»Furchtbare Gedanken standen itzt leise in meiner schwarzen Seele auf wie Verbrecher, die die Ketten von sich streifen und sich frech im düstern Kerker erheben. Weisheit war mir der edelste, der einzige Zweck des Menschen, die einzige Krone, die seine Stirn schmücken könnte, ein Zweifel an alle Tugend machte mir diese gepriesene Gottheit verächtlich — und ich wagte endlich vermessen einen Schritt, von dem ich vorher wußte, daß sich hinter mir ein Abgrund reissen würde, um mir den Rückweg ewig unmöglich zu machen.«

Omar hielt ein und mit gespannter Aufmerksamkeit horchte ich auf seine Rede. — Mein Freund fuhr fort:

»Am Ende der Welt, in einem fürchterlichen Schlund, der sich zwischen die Klippen des Atlas wirft, an einer Stelle, wohin noch kein Menschenfuß sich verirrte, wo zwischen ewig einsamen Felsenwänden das Grausen wohnt und kaum ein verirrter Wind mit seinem Fittig gegen die hohen Steinmauern streift, dort, — so sagte eine alte Sage, — wohne seit Jahrtausenden ein furchtbarer Sterblicher, der hier im kalten Haß der Ewigkeit entgegenharre, von Menschen und Engeln losgerissen, ein Wesen, einzig, ohne je ein Leben zu finden, dessen Seele mit der seinigen gleichgestimmt sei. — Greise erzählten mir unter Schaudern, daß er ein höherer Geist gewesen sei, der sich vom Ewigen losgeschworen und in die leere Wüste der Strafe der Allmacht entronnen sei, Mondal, so nannten sie den Schrecklichen und sagten, daß der große Verworfene keine Strafe bedürfe, denn er selber sei seine Verdammniß. Man sprach von den Wundern die er ehedem gethan und denen die Völker in Demuth erzittert wären, von gräßlichen Strafen, mit denen er sich an seinem Feinde gerächt, sein Name war die Loosung zum Schrecken.«

»Ihn wollt' ich aufsuchen und mich an seine fürchterliche Größe drängen, hier die Flammen meines Busens kühlen, oder ein unausbleibliches Verderben finden. — Ich wanderte durch die Wüsten von Afrika, ich ging über die hohen unermeßlichen Gebirge und näherte mich endlich der langerhofften Gegend. Das Gebirge lag fürchterlich aufgethürmt, wie die Mauer der Welt vor mir, die Wolken des Himmels schienen scheu um den Fuß zu flattern und frech hoben sich die Spitzen des Klippengebirges in die unendliche Leere des Äthers, immer höher und höher aufgewälzt und immer furchtbarer und kühner aufgethürmt.«

»Ich bestieg die untersten Gebirge, die sich nur wie Hügel an die unbegränzte Felsenmauer lehnten. Die Erde lag unter mir mit allen ihren Schätzen und Städten ausgebreitet und schien mir Lebewohl zu sagen, das Meer unermeßlich ausgegossen tief unter mir. In tausend Herrlichkeiten winkte mich die Sterblichkeit zurück, sie streckte die Arme liebevoll nach ihrem verlornen Sohne aus und rief mich mütterlich an ihren Busen hin, an dem ich in der Kindheit meines Geistes mit so inniger Liebe gehangen hatte. — Aber ich ging vorwärts und ließ hier meine Menschheit zurück, ich warf alles von mir ab, was der Endlichkeit gehörte, ich riß auf ewig das große Band entzwei, das mich an die Schöpfung hielt, ich setzte den Fuß vorwärts, von diesem Augenblick ganz mein eigen, die Menschheit hinter mir auf ewig zugeschlossen, ich auf ewig in die Unendlichkeit des Meeres hinausgewiesen, von keinem Ufer jemals wieder angewinkt zu werden.«

»Mein Pfad wand sich immer steiler die Felsen hinan, immer unfreundlicher die Natur umher, die Bäume starben aus, die Sträucher, und endlich erlosch auch der letzte Schimmer des grünen Grases unter meinen Füßen. — Itzt lag die Erde und das Meer in eins verschwommen ungewisser wie ein Nebel unter meinem Blicke, wie in einen schwarzen Schleier eingewickelt; so weit mein schwindelnder Blick sich wagte, über mir und unter mir und neben meinem Schritte die unendliche gedankenlose Leere. — Bei jedem Schritte zog sich ein härterer Panzer um meine Brust, keine meiner vormaligen Empfindungen wagte es, mir in den eisernen Aufenthalt zu folgen, nur von nackten Felsen und dem Himmel umgeben hatt' ich schon vergessen, daß ich einst ein Mensch gewesen sei.« —

»Ich kam in Gegenden, die die Natur zuletzt in ihrer Ermüdung geschaffen zu haben schien, kein Leben, kein Moos, das die Felsen hinaufkroch, erinnerte mich an die Welt, die ich verlassen hatte. Hier schien der Tod seine Behausung zu haben, eine Welt schien hier einst untergegangen und dies ihre schauderhaften Ruinen zu sein. Ein kaltes Grauen begleitete mich, immer größere Furchtbarkeiten kamen mir entgegen, alle meine Gefühle gingen nach und nach in meiner Brust unter, und nichts als mein Vorsatz und das Bewußtsein meines Daseins blieb mir übrig.«

»Itzt stand ich auf einer Felsenspitze, die in ein Thal hinabsahe, das rings von kahlen schwarzen Klippen eingeschlossen war, ein Schauder brütete über diesem Schlund, in den sich tausend Höhlen rissen und ein verworrenes Gebäude bildeten, kein Luftzug rauschte durch die Felsenwüste, kein Ton, der ein Leben verrieth, schlich hervor; die gespaltenen Klippen grinßten mir aus dem Abgrund entgegen, die Vernichtung sahe sich hier selbst mit Wohlgefallen an und behorchte sich in der schauderhaften Stille.«

»Dies ist seine Behausung! rief ich unwillkührlich aus und der erste Klang warf sich zerschmettert die gewundenen Klippen hinab, ich selber fuhr erschrocken zurück und der Ton verlor sich winselnd in den fernsten Schlünden.«

»Die letzte Furcht faßte mich zweifelhaft an. — Soll ich hinuntersteigen? fragte ich mich leise. — Noch, noch steht mir der Rückweg offen! Noch darf ich selber über meinen Willen gebieten. — Doch was soll ich in der Welt? — Ein Engel darf, ein Mensch mag ich nicht sein, nur die Hölle bleibt den Unbefriedigten übrig, — ich kann nicht anders, ich würde nichts vom Menschen wieder rückwärts bringen: — und zugleich stieg ich in das fürchterliche Thal hinab.«