Es kann Einer ein sehr guter, naturwahrer, allbeliebter Komiker, und braucht deshalb eben kein Musterbriefsteller zu sein. Daß Herr Seidel Ersteres gewesen, wissen alle älteren Weimaraner, so wie sämmtliche Besucher Ilm-Athens, die den lustigen Mann auf der Bühne gesehen. Daß er letzteres nicht gewesen, geht aus diesem Briefe hervor, den wir deshalb doch nicht weglassen wollen; denn er schildert einen wichtigen Tag aus Goethe’s Leben treuherzig und unbefangen. Die Bezeichnung „biederer Greis,“ die S. auf Goethe anwendet, erinnert uns an einen andern Schauspieler, der zur Jahres-Feier der Schlacht bei Belle-Alliance einen Prolog zu sprechen und in diesem von dem Einzuge in Frankreichs Hauptstadt zu reden hatte, das richtige Beiwort vergaß, und voll Verlegenheit sagte:

„Wir aber folgen Dir, das ist gewiß,

Und grüßen Dich im traulichen Paris.“

Auf Goethe hätte sich wohl ein umfassenderes Epitheton finden lassen als grade „bieder“. Und dennoch hat dieses, in dieser Ideenfolge, etwas eigenthümlich Hübsches, denn es giebt den Eindruck deutlich wieder, den der alte Herr durch sein schlicht-patriarchalisches Benehmen, während jener festlichen Momente, auf die Umgebungen ausgeübt. Goethe ließ sich durch die Huldigung, die König Ludwig ihm hochherzig darbot, nicht aus dem Geleise bringen.

Weimar, den 31ten Aug. 1827.

Verehrtester Herr Hofrath!

Nehmen Sie dieses Schreiben als einen Beweis, daß die, zwar kurzen Augenblicke, wo meine Frau und ich das Vergnügen hatten, Ihre persönliche Bekanntschaft in Teplitz zu machen, uns unvergeßlich sind, und daß wir uns oft und mit Freuden daran erinnern. Diese Zeilen sollen dazu dienen, die mir so werthe Bekanntschaft zu erneuern, denn, daß Sie meine Kühnheit, an Sie zu schreiben, nicht übel deuten werden, bin ich überzeugt, aber wäre ich es doch auch davon, daß das, was ich schreibe, für Sie Interesse hätte. Ich will es versuchen; vielleicht gewährt Ihnen eine kleine Erzählung von Goethe’s Geburtstagsfeier, da ich Augen- und Ohrenzeuge war, einiges Vergnügen.

Daß Göthe’s Geburtstag, den 28t. August, von seinen Freunden und Verehrern alle Jahre laut gefeiert wird, ist Ihnen sicherlich bekannt; jedoch vernehmen Sie, verehrtester Herr, welche freudige Ueberraschung ihm, dem biedern Greise (!) zu Theil wurde.

Den 27t. August Abends kam hier ein Fremder mit Extra-Post im Gasthofe zum Erbprinzen an, und läßt sich bei unserem Großherzog unter dem Titel und Namen des Ober-Stallmeister von Keßling am königl. bairischen Hofe, anmelden, mit dem Zusatze: früh acht Uhr sich bei Sr. kgl. Hoheit dem Großherzog vorzustellen; allein, noch ehe die Uhr halb 8 geschlagen, fährt unser Großherzog an dem Gasthofe zum Erbprinzen vor, und macht seine Aufwartung dem — Könige von Baiern, welcher incognito hier ankam, um Göthe an seinem Geburtstage zu überraschen, Glück zu wünschen und ihn persönlich kennen zu lernen.