Friedrich von Mannstein hatte indeß in einer traurigen Einsamkeit gelebt. An jenem Morgen schon, an welchem Adalbert die Burg verließ, war es sein erster Gedanke, seine Verbannung zu widerrufen; aber Niemand wußte, welchen Weg Adalbert genommen hatte. Emma war untröstlich, als sie seine Abreise erfuhr.

Sie hatte sich so an Adalbert gewöhnt, daß sie sich ohne ihn ihr Dasein gar nicht denken konnte: er war der Gespiele ihrer Kinderjahre gewesen, sie hatte nur immer für ihn gelebt; seit sie gewünscht hatte, war er das Ziel aller ihrer Wünsche, denn in der Einsamkeit erzogen, hatte sie nie einen schönern Mann gesehen. — Sie dachte sich alles zurück, was sie mit Adalbert genossen und gelitten hatte, sie hatte so süß geträumt und unbarmherzig hatte sie das Unglück aus allen goldnen Phantasien gerissen, und vor ein wüstes Meer gestellt, in dem sich nichts als schwarze Wolkengebilde spiegelten. — Sie fiel nach und nach in eine Art von Betäubung, aus der sich der Geist zur Verzweiflung oder zur Versöhnung mit der Welt ermannt. Bei dem Mädchen, deren jugendliche Phantasie vor dem Bilde des Todes zurückschauderte, war das letzte der Fall, so sehr sie auch anfangs dagegen kämpfen wollte; aber der Schmerz hatte sie ermüdet, sie hatte das Maas der Traurigkeit erschöpft. Ihr Gram ward gemäßigter und sie fing ihre weiblichen Arbeiten wieder an, mit dem Vorsatz, ihren Kummer auf andre Stunden zu verschieben. Zwar flossen noch ihre Thränen sehr oft, wenn sie auf die Erinnerung Adalberts geleitet ward, aber es waren nicht mehr die heißstürzenden Thränen, die die Kinder des tauben Schmerzes, der Verzweiflung sind, bei denen der Leidende in der Natur nichts als sich und sein Unglück sieht; es waren die Thränen der Wehmuth, die auch oft nach Jahren noch fließen. Als sie zum erstenmal wieder lächelte, zürnte sie heftig auf sich selbst; das zweitemal zürnte sie nicht, aber sie nahm sich vor nicht wieder zu lächeln, und nachher glaubte sie, man könne doch trauern, ohne im Äußern die Zeichen der Traurigkeit anzunehmen. Friedrich schien den Kummer seiner Tochter nicht zu bemerken, und dies war eine Ursach mehr, die sie bewegte, ihn zu unterdrücken. Hätte er von Adalbert gesprochen, so hätte sie Muth gefaßt, ihm ihre Liebe zu gestehn, und sie hätte einen Theilnehmer, einen Vertrauten ihres Schmerzes gefunden. — So verwandelte sich Emma's Gram nach und nach in Wehmuth. So steigt die Leidenschaft vom höchsten Gipfel der Leiter eine Stufe nach der andern herab, bis dahin, wo sie nicht mehr Leidenschaft ist. Emma wehklagte nicht mehr über den Verlust eines Geliebten, sie war nur noch wegen eines abwesenden Freundes bekümmert.

Sie fühlte lebhafter, aber nicht so tief als ihr Vater; dieser war daher am ersten Tage nicht so traurig, als an den folgenden. Sein Kummer nahm fast in eben dem Grade zu, in welchem der Gram seiner Tochter sich milderte; denn er empfand itzt erst, wie viel er an Adalbert verloren habe. Ihm war ein Sohn abgestorben, und diesen vermißte er weit mehr, als er je vorher würde geglaubt haben. Er war jetzt stets allein, wenn er nicht in Emma's Gesellschaft war, denn Konrad von Burgfels hatte ihn noch nicht wieder besucht.

So stand die Veste Mannsteins einsam und verlassen, seit dem Tode der Mutter Emma's war diese Gegend nicht so öde und still gewesen. Dieser Einsamkeit überdrüssig, beschloß daher Friedrich ein kleines Fest anzustellen, welches ihn wieder an die Thaten seiner Jugend und seines männlichen Alters erinnerte. Er lud mehrere Ritter aus der Nachbarschaft ein, ließ einen grünen Platz vor der Burg zu einem Turniere einrichten, und Schranken setzen. Ein Paar goldene Sporen waren der Dank des Siegers, Emma sollte ihn überreichen.

Am Tage des Turniers erschien Konrad von Burgfels auf Friedrichs Veste, aber stiller und verschlossener als je. — Was ist dir, Konrad? fragte Friedrich ihm entgegeneilend. — Bist du krank?

Wollte Gott, ich wär' es! antwortete Konrad.

Friedrich. Was fehlt dir Freund? Dir ist ein Unglück begegnet. —

Konrad. Ach! Friedrich! — siehst du, ich hatte wohl Recht; falle nieder und danke, daß dir kein Sohn geboren ist, — ich hatte Recht.

Friedrich. Dein Sohn —