, die Bildungskeime eines Lyly, Decker, Marlow &c. aufgenommen und aufgegangen scheinen zu einer eigentlichen Kunstschulbildung, über welche Sh. so einzig und göttlich als Naturdichter, Prophet, Seher, oder wie Sie den nennen wollen, der, nach Plato, nicht durch Kunst, sondern als Begeisterter und Besessener durch göttliche Schickung und Eingeistung Schönes darstellt, erhaben ist, und welche durch das ganze Gebiet der englischen Poesie von ihm an sich zieht, immer mehr und mehr zur Technik und Schulenkunst ausgemergelt. Diese seine tief geschichtliche Bedeutsamkeit in so reicher, plastischer Zeit, wie Gifford sie recht gut geschildert, hebt sich um so heller hervor, da er, Fülle und Frucht einer Sphäre seiner, und zugleich Same einer künftigen Zeit, doch auch wieder Gegensaz zu einer höhern Sphäre (Shakspeare) wird, die ihn in sich, als die höhere, aufnimmt. In dieser stark und breit gezeichneten Doppelheit der Selbständigkeit und Hingegebenheit, als Kind der Zeit und doch ihr Ankläger und Rügemeister, offenbart er sich als überwiegend kritische Natur, mißt demnach seine Zeit, deren er sich nicht erwehren kann, an der untergegangenen alten, zürnt ihr stolz, wo sie diesen Maasstab verwirft und wird, indem er sie verspottet, höhnt, geißelt gewissermaßen sein Selbsteiron. Bei dem allem darf der doch wol am ersten zürnen, der so tüchtig, kräftig und fleißig sich ein Organ für die Welt gebildet hatte, wenn und weil er es nicht immer gebrauchen konnte. Dies letztere zeigt außer seiner Hellenomanie (die ja unsere Zeit auch überstehen mußte) und Italomanie, der Mangel an Athem und Haltung, ein Ganzes durchzubilden, zu durchweben und zu tragen, wo nicht selten die Technik aushelfen muß, wie in seinen Trauerspielen, in welchen nur Hazlitt allein ihn vorzüglicher finden mag, und in den drei künstlich ausgeklügelten Every man in his humour, Ev. m. out of h. h., und The magnetic lady or Humours reconciled. Wie glücklich, zart, tief, reich und zierlich ist er dagegen in vielen kleineren lyrischen Gedichten! Wie scharf und weit ist hinwieder seine Beobachtung der gleichzeitigen Welt, wie keck, derb, sicher seine Charakteristik von Höflingen, Raufern und Eisenfressern, Puritanern, Alchemisten und Rosenkreuzern, Neuigkeitskrämern, Geizigen, Sachwaltern, Beamten &c.! Gewiß eine herrliche Gallerie von Zeit- und Zerrbildern, sollten sie auch nicht immer so harmlos hingeworfen seyn als die Bewunderer meinen; sollte auch auf Kosten individueller Gestalt die Allgemeinheit des Begriffs mehr hervortreten, statt der Charaktere nicht selten nur Züge, und im Ganzen eine gewisse Monotonie, endlich, was das Schlimmste ist, überall die Absicht sich kund geben, to strip with an armed and resolved hand the ragged fellows of the time, naked as their birth, and with a whip of steel to print wounding lashes in their iron ribs, oder to see their folly raked up in their repentant ashes, wie es in Every man out of his humour heißt, und überhaupt die pedantische Versessenheit, nützen zu wollen und zwar durch antike Form und Zuschnitt seiner Dramen, so daß man oft nur mehr den marktschreierischen Bau- und Zimmermeister vor seinem Riß, als das Gebäude selbst sieht. Wo er diese gleichsam fixe Idee vergißt, wie im Volpone, Alchemist, Bartholomew fair, The devil is an ass und the staple of news zum Theil, da schlägt auch seine edlere Kraft durch und man bedauert nur, daß er vor lauter Anstalten nicht zur Sache kommt, daß der Vielbelesene aus seinem Hesiod sich nicht erinnerte, wie viel mehr oft die Hälfte werth sei, denn das Ganze. Wie viel Störendes an Chor, Parabasen u. dgl. wäre dann schon weggefallen! Wie viele Mosaik würde er sich erspart haben! Darum liebe ich ihn, die obgenannten Komödien mit eingerechnet, mehr in seinen lyrischen Stücken und in den Masken. Diese letztern scheinen mir überhaupt, wenn es seine Würdigung gilt, weit mehr Aufmerksamkeit zu verdienen, als man ihnen angedeihen ließ. Es sind zuweilen wahre Pracht- und Glanzstücke, worin ihm das Leben und er dem Leben näher trat, wie Hymenaei, The vision of delight, Pleasure reconciled to Virtue, News from the new world discowered in the moon, Gipsies metamorphosed. Da weiß er die Gelegenheit und einzelne Züge so gut, so gewandt und zart zu nützen, daß man ihn (und seine Gelehrsamkeit dazu) recht lieb gewinnen muß. Aber auch noch um eines andern Punctes willen sind diese Masken mir merkwürdig gewesen, weil sie einen Reichthum an Theatermaschinenkunst oder Skenopöie auslegen, wobei man mit der von den shakspeareschen Auslegern entschuldigungsweise bemitleideten Armseligkeit, Unbeholfenheit und Rohheit doch etwas ins Gedränge zu kommen scheint. Mag doch immerhin nicht jeder Maschinenmeister ein Inigo Jones, als Hofbaumeister, gewesen seyn und mag ihm B. Jonson’s beleidigter Stolz späterhin wieder nehmen wollen, was er ihm früher gegeben — es ist doch viel, sehr viel geleistet worden — wie schon dieser entzündete Neid und Streit beweiset.