O, ihr! — sagte Wilibald, wärt ihr nur nicht sonst so gute Menschen, so sollte euch ein Verständiger wohl so abschildern können, daß ihr vielleicht in euch ginget, und ordentlicher und besser würdet. Dieser Friedrich, der immer in irgend einen Himmel verzückt ist, und den Tag für verloren hält, an welchem er nicht eine seiner verwirrten Begeisterungen erlebt hat, wie könnte er sein Talent und seine Kenntnisse brauchen, um etwas Edles hervor zu bringen, wenn er sich nicht so unbedingt diesem schwelgenden Müssiggange ergäbe. Auch erschrickt er alle Augenblicke selbst in seinem bösen Gewissen, wenn er von diesem oder jenem thätigen Freunde hört, wenn er ihre Fortschritte gewahr wird. Will man nun recht von Herzen mit ihm zanken, so wirft er sich in seine vornehme hyperpoetische Stimmung, und beweist euch von oben herab, daß ihr andern die Taugenichtse seid, er aber bleibt der Weise und Thätige. Man soll seinem Freunde nichts Böses wünschen, aber so wie er sich nun, weiß Gott wegen welches raren Geheimnisses mit dem Manfred eingeschlossen hat, so wäre es mir doch vielleicht nicht ganz unlieb, wenn dieser die Gelegenheit der Einsamkeit benutzte, um ihm auf prosaische Weise etwas der überflüssigen Poesie auszuklopfen.

Sacht! sacht! rief Theodor, woher diese Neronische Gesinnung? Ergieb dich der Billigkeit, Freund, oder du sollst so mit albernen Späßen und Wortspielen, welche dir verhaßt sind, gegeißelt werden, daß du den Werth der Humanität einsehn lernst. Nun schau auf, geht drüben nicht unser Anton einsam, sanft und stille, sein Gemüth und die schöne Natur betrachtend? Wie unrecht haben wir ihm so eben gethan.

Dieses mal, antwortete Wilibald, und wissen wir doch nicht, ob ihn die Weiber nicht so eben verlassen haben, denen er mit seinem sanften, lieben, zuvorkommenden Naturell stets nachschleicht, die ihm gern entgegen kommen, weil sie ihm anfühlen, daß er auch das Schwächste und Verwerflichste in ihnen ehrt und vertheidigt; denn nicht in ein Individuum, sondern in das ganze Geschlecht ist er verliebt: macht er hier nicht Claren, ihrer Mutter, der jungen Frau und Augusten emsig den Hof? die übrigen lächeln ihn auch stets an, nur sollte er es doch fühlen, daß er der letztern zur Last fällt und sie in Ruhe lassen. Alle andere Menschen ändern sich doch von Zeit zu Zeit und legen ihre Albernheiten ab, ihn aber kannst du nach Jahren wieder antreffen, und er trägt dir noch dieselben Kindereien und Meinungen mit seiner ruhigen Salbung entgegen, ja, wenn man ihn erinnert, daß er vor geraumer Zeit die und jene Angewöhnung gehabt, oder jene Sinnesart geäußert, so dankt er dir so herzlich, als wenn du ihm einen verlornen Schatz wieder fändest, und sucht beides von neuem hervor, im Fall er es vergessen haben sollte.

Dann muß dir aber doch der wandelbare und empfängliche Lothar ganz nach Wunsche sein, erwiederte Theodor.

Noch weniger als Anton, fuhr Wilibald in seiner Kritik fort, denn eben seine zu große Empfänglichkeit hindert ihn, sich und andre zu der Ruhe kommen zu lassen, die durchaus unentbehrlich ist, wenn aus Bildung oder Geselligkeit irgend etwas werden soll. Er kann weder in einer guten noch schlechten Gesellschaft sein, daß ihn nicht die Lust anwandelt, Comödie zu spielen, ex tempore oder nach memorirten Rollen; es scheint fast, daß ihm in seiner eigenen Haut so unbehaglich ist, daß er lieber die eines jeden andern Narren über zieht, um seiner selbst nur los zu werden. Die heilige Stelle in der Welt, sein Tempel, ist das Theater, und selbst jedes schlechte Subjekt, das nur einmal die Bretter öffentlich betreten hat, ist ihm mit einer gewissen Glorie umgeben. Gestern den ganzen Abend unterhielt er uns mit seiner ehemaligen Bekehrungssucht und Proselytenmacherei, wie er jeden armen Sünder zum Shakspear wenden und ihn von dessen Herrlichkeit hatte durchdringen wollen; er erzählte so launig, wie und auf welchen Wegen er nach so manchen komischen Verirrungen von dieser Schwachheit zurück gekommen sei, und, siehe, noch in derselben Stunde nahm er den alten Landjunker von drüben in die Beichte und suchte ihm das Verständniß für den Hamlet aufzuschließen, der nur immer wieder darauf zurück kam, daß man beim Aufführen die Todtengräber-Scene nicht auslassen dürfe, weil sie die beste im ganzen Stücke sei. Mir scheint es eine wahre Krankheit, sich in einen Autor, habe er Namen wie er wolle, so durchaus zu vertiefen, und ich glaube, daß durch das zu starre Hinschauen das Auge am Ende eben so geblendet werde, wie durch ein irres Herumfahren von einem Gegenstande zum andern. Selbst bei Weibern, die Schmeicheleien von ihm erwarten, bricht er in Lobpreisungen des Lear und Macbeth aus, und die einfältigste kann ihm liebenswürdig und klug erscheinen, wenn sie nur Geduld genug hat, ihm stundenlang zuzuhören.

