Selim. Nein, — du verachtest die Menschheit, du verkennst ihren Werth, Menschen gelten dir weniger als Pflanzen, durch Schätze kannst du sie nur belohnen, durch Hinrichtung nur bestrafen; du hast keine Ahndung von dem Gefühl, das den Menschen zum Menschen erhebt, — und darum bemitleid' ich dich, darum verzeih' ich dir.

Ali. Verworfner? du verzeihst mir? — Welcher Stolz spricht aus diesem Sklaven? — Führt ihn hinweg!

Die Leibwache wollte ihn wegführen, als Selim sich noch einmal zu Ali wandte: —

Und was gewinnst du mit meinem Tode? — sprach er mit fester Stimme, wird dein Zittern enden mit diesem Schlag? — Wirst du weniger beim Schall des Windes und vor deinem Schatten zurückschrecken? — Die Tyrannen tragen ihre Strafe in ihrem eigenen Busen. — Dein Volk haßt dich und du weißt es, die Welt verachtet dich und du verachtest dich selbst. — Hartnäckig ringst du mit dir, dich aus dieser Selbstverachtung, aus dieser Seelenträgheit herauszureissen, — aber du vermagst es nicht. — Ich sterbe und du lebst, — aber beim Allmächtigen! ich möchte dein Schicksal nicht mit dem meinigen vertauschen! — Schon daß ich dich im Tode verliere, ist ein Gewinn, ein Leben, über das du in jeder Stunde gebieten kannst, ist kein Gut für mich, ein Glück, das von dir abhängt, kann kein Glück sein. — Und welches Leben, welches Glück bleibt dir zurück? o sieh in die Zukunft hinaus und erzittre vor der nimmerendenden freudenleeren Wüste. — Ohne lieben zu können und ungeliebt, verachtet und verachtend gehst du jeder Stunde entgegen. Eine ewige Langeweile, von keiner Freude vertilgt, ein ewiger Durst, der nie eine löschende Quelle findet. — Deine Brust ist hohl, du schämst dich ein Mensch zu sein, du kennst keine Seligkeiten, treulos haben sie dich alle verlassen. — So lebst du — und stirbst endlich, ohne gelebt zu haben. Du hoffst stündlich Freuden und vertraust dich unbefriedigt jedem neuen Tage, der letzte sinkt unter, — du bist nicht mehr und glaubst auch nicht gewesen zu sein, — Und darum, weil ich dich bemitleide, verzeih' ich dir!

Ali stand nachdenkend. — Noch dräut der Mordstahl in deiner Hand, fuhr Selim fort, noch erzittert alles rund umher vor deinem Machtspruch, — aber eine freudige Aussicht thut sich mir auf. — Unaufhaltsam bricht der Wogensturm heran, unaufhaltsam rauscht es immer näher, armselig wird deine Schreckensstimme in dem Brüllen der Orkane verwehen, dann, — o sie kann nicht fern sein, diese Zeit, — dann fühlt die Menschheit ihre große Kraft und fühlt zugleich ihre Ketten, sie zerspringen mit einem furchtbaren Klang und du zitterst! — Dann löscht kein Mord die hellen Flammen aus, dann gehn deine Geschlechter unter und die Menschheit fordert ihre ewigen Rechte zurück; — ich kann ruhig sterben, denn diese Zukunft lacht mir entgegen.

Selim wandte sich hinweg, um den Saal zu verlassen, Abdallah eilte hervor und stürzte vor seinem Vater nieder. —

Du hier? fragte Selim freundlich; glücklich, daß ich dich gefunden habe, mein Herz suchte dich schon auf dem Wege, aber doch wird mir der Abschied von dir diese Reise erschweren. —

Du gehst um zu sterben, Vater? sagte Abdallah mit dumpfer Stimme. Er klammerte sich schmerzhaft um seine Kniee, alle seine Pulse schlugen gewaltsam, seine Brust röchelte, sein Auge starrte brennend zum Vater hinauf.

Stehe auf, mein Sohn, sagte Selim, komm in die Arme deines Vaters. — Er umarmte ihn. — Mit diesem Kusse fuhr er fort, nehme ich den Fluch wieder von dir, den ich voreilig über dich ausgesprochen habe, wenn ich dir fluche, welche Seligkeit lasse ich dann auf dieser Welt zurück? — Nein, Abdallah, aller Segen des Himmels komme auf dein Haupt herab. — O vergieb dem Vater, der vom Zorne übereilt ward, vergieb ihm, geliebter Sohn! —

Vater! Vater! schrie Abdallah laut, — dein Segen brennt glühend auf meinem Haupte, gieb mir meinen Fluch zurück, er machte mich glücklich. Fluche mir, Vater, fluche mir dreifach, wenn du mich nicht ganz elend machen willst. —