Du sprachst mit tiefer Weisheit, Abubeker, die Hand aus den Wolken lenkt oft sichtbar die Schicksale der Menschen, das dunkle Verhängniß tritt oft aus seiner Finsterniß hervor, und zwingt selbst den kühnsten Zweifler zur schaudernden Verehrung.

Selim. Und auch du, Omar? der du meinen großen Entwurf zuerst zur Reife brachtest?

Omar. Oft aber waltet die Allmacht in ihrer Undurchdringlichkeit und lagert vor die frechen Augen Finsternisse um sich her. Oft tritt das unerbittliche Schicksal zurück, es zerreißt den Faden, an dem es den Menschen lenkt und läßt ihn ohne Leitung gehn. Dann schaut es auf den Weg des Wandrers herab und zeichnet ihn mit ewigen Zügen auf der unvergänglichen Tafel. Dann wird des Menschen Name unter die Seeligen oder Verdammten eingeschrieben, ohne fremden Druck stehn aus dem Herzen die Tugend oder das Laster auf.

Abubeker. Ich fasse den Sinn deiner Rede, Omar. Wenn das ewige unwandelbare Schicksal niemals den Menschen aus seiner Hand ließe, dann trieben wir einen reissenden Strom hinab, der ohne unsre Schuld den Nachen vielleicht an einen Fels zerschellte, oder in die See versenkte.

Omar. Alle Widersprüche vereinten sich dann in einen Mittelpunkt, die ganze Natur wäre eine Flöte, auf der ewig die Töne des schaffenden Künstlers erklängen, keine That gehörte uns, unschuldig kehrten alle zum Schöpfer zurück. — Nein, Abubeker, wenn der Ewige auch nach seiner Güte das Laster zuläßt, so ist er es doch nicht selbst, der den Lasterhaften führt, das hieße ihn aus seinem Wesen hinausschelten, denn er ist ja das Gute selbst; blind ihn aus seinem Glanz vernünfteln, mit eben der Vernunft, die er uns lieh, ihn zu erkennen.

Abubeker. Ein Irrthum täuschte mich, Omar.

Omar. Ein Athem seines Wesens streifte leise den irdischen Staub und es entstand der Mensch. Dieser göttliche Funke, der aus der Nacht sich ihm freundlich zugesellte, ist es, der ihn aus den Thieren des Waldes, den Bäumen und Felsenwänden heraushebt, dieses ist das große Zeichen, an dem die Menschen sich erkennen, das untrügliche Unterpfand, daß uns jenseit ein neues Leben entgegentrete, wenn die Seele hier den Staub wieder von sich abschüttelt und zürnend das Thal verläßt, um einen schönern Hügel zu ersteigen.

Abubeker. Deine Worte wecken in meiner Seele eine Sonne, die das Dunkel erleuchtet.

Omar. Dieser Verstand lehrt uns die Wunder der Natur finden. Wie der Schnecke und dem Wurme Fühlhörner gegeben sind, um ihre Nahrung zu suchen und ihre Feinde zu fliehen, so verlieh der Gütige dem Menschen den Verstand. Der Zweck des Wurmes ist das Leben, dem edleren Menschen ist das Leben nur ein Weg, aus dem er zu seinem Endzweck geht: durch seinen Verstand sich selbst und Gott erkennen; je näher er diesem Ziele gekommen ist, je mehr hat er die Krone des Siegers verdient. — Ohne diesen Stern, der unser Schiff regiert, lebten wir, wie der Maulwurf, unter tausend Wundern, ohne sie zu bemerken. — Die Kraft der Heilung liegt in tausend Pflanzen ausgegossen, aber der Schöpfer tritt uns nicht unmittelbar in den Weg; die schwache menschliche Natur würde zu sehr vor ihm zusammenschaudern, er legt seine Furchtbarkeit ab und in schönen Blüthen findet der Verstand des Menschen die Kraft des Gütigen wieder, und Tod und Krankheiten fliehen vor dem wohlbekannten, allbelebenden Hauch, der ihnen aus den Kräutern entgegen duftet.

Abubeker. Deine Gedanken über den Ewigen sind wie der Schein des Mondes, sie leuchten auf den Pfad, ohne zu blenden, du verschlingst die Allmacht mit der Lieblichkeit und vor dem wonnevollen Bilde kann der Mensch anbetend in tiefer Ehrfurcht knien, und es zugleich lieben.