Alle schwiegen und Omar fuhr fort.
Das unmündige Volk bedarf eines Führers, ohne Oberhaupt würde es sich selber vernichten. Ein weiser Mann muß an der Spitze stehn, der alle die schweifenden Kräfte in einen Mittelpunkt sammelt, die sonst unnütz an tausend mannichfaltigen Gegenständen zerschellen. — Ihr kennt Selims Weisheit, seinen Muth, seine Güte und Menschenliebe. Er betrete den verwaisten Thron, er werfe unser Elend in das unergründete Meer und wecke das Glück aus seinem Schlummer. — Wer andrer Meinung ist, der spreche!
Du thust mir Unrecht, rief Selim, als alle schwiegen; warlich Omar, deine Worte schmerzen mich tief. — Hat denn Ehrgeiz oder Herrschsucht meine Gedanken geleitet? Bin ich der einzige Edle in dieser Versammlung? — Ich widerspreche dir hier laut, ich widerspreche euch allen, wenn ihr ihm beistimmt. — Der Unbetrügliche sieht mein Herz, beim Grabe seines Propheten schwör' ich hier, — durch meinen Tod, ja durch meine Schande wollt' ich Euer Elend von mir kaufen, ungenannt sterben und vergessen werden. Ich selbst war bei diesem Entwurf mein letzter Gedanke. — Omar, wie konntest du dem weisen, tapfern, erfahrnen Abubeker vorübergehen? — Hier steht unser Herrscher! Er verdient das Diadem zu tragen, das Ali entweiht. —
Er warf sich vor dem Greise nieder und berührte mit der Stirn dreimal den Boden, alle übrigen folgten seinem Beispiel. Der erstaunte Abubeker war gerührt und konnte ihnen nur durch Thränen antworten.
Du bist unser, Abubeker, sprach Selim, freiwillig zu uns herübergetreten, von keinem äußern Zwange gedrückt. Der Edle muß aus eignem Willen handeln, und damit auch nicht der kleinste Schein von Eigennutz auf dich fiele, hab' ich dir noch eine Nachricht vorbehalten, die du itzt erfahren sollst. — Ali, nach deinen Schätzen begierig, hat das Ziel deines Lebens näher rücken wollen; Omar hat durch seine Weisheit diesen Anschlag vernichtet und dich uns gerettet.
Der Greis Abubeker drückte ihm schweigend die Hand. — Selim, sprach er dann, ich bin dir sehr viel schuldig, dir dank' ich meinen Reichthum, du wandest ihn aus den Händen ungerechter Feinde, du schütztest mein Leben gegen einen Räuber, dessen Säbel schon über meinen Schädel blinkte, — erinnerst du dich noch jener Tage, als wir uns ewige, unzerbrechliche Freundschaft schwuren. Wir haben unsern Eid gehalten und wollen ihn noch ferner halten. — Damals schwurst du feierlich in meine Hand, dein Sohn Abdallah sollte der Gatte meiner Tochter werden, ist es noch dein Wille?
Selim. Ich schwur und ich hätte keinen Willen mehr, wenn es nicht mein sehnlichster Wunsch, mein freudenvollster Gedanke wäre.
Abubeker. Mein Kind vermählt sich deinem Sohne.
Selim. Und wenn auch das Unglück uns verfolgt, auch wenn ich tausend Schätze besäße und du wärst eben so elend, wie ich einst war, — sie wird meine Tochter, — nimm dies Versprechen noch einmal vor dieser feierlichen Versammlung.
Abubeker. Eben dies verspreche ich dir, wackrer Selim. — Dein Sohn wird der meinige, — aber wo ist er? Meine Augen haben ihn schon vorher vermißt. Sollte er keinen Theil an diesem großen Schauspiel nehmen?