Es war eine schöne Sommernacht, die Luft bebte ihm warm und lieblich entgegen, die ganze Gegend war still und ruhig; der Mond schien durch dunkele Tannen und warf in der Ferne auf die schlanken Erlen am See ein ungewisses Licht; Schatten und Helle flohen und wechselten; Eichen und Buchen standen da in Glanz und helles funkelndes Grün gekleidet, auf jedem sanftzitternden Blatte schien ein Flämmchen zu brennen und durch die Nacht zu leuchten. Durch die verschränkten Zweige schlüpfte der Strahl des Mondes und spielte wallend und webend auf dem grünen Rasen; die ganze bekannte Gegend war durch die magische Beleuchtung fremd und unbekannt; die Birken am Abhang des Berges waren Wolken ähnlich, die in den ersten Strahl des Morgens getaucht aufwärts schweben; ihre weißen Stämme glichen Geistern, die ruhig durch die Wolkennacht den Berg erstiegen. Unken klagten aus fernen Teichen, eine Nachtigall sang aus dem Busche ihr entzückendes Lied, Feuerwürmchen schwebten wie kleine Sterne durch die Nacht und spielten fröhlich im weißen Strahl des Mondes.
Die kalte Verzweiflung Adalberts lößte sich bald in die Thränen der Wehmuth auf. — Wenn er jetzt den Tönen der Nachtigall folgte, wenn sein Blick durch den glänzenden Himmel dahin eilte, so schien ihm der ganze heutige Tag nichts als ein Traum zu sein. — Wie könnte Unglück diese schöne Welt entstellen? so dachte er und freute sich schon auf das angenehme Gefühl, wenn er aus diesem Traum erwachen würde.
Seine Phantasie begann ein bezauberndes Spiel mit den Strahlen des Mondes, sie zeichneten ihm im wankenden Grase das Bild seiner Emma, bald wie sie ihm froh entgegeneilte, bald wie sie kniend vor ihrem Vater lag und ihn um seinen Segen bat. In den wunderbaren Gebilden der mondbeglänzten Wolken sah' er bald Ungeheuer, die seine Emma verfolgten, dann sah' er sich selbst, wie er für sie kämpfte und siegte, — sie reichte ihm den Kranz der Belohnung, und der Kranz floß in einen glühenden Dolch zusammen; aber sein Auge verfolgte so lange das schwebende Wölkchen, bis er den Myrthen-Kranz in ihm wiederfand.
So schwärmte sein Geist in den süßesten Träumen umher, der Zorn Friedrichs lag ihm wie in einer weiten Ferne, reizende Bilder lebten und webten in seiner Seele und stellten sich lächelnd vor jede traurige Erinnerung, — als nach und nach der Mond erblich und über die fernen Hügel das erste graue Licht des Tages zitterte.
Plötzlich war der schöne Schleier zerrissen, der seine Schläfe so sanft umfing, alle Täuschungen der Phantasie sanken plötzlich unter. Die Sterne verloschen, die Nachtigall verstummte, eine heilige Stille in der Natur — und er fand sich und seine Verzweiflung wieder. Mit dem Tage kehrten alle Gefühle des Schmerzes in seine Seele zurück. Alle Phantasien entflohen, die Freuden sanken mit dem Monde unter und der kalte Morgenwind wehte ihm die schreckliche Überzeugung zu: Du bist unglücklich!
Wie oft habe ich sie nicht unter jenem Baume gesehn, — dachte er jetzt, — ich werde sie dort nicht mehr sehn! Mein erster Gedanke beim Erwachen war sie, wie freudig sucht' ich den ersten Blick ihrer Augen! — jetzt wird der bleiche Gram an meinem Lager sitzen, und mir bei meinem Erwachen die dürre Hand entgegenstrecken. — Ach, Emma! wirst du mich vergessen? — O noch einmal wünsch' ich sie zu sehn, sie an das Versprechen ihrer Treue zu erinnern. — Werde ich sie noch einmal sehn? Sie schläft vielleicht noch und ahnet nicht, daß sie meinen Abschied auf ewig verschläft. — Emma! Soll ich fortgehn ohne wenigstens aus ihrem Munde ein süßes: Lebewohl! mitzunehmen?
Er verzögerte seine Abreise, er hoffte noch immer, daß sie bei seinem Zimmer vorbeirauschen würde, wie sie oft am Morgen that; er horchte aufmerksam auf jeden Zug des Windes. — Schon hundertmal hatte er die Thür geöffnet und hundertmal trat er wieder in das Zimmer zurück; es fiel ihm jedesmal ein, daß er auf ewig Abschied nehme, daß er, wenn er aus der Thür getreten sei, vielleicht eben so aus dem Leben gehe, ohne sie wiederzusehen. — Eine Stunde nach der andern eilte hinweg, sie kam nicht, — da stieg die Sonne düster hinter schwarzen Wolken empor — wüthend öffnete er die Thür, schlug sie heftig zu und ging.
Adalberts Sinne waren verschlossen, er verließ die Burg wie ein Träumender. Kurd, ein Diener Friedrichs, kam ihm mit einem Pferde im Hofe entgegen und fragte ihn, ob er nicht aufsitzen wolle; aber Adalbert wies ihn mit bitterm Hohn zurück: Friedrichs Rosse sind zu edel für den Knappen Adalbert, ich bin kein Bettler, um ein Geschenk von ihm anzunehmen.
Seufzend schaute er nach Emma's Fenster empor, sein Blick haftete brennend auf der Stelle, wo er sie sonst so oft gesehen hatte; es war ihm, als müßte er sie wenigstens jetzt noch einmal sehen: er sah sie nicht. Schon kehrte er sich ungewiß wieder nach der Burg um, als ihm sein treuer Jagdhund entgegen kam und wedelnd zu ihm hinaufsprang. — Halb wider seinen Willen stieß er ihn zornig mit dem Fuße zurück. Der Hund legte sich traurig und schmeichelnd nieder und blickte bittend zu seinem Herrn empor. — Kann die Verzweiflung den Menschen so sehr verzerren? rief er aus; ja du treuer Gefährte, du sollst mich auf meiner Pilgerschaft begleiten; ich will ein Wesen neben mir haben, dem ich traurig in's Auge sehen kann, du sollst meinen Schmerz theilen, dich liebe ich noch, du bist kein Mensch!