Albrecht Holm, Roman, 7 Bde. (1852–53.)
Vom Jahre 1822 bis zum März 1827 fehlen Uechtritzens Briefe. Diese Lücke, welche wir mit zwei Zuschriften Tieck’s ausfüllen zu können so glücklich waren, fällt nun gerade in jene Zeit, wo der junge Dichter des „Alexander und Darius“ durch dieses hochpoetische Werk Meister Ludwig’s Zuneigung gewann, die bei näherer persönlicher Bekanntschaft sehr bald in aufrichtigste Freundschaft überging, und deshalb so dauernd festhielt, weil sie sich von Tieck’s Seite, trotz der Ungleichheit der Jahre auf Achtung gründete. Er sah in Uechtritz eine, von den Erscheinungen der Zeit scharf gesonderte Specialität, die sich durch frommen Ernst, durch heiligen Eifer für das Höchste und Reinste in der Dichtkunst auszeichnete, ohne dabei rigoristisch und exklusiv aufzutreten. Empfänglich für die Bestrebungen Anderer, nachsichtig in seinen Urtheilen über deren Versuche, war Uechtritz nur streng gegen sich selbst und seine Arbeiten. Wer „Alexandarius,“ (so nannten ihn scherzhafterweise die Berliner Freunde unter sich) gesehen hat, wenn er mit der abermaligen (vielleicht zehnten) Emendation einiger Zeilen — gleichviel ob Verse, oder Prosa — zum Regisseur, zum darstellenden Schauspieler, zum Vorleser, zum Buchdrucker eilte, um wo möglich noch anzubringen, was er für deutlichere Entwickelung des Gedankens, für wohlklingendere Abrundung der Form gethan, — nun, der hat einen rechten Begriff vom innersten Respekt, von der wahrhaften Ehrfurcht, welche den Dichter für die Sache der Poesie durchdringen soll. — Als Gerichtsrath, als Immermann’s Kollege in Düsseldorf lebend, ward er Genosse und fördernder Theilnehmer der schönen Tage, welche am dortigen Kunsthimmel strahlten. Und daß deren Heiterkeit durch ihn niemals getrübt worden ist; daß er sich einer so entschieden dominirenden Herrschernatur wie Immermann gewesen, liebevoll zu fügen verstand, ohne an eigener edeler Selbstständigkeit sich etwas zu vergeben... darin liegt wohl das glänzendste Zeugnis für seinen vortrefflichen, reinen Charakter.
I.
Berlin, am 23. März 1822.
Hochzuverehrender Herr!
Als ich vor anderthalb Jahren eine Erzählung, Aurelio, Ew. Wohlgeboren schüchtern vorlegte, empfahlen Sie mir, die gestaltlose Unbestimmtheit, die man so leicht in frühern Jahren für die recht eigentliche Poesie halte, zu fliehen und dafür die Wirklichkeit als den natürlichen Boden der Poesie anzusehen. Ich habe mich seitdem mit Eifer bestrebt, diesem Rathe nachzukommen und mich besonders um feste Zeichnung der Charaktere, Rundung des Ganzen und, im Otto, raschfortschreitende Handlung bemüht. Auch hatte nach Vollendung des Otto die Hoffnung endlichen Gelingens meine Zweifel an mir selbst in einzelnen Augenblicken wenigstens zurückgescheucht. Seit kurzem aber bin ich durch mehrere Ereignisse auf traurige Weise irre an mir geworden, so daß ich nicht weiß, ob ich nicht besser thue, mich in den Pflug des praktischen Lebens einspannen zu lassen, ohne weiter mich nach den Wiesen und Blumen der Poesie umzusehn. Aber ich werde nicht können. Und dieses innre Drängen und Treiben nach etwas, wovon ich nicht weiß, ob es die Welt jemals einen Pfennig werth achten wird, macht mich eben nicht glücklich, besonders, da ich recht kluge Menschen um mich sehe, die aber sehr mittelmäßige Gedichte machen und sie dennoch für viel besser halten, als ich die meinigen. Denn da die Kunst es doch nicht einzig und allein mit der Form zu thun hat, so wird der schlechte Dichter, wenn er sonst nicht stumpf an Geist und Gemüth ist, in die schlechten Formen, die ihm zu Gebote stehn, so viel trefflichen Gehalt zu seiner eignen Ergötzung hineinfühlen, daß seine Augen nicht Unrecht haben, wenn sie sein Machwerk für ein Meisterwerk halten. Es war daher nicht der eitle Wunsch, von Ew. Wohlgeboren meine poetische Bestallung schriftlich zu erhalten, um damit zu prunken, was mich dazu trieb, mich Ew. Wohlgeboren als meinem Meister und Richter anzuvertrauen. Einige Worte mündlich im einsamen Kabinet, wie ich sonst so glücklich war von Ihnen zu hören, wären mir eben so theuer gewesen. Aber eine lange, ganz ungewiße Zeit liegt dazwischen, ehe ich das schöne Dresden wiederzusehn hoffen darf. Ich ersuche daher Ew. Wohlgeboren, wenn Sie nicht einmal die Hoffnung zu etwas Tüchtigem in meinem Otto finden, mir denselben ohne weitere Beylage und Brief, unfrankirt mit der Post zurückzusenden.
Ihre nachsichtige Güte, Hochzuverehrender Herr, wird dem jungen Manne, der seine theuersten Interessen in Ihre Hände gelegt hat, diese vielleicht zudringliche Bitte verzeihen. Wie aber auch Ihre Entscheidung ausfallen mag, so werde ich sie mit der Ehrfurcht annehmen, die mir im Verhältniß zu einem der größten Dichter meines Vaterlandes geziemt.
Mit der ausgezeichnetsten Hochachtung habe ich die Ehre zu verharren
Ew. Wohlgeboren
ganz ergebenster