Die Sonne warf ihre letzten milden Strahlen auf die grüne Erde, und Eckart setzte sich nachdenkend nieder, an einem Baumstamm gelehnt, er beschaute den Conrad lange Zeit und sagte dann: wenn du gehen willst, mein Sohn, so gehe jezt, bevor die Nacht vollends herein bricht; die Fenster in der herzoglichen Burg glänzen schon von Lichtern, ich vernehme aus der Ferne Trompetentöne vom Feste, vielleicht ist die Gemalin seines Sohnes schon angelangt und sein Gemüth freundlicher gegen uns.
Ungern ließ er den Sohn von sich, weil er seinem Glücke nicht mehr traute; der junge Conrad aber war um so muthiger, weil es ihm ein leichtes dünkte, das Gemüth des Herzoges umzuwenden, der noch vor weniger Zeit so freundlich mit ihm gespielt hatte. Kommst du mir gewiß zurück, mein liebstes Kind? klagte der Alte, wenn du mir verloren gehst, ist keiner mehr von meinem Stamme übrig. Der Knabe tröstete ihn, und schmeichelte mit Liebkosungen dem Greise; sie trennten sich endlich.
Conrad klopfte an die Pforte der Burg und ward eingelassen, der alte Eckart blieb draußen in der Nacht allein. Auch diesen habe ich verloren, klagte er in der Einsamkeit, ich werde sein Angesicht nicht wieder sehn. Indem er so jammerte, wankte an einem Stabe ein Greis daher, der die Felsen hinab steigen wollte, und bei jedem Schritte zu fürchten schien, daß er in den Abgrund stürzen möchte. Wie Eckart die Gebrechlichkeit des Alten wahrnahm, reichte er ihm die Hand, daß er sicher herunter steigen möchte. Woher des Weges? fragte ihn Eckart.
Der Alte setzte sich nieder und fing an zu weinen, daß ihm die hellen Thränen die Wangen hinunter liefen. Eckart wollte ihn mit gelinden und vernünftigen Worten trösten, aber der sehr bekümmerte Greis schien auf seine wohlgemeinten Reden nicht zu achten, sondern sich seinen Schmerzen noch ungemäßigter zu ergeben. Welcher Gram kann euch denn so gar sehr niederbeugen, fragte er endlich, daß ihr gänzlich davon überwältigt seid?
Ach meine Kinder! klagte der Alte. Da dachte Eckart an Conrad, Heinz und Dietrich, und war selbst alles Trostes verlustig; ja, wenn eure Kinder gestorben sind, sprach er, dann ist euer Elend warlich sehr groß.
Schlimmer als gestorben, versetzte hierauf der Alte mit seiner jammernden Stimme, denn sie sind nicht todt, aber ewig für mich verloren. O wollte der Himmel, daß sie nur gestorben wären!
Der Held erschrak über diese seltsamen Worte, und bat den Greis, ihm dieses Räthsel aufzulösen, worauf jener sagte: Wir leben warlich in einer wunderbarlichen Zeit, die wohl die letzten Tage bald herbei führen wird, denn die erschrecklichsten Zeichen fallen dräuend in die Welt herein. Alles Unheil macht sich von den alten Ketten los, und streift nun frank und frei herum; die Furcht Gottes versiegt und verrinnt, und findet kein Strombett, in das sie sich sammeln möchte, und die bösen Kräfte stehn kecklich in ihren Winkeln auf, und feiern ihren Triumph. O mein lieber Herr, wir sind alt geworden, aber für dergleichen Wundergeschichten noch nicht alt genug. Ihr werdet ohne Zweifel den Cometen gesehen haben, dieses wunderbare Himmelslicht, das so prophetisch hernieder scheint; alle Welt weissagt Uebles, und keiner denkt daran, mit sich selbst die Besserung anzufahn und so die Ruthe abzuwenden. Dies ist nicht genug, sondern aus der Erde thun sich Wunderwerke hervor und brechen geheimnißvoll von unten herauf, wie das Licht schrecklich von oben herniederscheint. Habt ihr niemals von dem Berge gehört, den die Leute nur den Berg der Venus nennen?
Niemalen, sagte Eckart, so weit ich auch herum gekommen bin.
Darüber muß ich mich verwundern, sagte der Alte, denn die Sache ist jezt eben so bekannt, als sie wahrhaftig ist. In diesen Berg haben sich die Teufel hinein geflüchtet, und sich in den wüsten Mittelpunkt der Erde gerettet, als das aufwachsende heilige Christenthum den heidnischen Götzendienst stürzte. Hier, sagt man nun, solle vor allen Frau Venus Hof halten, und alle ihre höllischen Heerschaaren der weltlichen Lüste und verbotenen Wünsche um sich versammeln, so daß das Gebirge auch verflucht seit undenklichen Zeiten gelegen hat.
Doch nach welcher Gegend liegt der Berg? fragte Eckart.