Immer der Alte! sagte Lothar, du pflegst immer die Gespräche da zu stören, wo sie erst recht zu Gesprächen werden wollen; ich war begierig, wohin diese seltsamen Vorstellungen wohl führen, und wie diese Gedankenreihe oder dieser Empfindungsgang endigen möchte.

Wie? sagte Theodor, das kann ich dir aufs Haar sagen: sieh, Bruderseele, stehn wir erst an der Ewigkeit und solchen Gedanken oder Worten, die sich gleichsam ins Unendliche dehnen, so kömmt es mir vor wie ein Ablösen der Schildwachen, daß nun bald eine neue Figur auf derselben Stelle auf und ab spazieren soll. Ich wette, nach zweien Sekunden hätten sie sich angesehn, kein Wort weiter zu sagen gewußt, das Glas genommen, getrunken und sich den Mund abgewischt. „Weiter bringt es kein Mensch, stell’ er sich auch wie er will.“ — O das ist das Erquickliche für unser einen, daß das Größte wieder so an das Kleinste gränzen muß, daß wir denn doch Alle Menschen, oder gar arme Sünder sind, jeder, nachdem sein Genius ihn lenkt.

Du scheust nur, sagte Anton, die liebliche Stille, das Säuseln des Geistes, welches in der Mitte der innigsten und höchsten Gedanken wohnt und dessen heilige Stummheit dem unverständlich ist, der noch nie an den Ohren ist beschnitten worden.

Ohren, antwortete Theodor, klingt im Deutschen immer gemein, Gehörwerkzeuge affektirt, Hörvermögen philosophisch, und die Hörer oder die Hörenden ist nicht gebräuchlich, kurzum, man kann sie selten nennen, ohne anstößig zu sein. Der Spanier vermeidet auch gern, so schlecht hin Ohren zu sagen. Am besten braucht man wohl Gehör, wo es paßt, oder das Ohr einzeln, wodurch sie beide gleich edler werden.

Dein Tabackrauchen hat aber das vorige Gespräch erstickt, sagte Lothar; freilich ist es die unkünstlerischste aller Beschäftigungen und der Genuß, der sich am wenigsten poetisch erheben läßt.

Mir ist es über die Gebühr zuwider, sagte Theodor, und darum betrachtete ich euch schon alle gestern Abend darauf, denn es giebt einen eignen Pfeifenzug im Winkel des Mundes und unter dem Auge, der sich an einem starken Raucher unmöglich verkennen läßt; deshalb war ich schon gestern über eure Physiognomien beruhigt. Mir scheint die neuste schlimmste Zeit erst mit der Verbreitung dieses Krautes entstanden zu sein, und ich kann selbst auf den gepriesenen Compaß böse sein, der uns nach Amerika führte, um dies Unkraut mit manchen andern Leiden zu uns herüber zu holen.

Wie einige Züge im Gesicht durch die Pfeife entstehn, sagte Lothar, so werden die feinsten des Witzes und gutmüthigen Spottes, so wie die Grazie der Lippen durchaus durch die oft angelegte Pfeife vernichtet.

Ich ließe noch die kalte Pfeife gelten, sagte Ernst, so hielt sich einer meiner Freunde eine von Thon, um sie in der gemüthlichsten Stimmung zuweilen in den Mund zu nehmen, und dann recht nach seiner Laune zu sprechen; aber der böse, beizende, übel riechende Rauch macht das Ding fatal. Ich lernte einmal einen Mann kennen, der mir sehr interessant war, und der sich auch in meiner Gesellschaft zu gefallen schien; wir sprachen viel mit einander, endlich, um uns recht genießen zu können, zog er mich in sein Zimmer, ließ sich aber beigehn, zu größerer Vertraulichkeit seine Pfeife anzuzünden, und von diesem Augenblick konnte ich weder recht hören und begreifen, was er vortrug, noch weniger aber war ich im Stande, eine eigne Meinung zu haben, oder nur etwas anders als Flüche auf den Rauch in meinem Herzen zu denken, — „nicht laute, aber tiefe“ — wie Macbeth sagt.

Lothar lachte: mit einem trostlosen Liebhaber, fuhr er fort, ist es mir einmal noch schlimmer ergangen, er hatte mich hingerissen und gerührt; bei einer kleinen Ruhestelle der Klage suchte er seine Pfeife, Schwamm und Stein, schlug mit Virtuosität schnell Feuer, und versicherte mich nachher in abgebrochenen rauchenden Pausen seiner Verzweiflung. Ich mußte lachen, und nur zum Glück daß mich der Rauch in ein starkes Husten brachte, sonst hätt’ ich dem guten Menschen als ein unnatürlicher Barbar erscheinen müssen.

Es läßt sich wohl, sagte Theodor, alles mit Grazie thun, ich kenne wenigstens einen großen Philosophen, dem in seiner Liebenswürdigkeit auch dies edel steht. Mit dem Caffee wird nach der Mahlzeit eine lange Pfeife gebracht, die der Bediente anzündet, es geschehn ruhig und ohne alle Leidenschaft einige Züge, und eh man noch die Unbequemlichkeit bemerkt, ist die Sache schon wieder beschlossen. Aber schrecklich sind freilich die kurzen, am Munde schwebenden Instrumente, die jede Bewegung mit machen müssen und sich jeder Thätigkeit fügen, die den ganzen Tag die Lippen pressen und selbst die Sprache verändern.