O zum Allgütigen laßt eure Klagen nicht dringen, denn er zürnt uns nicht, die freigebige Natur hält keine karge Hand über uns ausgestreckt. — Aber welche übermenschliche Gewalt schnürt unsre Brust so mächtig zusammen? Wer schlägt dies verfinsternde Gewölbe um uns her? — O daß ich es schaamroth aussprechen muß, — ein Fremder würde staunend unsrer Schwachheit spotten, — ein Mensch!

Ihm tragen unsre Felder, zu ihm fließt, wie zu einem geizigen Meere, alle unsre Arbeit zurück, wir leben nur für ihn, für den Einzigen kämpfen im unnützen Streit alle unsre Kräfte. — Ihm hast du, dem Undankbaren, deine Schlachten gefochten, Abubeker, er ist die Pest, die das Land verzehrt, hinter seinem Thron ist unsre Sonne untergegangen, in seiner fürchterlichen Allmacht liegt der Tod aller unsrer Freunde. — Leben und Vernichtung hält er auf der verfälschten Wage, an seinen Launen hängt schwankend unser Glück, Gewitter donnern aus seinem zürnenden Auge, das Lächeln seines Mundes ist unsre erquickende Frühlingssonne, seine Worte des Ewigen unveränderliche Gesetze, — wir stehn da, und fühlen daß wir elend sind, und o der Schande! — wir begnügen uns damit, daß wir es fühlen!

Sind wir alle schon so tief in Kraftlosigkeit versunken, daß wir auch nicht einmal murren? Sind wir uns so fremd geworden, daß wir auch nicht einmal unser Schicksal geändert wünschen? Daß wir uns mit dem begnügen, was er uns aus der Verheerung zurückwirft und uns der Gnade freuen, die uns noch unter den Trümmern unsrer vorigen Heimath zu wandeln vergönnt? Die Schlange verwundet wüthend die Ferse ihres Mörders, die schuldlose Taube kämpft ohnmächtig gegen den Zerstörer ihres Nestes, ja der zertretene Wurm krümmt sich zürnend unter dem Fuße des Wandrers — und wir! — Wer ist der Schändliche, der sich nicht der Ketten schämte und sie gern von seinen Armen streifte? — O er gehe hin und erzähle Ali meine Rede!

Sklave und freier Bürger sind in unsern Zeiten gleich, das Reich kennt nur einen freien, wir alle sind seine Sklaven, das Vaterland und seine Bürger sind in dem Einzigen untergegangen, unsre Wünsche knien vor seinem Willen, das hohe Recht, das jeder Mensch mit auf die Welt bringt, haben wir an diesen Betrüger verspielt. Unser Dasein können wir nicht Leben nennen, wir sind todte Massen ohne eignen Willen, Steine, die ein muthwilliger Knabe zum Spielwerk am Abend in das Meer wirft. — — Und wer ist dieser Allgewaltige? Ein Riese mit ehernem Körper, von dem zerbrochen jeder Stahl zurückprallt? — Nein, eine Sammlung Staub, wie wir, von einem aufgehobnen Arm auf ewig zu Boden gestürzt.

Wo ist der Muth, der in unsern Vätern focht und die Feinde erzittern machte? Sind alle Dolche stumpf? Ist keiner mehr, der zu den Waffen greift und sich und seine Brüder rächt? Keiner? — O ich habe mich geirrt, ich vergaß, daß ich jetzo lebe, itzt, wo Knechtschaft ehrt, wo unser höchster Wunsch ist, der schändlichste seiner Sklaven zu werden. — Die Zeit hat ihren Kreis gemacht und alles Edle aus unsern Jahren hinweggenommen, nur mich Unglücklichen hat sie einsam stehen lassen.

Er schwieg. — Die Männer glühten, die Arme der Jünglinge zuckten unwillkührlich. In vielen Augen stand die Thräne der hohen Begeisterung, viele wollten aufspringen und ihre Dolche schwenken, als der weise Abubeker mit langsamer bedächtiger Stimme also sprach:

Selim, deine Stimme ist die Stimme der Wahrheit, das Reich ist unglücklich, die Tyrannei herrscht mit erschlichener Gewalt von ihrem Thron herab, das Volk seufzt tiefgebückt unter dem ehernen Joch, — aber höre mich als Freund und zürne nicht. — Ich stehe auf einem hohen Gipfel, von dem ich über so manche Jahre hinweg sehe, die zu meinen Füßen ausgebreitet liegen, das Alter und die Erfahrung tritt endlich an die Stelle der Weisheit. — Hast du nie, Selim, eine Fluth gesehn, die verheerend das Gefilde überschwemmt, und es gedüngt und fruchtbarer wieder verläßt? Einen Stamm, den der Blitz verbrennt und aus dessen Asche ein schönerer mit frischer Kraft hervorschießt? — In dem gegenwärtigen Übel liegt oft die Geburt eines künftigen Glücks, nur daß das sterbliche Auge nicht durch die Dunkelheit der Zukunft dringt, daß unser kleiner Blick nur das umfaßt, was vor uns, nicht, was oft dicht daneben liegt. — Schon vielen Völkern sandte der Herr zur Züchtigung einen eisernen Scepter und schon viele erkennten die bessernde Hand. — Ali ist vielleicht nur der Abgesandte einer höhern Macht, der uns von dorther den Krieg ankündigt: können wir rebellisch gegen den Ewigen aufstehn und seine weisen Plane meistern und verwerfen? Ziemt es dem Sklaven, seinen Herrn zur Rechenschaft zu ziehn? — Tausend Diener horchen auf das Gebot des Unendlichen und vollbringen die Befehle seines Zorns. Er darf nur winken und Ali wird vom Blitz durchbohrt, vom Sturm zerrissen. Er vermag die Erde aus ihren Angeln zu heben, und im Unmuth mit dem Hauch seines Mundes gegen die Gränze des Weltalls zu zerschmettern, — und er sollte nicht einen Staub zum Staube wieder hinabsenden, wenn es sein Wille wäre? — Nein, wir wollen dulden, Selim, und im Dulden unsre große Seele zeigen. Rache brüllt nur aus den Thieren, der Mensch dulde und verzeihe! —

O Greis! rief Selim aus, das Alter, das alle unsre Kräfte verzehrt, spricht aus dir. Der Stunden, die du noch zu leben hast, sind dir zu wenige, um für sie zu handeln, — aber unsre Kinder, Abubeker!

Abubeker. Wacht nicht über sie das große Auge, das sich niemals schließt? — Laß sie die Tugend und Gott verehren und sie können nicht elend werden.

Selim wandte sich unwillig hinweg und Omar fing an zu sprechen: