Abdallah fühlte, wie ein kaltes Grausen seinen Rücken hinunterging. Die seltsame Gestalt zog itzt bei Abdallah vorüber, sie schlug das Gewand vom Kopf zurück, es war Nadirs altes todtenbleiches Gesicht; er trug einen Spiegel unter seiner Hülle; — Omar's Gesicht spiegelte sich von ohngefähr, — und o des Entsetzens! es zeigte sich so, wie es Abdallah in dem wunderbaren Zauberpallast gesehen hatte.
Der Greis verlor sich wieder in dem Gedränge.
Omar! sagte der schaudernde Abdallah leise zu seinem Freunde, — horch! — hörst du nicht unter den Gesängen eine Stimme leise: Vatermörder! ächzen? — horch! horch! wie der Ton eines Sterbenden, — das ist sein Geist, — Vatermörder! seufzt es so schwer, so abgestoßen, wie mit einer innigen Herzensbangigkeit. — O! schlagt die Guitarren und Theorben! rief er laut, bis ihre Saiten springen! überschreiet diesen verwegenen Mahner und jagt ihn betäubt aus dem Saale, laßt die Pauken lauter donnern! — Schlagt alles in einen furchtbaren Klang zusammen, daß keine fremde Stimme hörbar werde! —
Die Gesänge wurden lauter und wilder, die Tänze wüthender, wie schießende Flammen, so schnell flohe und verfolgte man sich, in immer künstlichern Geweben verschlungen:
| Schlag an das Sterngewölbe |
| Stürmender Wonnegesang! |
| Daß weit durch die stille Nacht |
| Die rauschende Freude töne! |
| Trage zum Meeresstrande |
| Tönender Wiederhall |
| Unsern Wonnegesang! |
| Daß ferne Klippengestade |
| Den Namen Abdallah hallen, |
| Daß über grüne Wiesen |
| Der Name Zulma wandle, |
| Die Blumen schöner färbe. |
| Daß der Mond sich freue |
| Und goldner scheine, |
| Und die Zügel der Nacht nicht fahren lasse |
| Vor der Sonne fliehend. |
Abdallah hatte ein bleiches Gesicht auf die gegenüberstehende Wand geheftet, seine Augen starrten fürchterlich aufgerissen wild in die Leere hinaus. — Befremdet fragte ihn Omar: was ist dir?
Sieh! Omar! ächzte Abdallah. — Sieh, die seltsame Erscheinung dort vor mir! — Eine weiße dürre Todtenhand klemmt sich heimlich und unbemerkt aus der Wand heraus und winkt mich unermüdet hinein, — was mag es sein, das mich so ruft? — Noch immer winkt sie mir ernst und befehlend, — sieh' den zernagten gekrümmten Finger! — Ha! es hat dich gesehn, denn die Hand hat sich zurückgezogen! — Omar, sie kömmt wieder, — sieh, der Arm dürr und knochicht bis zur Schulter, — es will sich aus der Mauer herausdrängen, — sollte das mein Vater sein, der durchaus zu mir will, um an meiner Freude Theil zu nehmen? — Stich mir die Augen aus, Omar, ich mag es nicht länger sehn! —
Omar lächelte ihn wehmüthig an. — Omar, sieh umher! sagte Abdallah ängstlich, — mir ist plötzlich, als sitze ich hier unter todten fremden gemietheten Maschinen, die bestimmt den Kopf drehen und die Lippen öffnen, — sieh doch, wie der abgemessen mit dem hölzernen Schädel nickt, der sich Ali nennt, — ich bin betrogen! — das sind keine Menschen, ich sitze einsam hier unter leblosen Bildern, — ha! nickt nur und hebt die nachgemachten Arme auf, — mich sollt ihr nicht hintergehn! — Sieh doch, dies hier sollte Zulma sein? — Ha! ein beinernes Gerippe, scheußlich mit Fleisch eingehüllt, — sieh! itzt eben werden ihr die todten Augen aus dem Schädel fallen, — hu! ich sitze unter Moder und Verwesung, wie in einer Schlachtbank bei aufgehäuftem Fleisch, — rette mich, — o hinweg! du bist nichts besser als diese!
Die Gesänge übertönten ihn: —
| Im goldnen Wolkenschleier |
| Steigt die schöne Tochter der Nacht |
| Ihre Himmelsbahn hinan. |
| Fröhlich rauschend |
| Hüpfen Meereswellen |
| Ihr mit holdem Gruß entgegen. — |
| Sie mustert ernst ihre Sternenreihen, |
| Alle Sterne neigen sich mit Ehrfurcht, |
| Sie wandelt still. — — |