Er machte einen Umweg, ehe er nach Hause ging, um seinen Schmerz etwas erkalten zu lassen. Er weinte, als er das tobende Marktgewühl sah, wie jedermann gleich den Ameisen beschäftigt war, in seine dumpfe Wohnung einzutragen, wie keiner sich um den Andern kümmerte, als nur wenn er mit seinem Gewinn zusammenhing, alle durch einander laufend, so empfindungslos, wie Zahlen. — Er ging trostlos nach Hause.
Sein Schmerz vermehrte sich hier; er fand die fünfhundert Zechinen, die er seinem Bruder einst mit dem besten Wohlwollen gegeben hatte; sie waren bald eine Beute der stürmenden Gläubiger. Alles was er besaß, ward öffentlich verkauft; eines seiner Schiffe lief in den Hafen, aber die Ladung diente nur, um alle seine Schulden zu bezahlen. Arm, wie der Bettler, verließ er die Stadt, ohne vor dem Hause seines hartherzigen Bruders vorüberzugehen.
Seine Gattin, die ihn in sein Elend begleitete, tröstete ihn und suchte seinen Kummer zu zerstreuen; aber es gelang ihr nur wenig, das Andenken seines Unglücks war noch zu frisch in Machmuds Gedächtniß, er sah noch immer die Thürme der Stadt vor sich, in der sein Bruder wohnte, der kalt und ungerührt bei seinem Unglücke geblieben war.
Omar fragte niemand nach seinem Bruder, um ihn nicht bemitleiden zu dürfen, er bildete sich ein, es könne vielleicht noch alles gut gegangen sein. Indessen hatte sein Kredit doch auch durch seinen Bruder gelitten, man ward mißtrauischer gegen ihn, und mehrere Kaufleute vertrauten ihm nicht mit der Leichtigkeit ihre Gelder wie ehemals. Dazu kam noch, daß Omar jetzt sehr geizig, und auf sein erworbenes Vermögen stolz ward, so daß er sich viele Feinde machte, die sich freueten, wenn er irgend einen Schaden erlitt.
Es schien, als wenn das Verhängniß seine Undankbarkeit gegen seinen Bruder bestrafen wolle, denn ein Verlust folgte in kurzer Zeit auf den andern. Omar, der gern das Verlorne schnell wieder erlangen wollte, wagte größere Summen, und auch diese gingen verloren. Er hörte auf, Gelder, die er schuldig war, zu bezahlen, das Mißtrauen gegen ihn ward allgemein, alle Gläubiger meldeten sich zu gleicher Zeit, Omar kannte niemand, der ihn aus dieser Verlegenheit würde helfen wollen; er sah keinen andern Ausweg vor sich, als in der Nacht heimlich die Stadt zu verlassen, und zu versuchen, ob ihm das Glück in einer andern Gegend günstiger sein würde. —
Das kleine Vermögen, das er noch mit sich hatte nehmen können, war bald verzehrt. Seine Unruhe wuchs in eben dem Grade, als sein Geld abnahm; er sah der drückendsten Armuth entgegen, — und doch keinen Ausweg ihr zu entfliehen.
Unter Klagen und schwermüthigen Gedanken war er so bis an die persische Gränze gewandert. Er hatte jetzt alles Geld, bis auf drei kleine Münzen ausgegeben, die grade nur noch hinreichten, um ein Abendessen in einer Carawanserei zu bezahlen; er fühlte Hunger, und da sich die Sonne schon zu neigen anfing, eilte er, um einen Zufluchtsort zu erreichen, in welchem er noch in dieser Nacht, vielleicht in der letzten, herbergen könne.
Wie unglücklich bin ich! sprach er zu sich selbst. Wie verfolgt mich das Schicksal und fordert mein Elend, welche schreckliche Aussicht eröffnet sich mir! — Ich werde von den Allmosen mitleidiger Seelen leben müssen, es ertragen müssen, wenn man mich verhöhnend abweist, nicht murren dürfen, wenn der Verschwender frech vorüber geht, mich keines Anblicks würdigt, und hundert Goldstücke für eine elende Spielerei verschleudert. — O Armuth, wie kannst du den Menschen erniedrigen! — wie ungleich und ungerecht theilt das Glück seine Schätze aus. Es schüttet seinen ganzen Reichthum über den Lasterhaften, und läßt den Tugendhaften Hungers sterben.
Die Felsen, die Omar überstieg, machten ihn müde, er setzte sich auf eine Rasenerhöhung am Wege nieder und ruhte aus. Da schleppte sich an Krücken ein Bettler vor ihm vorüber und murmelte eine unverständliche Bitte; er war zerlumpt und abgezehrt, sein brennendes Auge stand tief im Kopfe, und seine bleiche Gestalt zerschnitt das Herz und zwang es zum Mitleiden. Die Aufmerksamkeit Omars ward wider seinen Willen auf diesen Gegenstand des Abscheus gelenkt, der murmelnd seine dürre Hand nach ihm ausstreckte. Er fragte nach dem Namen des Bettlers, und merkte jetzt, daß dieser Unglückliche auch taub und stumm sei.
O wie unaussprechlich glücklich bin ich! rief er aus, — und ich klage noch? Warum kann ich nicht arbeiten; — warum nicht durch das Werk meiner Hände meine Bedürfnisse erwerben? Wie gern würde dieser Elende mit mir tauschen und sich glücklich preisen! Ich bin undankbar gegen den Himmel.