Abdallah. Noch nie hab' ich mich so einsam in der Natur gefühlt, so einsam unter tausend Schaudern und fremden Gefühlen, so losgespühlt wie ein Sandkorn und an ein fremdes Gestade angeworfen. Dies wunderbare Gefühl der Einsamkeit, Omar, macht mich schaudern.
Omar. Mich begeistert diese Einsamkeit zu hohen Gedanken und Träumen; so in der stillen Nacht umherzugehn, so den Flug der Wolken zu sehn, das einsame wimmernde Plätschern des Ufers zu hören, — o dann ist mir, als stiege ich tief in eine Grube hinab, wo ich nur noch in einer weiten Ferne unvernehmlich ein loses Wehen dieser Welt verstände, dann ist mir oft, als könnt' ich den ewigen Weltgeist durch die Glieder seiner Weltordnung stillschaffend wandeln hören, als könnte mein entkörperter Blick durch das große Gebäude dringen und die hohe Ordnung verstehn. — Ja, Abdallah, eine solche Nacht winkt der Schwärmerei, hier wohnen tausend kühne Gedanken, die vor dem kalten ernsten Tageslicht zurückzittern, hier tritt unsre ungestammte Furcht wieder in ihre Rechte, hier machen uns dieselben Gedanken erblassen, die wir frech im Sonnenschein verlachen; der Spötter sinkt nieder und ruft: Gnade! der Zweifler greift geängstigt nach seinen Zweifeln und dem Weisen verstummt das dumpfe verworrne Getöse der Zeitlichkeit, er vernimmt den Gang der ewigen Naturgesetze, die Kleidung fällt von der Endlichkeit ab und er sieht mit anbetendem Schauder die unendlichen Kräfte durch einander weben und die Räder im ewigen Schwung sich drehen.
Abdallah. Sieh, wie hier verloren ein Glühwurm mit mattem Fluge summt und sich in das feuchte Gras setzt, so einsam und traurig wie die verarmte Wittwe, die im engen Gemach bei der kleinen Lampe weinend betet und sie nicht auslöschen will, um mit dem Strahl nicht auch das Bild eines Freundes zu verlieren. — Ach Omar, dieser kleine Wurm verliert sich so armselig unsern Blicken, das aufkeimende Gras ist ihm ein Wald, unser Auge muß ihn ängstlich wiedersuchen, — und wie verlieren wir uns in diesem mitternächtlichen Gefilde, und diese unbegränzte Flur wird auf der Erde kaum bemerkt. —
Omar. Und wie versinkt diese Erde in der Unermeßlichkeit der Welt? — Abdallah, unser kühnster Schwung fällt lahm von dem Gedanken zurück, — diese Welt, — o vielleicht, daß für Wesen jenseit unsrer Gedanken dieser Mond und diese Sterne nur Feuerwürmer sind, die der Erde wie einem Grashalm einen grünen vorüberscheidenden Lichtstrahl zuwerfen, — und die höchsten Gedankenschwünge dieser Wesen schlagen gewiß noch nicht an die Gränze des Weltalls. Die Unendlichkeit wirbelt sich noch immer höher und höher, Millionen Arme streckt sie durch die ernste Ewigkeit und in jeder Hand hält sie tausend Welten.
Abdallah. Der Gedanke stürzt unter dieser Gewalt zusammen. Wo die Orionen und die Macht der Sterne wie Nebelblasen schwinden, o was bin ich da und dieser Verstand, der diese Wunder fassen will?
Omar. Ja, Abdallah, der Donner kann sich nicht durch die schwachen Saiten der Laute wälzen, sie brechen unter seiner Last. Je eilender wir diesem Gedanken folgen, je weiter flieht er von uns hinweg und um so lauter spottet ein höhnendes Gelächter unsrer Schwachheit.
Abdallah. Eine fremde Hand streckt sich uns entgegen, aber wir verstehen ihr Winken nicht.
Omar. Die Gottheit zieht an die große Kette des Lebens und vom Elephanten bis zum Wurm, den unser Auge kaum bemerkt, zittern alle ihre Glieder, ein Faden, der alle diese Perlen schüttelt. — Du wirst Gewürme gesehen haben, Abdallah, die nur wenige Stunden leben, die sich freuen und ihr armseliges Geschlecht nicht untergehen lassen, — für uns sind sie nur Wesen eines Augenblicks, — auf uns lächeln vielleicht eben so mitleidig andre Geschaffene herab, denen unser Dasein nur ein Athemzug scheint; ihr Leben scheint höhern Wesen nur ein Tropfen Thau's, den der erste Sonnenstrahl aufküßt, und diese verwehen doch nur wie ein Staub in der Ewigkeit.
Abdallah. Das Leben ist nur eine Wasserblase, die sich aus der Fluth emportaucht und im Auftauchen zerspringt.
Omar. Darum sagte jener große Sänger: »Jahrtausende sind vor dir nur wie ein Augenblick.« — Und doch kriechen die nichtigen Gewürme auf der Erde umher und nennen sich dem Ewigen ähnlich, und brüsten sich mit Weisheit und tiefen Forschungen, und verachten den, der nicht ihre Weisheit kennt, — o Abdallah, dies ist ein Anblick, der den Unbefangenen zur Verzweiflung bringen könnte. — Eine alberne Mummerei, wo ein jeder nur darauf sinnt, seine Larve nicht Lügen zu strafen, — wenn wir sie nach Hause begleiten und die Larve abnehmen sehn — so sind sie nichts als Knochen und verächtliche Verwesung. — Ha! sie wollen den Ewigen fassen und sind sich selber unbegreiflich, und brandmarken alles Lüge, und verlachen alles, was in ihren engen Sinn nicht geht.