Omar. Der Verstand regiert wie ein Steuermann unsern Willen gegen Wind und Wogen der Leidenschaften und des Unglücks. — Der Verstand formt aus dem ungestellten Zufall eine Säule; statt uns selbst die Hand zu reichen und durch das Dunkel zu führen, haucht der Ewige an diesen Funken und er leuchtet heller. — Dann werden große und edle Thaten geboren, Tyrannenthronen gestürzt, des Vaterlandes Feinde geschlagen, Völker besiegt und des Propheten Glaube über Meere getragen. — Diesen Fingerzeig der Gottheit nicht achten, heißt seiner Güte spotten, da er uns einen Schatz anvertraute, den wir nicht benutzen, dann wird er uns einst schwer zur Rechenschaft ziehen, daß wir ein Gut verachteten, das uns ihm ähnlich macht. — Es waren Propheten, die die Zukunft weissagten von Gottes Athem angeweht: wenn nur der Ewige selbst in unsre Seelen diese Gedanken gesendet hätte, wenn er durch uns Ali strafen und das Reich wieder glücklich machen wollte und seine Allmacht dabei unsichtbar erhalten, wenn wir die Pflanzen wären, aus denen der Gütige mittelbar Genesung unsern Brüdern zusendete?

Abubeker dachte tief den Worten Omar's nach, die übrigen horchten aufmerksam auf seine Rede.

Omar. Ist es dann nicht unsre Pflicht, seinem Wink zu folgen und unverzeihliche Trägheit, wenn wir die Arbeit, die er uns in den Weg legt, verdrossen liegen lassen? — Auf dann! tretet alle Zweifel unter euch, beginnt das Werk und sagt der Ewige »Nein« zu unsrer That, — nun, dann wird das Unglück unsern Schritten folgen und uns von seinem Zorne Nachricht bringen.

Abubeker. Du hast mich überwunden, Omar, ich gebe deiner Weisheit nach.

Omar. Ha! wenn wir keine Leuchte hätten, die uns durch die Nacht begleitete! — aber wir tragen sie in unserm Busen. — Glaubet! ruft uns der Ewige selbst zu — und handelt nach eurem Glauben und Herzen! Daher jagt das nagende Gewissen den Bösewicht, dies ist der gute Engel, der den Menschen zu edeln Thaten winkt. — Ein jeder muß nach seiner Überzeugung handeln — und wer glaubt nicht, daß wir alle glücklicher wären, wenn Ali von seinem Thron herunterstiege? Unser Recht? — o er hat unser Recht verletzt, er hat unsre Menschheit gekränkt, er zwingt uns, unser Wort zu brechen, das wir ihm gaben, er ist unser Feind, nicht unser Fürst. Wir scheuchen das Unglück über die fernen Gebirge, das itzt so dräuend über uns hängt, wir sind die Retter unsers Vaterlandes, aus seinem Grabe wird das Glück dann wieder auferstehn und uns dafür belohnen, unsre Brüder werden Freudenthränen weinen, — ha! wer steht noch müssig? Wer kann noch furchtsam zurückzagen? — Nein, Abubeker, Freunde, — wir wollen nicht die Krone von Ali's Haupte reissen, wir müssen es, — das Land liegt kniend zu unsern Füßen, des Ewigen ernstes Auge schaut anmahnend auf uns herab, die Nothwendigkeit reicht uns den blutigen Dolch, — wir können nicht zurücktreten und den furchtbaren Arm von uns weisen.

Selim. Nein, wir können, wir dürfen es nicht. Die Gefahr streckt uns ihren Rachen entgegen, — stürzt auf sie zu, Freunde, sie verherrlicht unsern Triumph! Welcher Feige würde nicht mit dem Edlen um jeglichen Kampfpreis ringen, wenn die Furchtbarkeit nicht die große nie zerfallende Scheidemauer zöge? Daß wir unser Leben wagen, o das ist es, was unser Unternehmen zu einer großen That stempelt, das ist es, warum sie Männer und keine Knaben fordert. Das Glück schwebt um uns her; faßt mit starkem Arm den ehernen Ring und haltet ihn fest, — dreht er sich allmächtig weiter, — nun was können wir mehr als sterben? Und können wir in tausend Jahrhunderten einen ruhmvollern Tod finden, als im Kampf mit der Tyrannei dahinzusinken? — O wem das Leben das höchste Gut ist, der mag zagen, ihm sei es erlaubt zu zittern, er mag sich hinter Ali's Thron verkriechen und sich fest an seine Ketten klammern und an den Pfahl, an dem er gefesselt ist, — wir kämpfen, siegen oder sterben für's Vaterland und unsre Brüder, — das Schild am Arm, den Säbel in der Faust stürzen wir vor Ali hin und fordern uns selbst von ihm zurück, — wir verschwinden in dem großen Ganzen, eine Woge im Meer; was liegt an mir, wenn ich auch untergehe? — Die Gefahr nicht achten, heißt sie tödten; sich selber muß der Edle freudig seinen Brüdern opfern können. — Wer so denkt, der reiche mir seine Rechte!

Alle sprangen auf, man lief eilig durcheinander, jeder wollte der Erste sein, der die Hand des edlen Selim faßte. — Es ist kein Schändlicher unter uns! riefen alle, wie aus einem Munde, auch Abubeker trat hinzu und umarmte Selim und Omar. Eine große Begeisterung wandelte durch den Saal, alle Gesichter glühten, alle Augen funkelten.

Brüder! rief Selim aus, — das Loos ist gefallen! — Er kniete nieder. — Hier schwör' ich bei dem Ewigen und seinem Propheten, bis auf meine letzte Lebenskraft gegen Ali zu kämpfen, mein Vaterland zu retten oder zu sterben!

Alle knieten und schwuren ihm den großen Eid nach, dann umarmten sie sich von neuem, drückten sich die Hand und küßten sich wie Brüder. Ein Gedanke lebte in allen Seelen, eine Entzückung, ein Geist wehte durch die ganze Versammlung.

Freunde! sprach Omar, — und wer soll denn an Ali's Stelle treten und eine neue Sonne über unser Reich heraufgehn lassen.