Gegen unsern Ernst kannst du wohl schwerlich dergleichen einwenden? fragte Theodor.

Er ist mir vielleicht der verdrießlichste von allen, fiel Wilibald ein; er, der alles besser weiß, besser würde gemacht haben, der schon seit Jahren gesehn hat, wohin alles kommen wird, der selten jemand aussprechen läßt, ihn zu verstehn sich aber niemals die Mühe giebt, weil er schon im voraus überzeugt ist, er müsse erst hinzufügen, was in der fremden Meinung etwa Sinn haben könne. Er ist der thätigste und zugleich der trägste aller Menschen: bald ist er auf dieser, bald auf jener Reise, weil er alles mit eigenen Augen sehen will, alles will er lernen, keine Bibliothek ist ihm vollständig genug, kein Ort so entfernt, von dem er nicht Bücher verschriebe; bald ist es Geschichte, bald Poesie oder Kunst, bald Physik, oder gar Mystik, was er studirt; er lächelt nur, wenn andre sprechen, als wollt’ er sagen: laßt mich nur gewähren, laßt mich nur zur Rede kommen, so sollt ihr Wunder hören! Und wenn man nun wartet, und Jahre lang wartet, ihn dann endlich auffordert, daß er sein Licht leuchten lasse, so muß er wieder dieses Werk nachlesen, jene Reise erst machen, so fehlt es gerade am Allernothwendigsten, und so vertröstet er sich selbst und andre auf eine nimmer erscheinende Zukunft. Die übrigen ärgern mich nur, er aber macht mich böse; denn das ist das verdrüßlichste am Menschen, wenn er vor lauter Gründlichkeit auch nicht einmal an die Oberfläche der Dinge gelangen kann: es ist die Gründlichkeit der Danaiden, die auch immer hofften, der nächste Guß würde nun der rechte und letzte sein, und nicht gewahr wurden, daß es eben an Boden mangle.

Wollt ihr mir nun nicht auch von mir „ein liebes kräftig Wörtchen sagen?“ neckte ihn Theodor.

An dir, sagte Wilibald, ist auch das verloren, denn so wie du mit jeder Feder eine andere Hand schreibst, klein, groß, ängstlich oder flüchtig, so bist du auch nur der Anhang eines jeden, mit dem du lebst; seine Leidenschaften, Liebhabereien, Kenntnisse, Zeitverderb, hast und treibst du mit ihm, und nur dein Leichtsinn ist es, welcher alles, auch das widersprechendste, in dir verbindet. Du bist hauptsächlich die Ursach, daß wir, so oft wir noch beisammen gewesen sind, zu keinem zweckmäßigen Leben haben kommen können, weil du dir nur in Unordnung und leerem Hinträumen wohlgefällst. Heute sind wir einmal recht vergnügt gewesen! pflegst du am Abend zu sagen, wenn du die übrigen verleitest hast, recht viel dummes Zeug zu schwatzen; bei einer Albernheit geht dir das Herz auf, — doch ich verschwende nur meinen Athem, denn ich sehe du lachst auch hierüber.

Allerdings, rief Theodor im frohesten Muthe aus, o mein zorniger, mißmuthiger Camerad! du Ordentlicher, Bedächtlicher, der die ganze Welt nach seiner Taschenuhr stellen möchte, du, der in jede Gesellschaft eine Stunde zu früh kommt, um ja nicht eine halbe Viertelstunde zu spät anzulangen, du, der du wohl ins Theater gegangen bist, bevor die Casse noch eröffnet war, der auch dann im ledigen Hause beim schönsten Wetter sitzen bleibt, um sich nur den besten Platz auszusuchen, mit dem er nachher im Verlauf des Stückes doch wieder unzufrieden wird. Ich habe es ja erlebt, daß du zu einem Balle fuhrst, und mich und meine Gesellschaft so über die Gebühr triebst, daß wir anlangten, als die Bedienten noch den Tanzsaal ausstäubten und kein einziges Licht angezündet war. Diese deine Ordnung willst du in jede Gesellschaft einführen, um nur alles eine Stunde früher als gewöhnlich zu thun, und gäbe man dir selbst diese Stunde nach, so würdest du wieder eine Stunde zuverlangen, so daß man, um mit dir ordentlich zu leben, immer im Zirkel um die vier und zwanzig Stunden des Tages mit Frühstück, Mittag- und Abendessen herum fahren müßte. Weil gestern die Gesellschaft noch nicht versammelt war, als die Suppe auf dem Tische stand, und jeder nach seiner Gelegenheit etwas später kam, darüber bist du noch heut verstimmt, du Heimtückischer, Nachtragender! noch mehr aber darüber, daß wir aus Scherz die geheime Abrede trafen, dich durchaus von Augustens Seite wegzuschieben, zu der du dich mit öffentlichem Geheimniß so geflissentlich drängst, und meinst, wir alle haben keine Augen und Sinne, um deine feurigen Augen und wohlgesetzten verliebten Redensarten wahrzunehmen. Sieh, Freund, man kennt dich auch, und weiß auch deine empfindliche Seite zu treffen.