Von einem plötzlichen Mitleiden ergriffen, zog er die letzten Silbermünzen aus seiner Tasche und gab sie dem Bettler, der nach einem stummen Danke seinen Weg fortsetzte.

Omar fühlte sich jetzt außerordentlich leicht und froh, die Gottheit hatte ihm gleichsam ein Bild vorgehalten, wie elend der Mensch sein könne, um ihn zu belehren. Er fühlte jetzt Kraft in sich, die Armuth zu erdulden und durch seine Thätigkeit wieder abzuwerfen. Er machte Plane, wie er sich ernähren wolle, und wünschte nur gleich eine Gelegenheit herbei, um zu zeigen wie fleißig er sein könne. Er hatte nach seinem edeln Mitleiden gegen den Bettler, nach der Freigebigkeit, mit der er ihm sein ganzes übriges Vermögen hingegeben hatte, eine Empfindung, wie er sie bis dahin noch nicht gekannt hatte.

Ein steiler Fels stand an der Seite, und Omar bestieg ihn mit leichtem Herzen, um die Gegend zu überschauen, die der Untergang der Sonne verschönerte. Er sah hier zu seinen Füßen gelagert die schöne Welt mit ihren frischen Ebenen und majestätischen Bergen, mit den dunkeln Wäldern und rothglänzenden Strömen, über alles das goldene Netz des Abendroths ausgespannt; und er fühlte sich wie ein Fürst, der alles dies beherrsche, und den Bergen, Wäldern und Strömen gebiete.

Er saß oben auf der Felsenspitze in dem Anschaun der Gegend versunken. Er beschloß hier den Aufgang des Mondes abzuwarten und dann seine Reise fortzusetzen.

Das Abendroth versank und Dämmerung fiel aus den Wolken nieder, ihr folgte bald die finstre Nacht. — Die Sterne flimmerten am dunkelblauen Gewölbe, und die Erde ruhte und schwieg in einer feierlichen Stille. Omar sah mit starren Augen in die Nacht hinein, und sein Auge verlor sich schwindelnd in die unendliche Zahl der Sterne, er betete an die Majestät Gottes und fühlte heilige Schauer durch seine Seele ziehn.

Da war's als wenn sich ein Lichtstrahl am fernen Horizont erhöbe, blauleuchtend zog er empor und näherte sich wie ein glänzendes Feuer dem Mittelpunkte des Himmels. Die Sterne traten bleicher zurück, und wie ein Wiederschein des Morgens flimmerte es durch den ganzen Himmel und regnete in zarten, rothdämmernden Strahlen herab. — Omar erstaunte über die wunderbare Erscheinung und ergötzte sich an dem schönen und seltsamen Lichte: die Wälder und Berge umher funkelten, die fernen Wolken schwammen in blassen Purpur, wie ein goldenes Gezelt wölbte sich der Schein über Omar zusammen.

Sei mir gegrüßt, Edler, Mitleidiger, Tugendhafter, rief eine süße Stimme von oben herab, du erbarmest dich des Elends, und der Herr sieht mit Wohlgefallen auf dich herab.

Wie verhallende Flötentöne säuselten die Winde der Nacht um Omar, seine Brust hob sich froh und beklemmt, sein Auge war vom Glanze, sein Ohr von den himmlischen Harmonieen trunken. Und aus dem Glanze schritt eine Lichtgestalt hervor, und stellte sich vor den Entzückten; es war Asrael, der glänzende Engel Gottes. — Steige mit mir auf diesen rothen Strahlen in die Wohnung der Seligen, rief die süße Stimme, denn du hast es durch deinen Edelmuth verdient, das Paradies mit seinen Seligkeiten zu schauen.

Herr, sprach Omar zitternd, wie soll ich dir als ein Sterblicher folgen können? Mein irdischer Leib ist noch nicht von mir genommen.

Gieb mir deine Hand, sprach die Lichtgestalt. — Omar reichte sie ihm mit bebendem Entzücken, und sie wandelten auf den rothen Strahlen durch die Wolken, zwischen den Sternen hindurch, und die süßen Töne gingen hinter ihnen, und Morgenroth legte sich in ihren Weg, und Blumendüfte würzten die Luft.