Abdallah hatte bis itzt in tiefen Gedanken verloren da gestanden, er hatte kaum Ali's Worte verstanden. Plötzlich brach wieder ein Ton durch die taube stumme Leere seines Innern, eine Tageshelle stand unvermuthet unter den flüchtigen Schatten, er wachte wie aus einem Rausche auf.
Mächte des Himmels! rief er plötzlich in lauter Angst, — was, was hab' ich gethan? Ha! wie bin ich hierhergekommen? — Wer ist es, der aus meinen Busen spricht? das ist nicht das Wesen, das sich einst Abdallah nannte, ein Fremdling hat ihn aus seiner Behausung geworfen und zerstört seine Wohnung, o könnt' ich ihn aus diesem Herzen reissen! — Nein, dies hat vor mir noch kein Mensch empfunden! Diesen Brand im Innern meiner Seele hat noch kein Sterblicher erduldet.
Er stürzte wüthend nieder.
Allmächtiger! rief er. — Was hab' ich gethan? — Vernichte mich, Gräßlicher, damit ich aus diesem Traum erwache! — Nur einen, einen Donner auf mein Haupt, laß ihn zerstörend durch mein Herz rollen und den Blitz durch diese Brust flammen, — wirf mich in die Hölle hinab, nur rette mich von diesem Gefühl, laß die Verdammniß mich nur von dieser Quaal erlösen! — Himmel! wie ein Nachtwandler wache ich plötzlich auf und finde mich in eine Todtengruft verirrt. — Reißt mit glühenden Ketten, mit Feuerhaken diesen angeklammerten Drachen aus meinem Busen, der wüthend mit scharfem Zahn in mein Eingeweide beißt! — Beschützt mich Geister der Hölle und schlagt diese Erinnerungen zurück, die zu mir hinanspringen! — O Ali, Ali, — ruf deine Henker und laß mich vernichten, wenn noch ein einziges Menschengefühl unter den vermoderten Ruinen liegt, — findest du nur noch eins, das letzte, o so laß mich sterben. —
Ali sahe kalt auf ihn herab. — Du sollst leben, sagte er.
Abdallah. Leben? — Ha! du geizest mit dem Tode! Selim soll sterben, ich bin dieser Wohlthat nicht werth. O wenn du nur noch einen Klang von der zerrissenen Harmonie in dir spürst, wenn meine Quaal dir denkbar ist, — o so laß ihn nicht sterben, gönne dir selber diesen ersten großen Sieg, versuch es nur diesmal, nur dies einzigemal, — und wenn dich dein Gefühl nicht belohnt, o dann, dann freue dich der Todeszuckungen.
Ali. Selim muß sterben. —
Abdallah. Sterben? — O wie kalt du dies eine Wort aussprichst, an das sich meine ganze Seligkeit gehängt hat. — Sterben? — Fühlst du, was ich in diesem einzigen Wort verliere? — mehr, als mir tausend Kronen ersetzen können, mehr als diese Erde werth ist. — O Ali, denke den großen Gedanken, durch einen Hauch deines Mundes kannst du dich zu meinem Gott emporschwingen, der mir mit freigebiger Güte den Himmel schenkt, der großmüthig mich aus der Hölle nimmt und sie verschließt, — o Ali, sterben kann mein Vater durch den Dolch eines jeden Sklaven, — aber dann steht die ganze Schöpfung da und kann den Hauch des Lebens nicht wieder fesseln, der flüchtig den Körper verließ, — nur die Allmacht kann zu ihm wieder sagen: lebe! O Ali, du darfst itzt des Allmächtigen Stelle vertreten, das Leben liegt im Winke deiner Hand; sei großmüthig, sei menschlich. —
Ali. Er muß sterben. —
Abdallah. Nein, laß ihn den Wink des Ewigen erwarten. — Du findest ihn dort einst wieder: laß ihn dir als Freund entgegengehn. Wünsch' es, daß du den heutigen Tag einst im Buch deiner Tugenden aufgezeichnet findest.