Ist es nicht ein reizender Aufenthalt? fragte Wilibald, indem er mit Theodor in den Gängen des anmuthigen Gartens auf und nieder schritt.

Manfred ist sehr glücklich, antwortete Theodor; aber wo ist unsre Gesellschaft?

Ernst und Lothar sind ausgeritten, erwiederte jener, um einen alten Thurm und Mauerwerk in der Nähe zu betrachten, Friedrich und Manfred haben sich eingeschlossen, und rathschlagen, so scheint es, über Herzensangelegenheit, und Anton, dünkt mich, wandelte vor kurzem noch in empfindsamen Gesprächen mit Rosalien, der jungen Frau, und Manfreds Schwester, Augusten. Ich fürchte, das Ende vom Liede ist, daß wir uns hier alle verlieben.

Und warum nicht? sagte Theodor. Ich sehe wenigstens kein Unglück darin. Im Gegentheil finde ich es natürlich und schicklich, daß in jeder gemischten Gesellschaft, in welcher sich junge Männer und anmuthige Frauen und reizende Mädchen befinden, kleine Romane gespielt werden, dies eben erweckt den Witz und belebt und schafft den feinern Geist der Unterhaltung; auch kleine Eifersucht kann nicht schaden und artige Verläumdung, samt allen Künsten eines edlen Spiels und jener Laune, die den Weibern angeboren scheint und wodurch sie die Männer so unwiderstehlich fesseln. Dadurch können verlebte Tage von solchem poetischen Glanz bestrahlt werden, daß wir das ganze Leben hindurch mit Freuden an sie denken, da sie uns außerdem ziemlich trivial und langweilig verflossen wären.

Es kann aber mit Anton bei seiner Reizbarkeit Ernst werden, wandte Wilibald schüchtern ein; nicht jeder hat die Geschicklichkeit, behutsam genug mit der Flamme zu spielen.

Dafür laß du ihn sorgen, sagte Theodor; oder sollte etwa schon die Eifersucht aus dir sprechen, mein Theurer? O ja, warlich, deine grämliche Miene und dein suchender umschauender Blick sagen mir nichts geringeres. Nun, wer ist denn deine Schöne? Clara? oder die junge anmuthige Gattin? oder Manfreds Schwester, Auguste? oder die liebenswürdige Schwiegermutter, die ihr alle lieber Emilie nennt, und die auch freundlich diesem Taufnamen entgegen horcht? oder liebst du sie gar alle?

Du bleibst ein Thor, fuhr Wilibald halb lachend auf, und ihr alle seid so seltsame liebe und unausstehliche Menschen, daß man eben so wenig ohne euch, als mit euch leben kann. In der Ferne sehn’ ich mich nach euch allen und bin ungemuth, und in der Nähe ärgre ich mich über alle eure mannichfaltigen Thorheiten.

Nun, fragte Theodor, was hast du denn Großes an uns auszusetzen?

Du solltest mich nicht zu solchen Klageliedern auffordern, antwortete Wilibald: daß ihr alle immer nur so sehr vernünftig und geistreich seid, wo es nicht hin gehört, und niemals da, wo ihr Vernunft zeigen müßtet! da ist der Manfred, der sich für einen Heros der Männlichkeit hält, welcher meint, sich und seine Empfindungen so ganz in der Gewalt zu haben, und sich heraus nimmt, jeden zu verachten, den irgend ein Kummer quält, und der doch selbst ohne alle Veranlassung so unerträglich melankolisch sein kann, daß er über die ganze Welt die Schultern zuckt, weil sie eben schwach genug ist, nur zu existiren; so sitzt er in dieser Stimmung Tagelang im Winkel und findet jeden Scherz geistlos und jedes Gespräch albern, sein Blick und kümmerliches Gesicht schlagen aber auch jede Freude und Heiterkeit aus seiner Gesellschaft zurück; er ist zu träge, spazieren zu gehn, oder irgend etwas zu treiben: aber nun fällt ihn die Laune an, nun soll jedermann lustig sein, nun findet er es unbegreiflich, wenn irgend jemand nicht an seinen schwärmenden Phantasien Theil nimmt, nun ist jeder ein Philister, der nicht zum Zeitvertreib halb mit dem Kopf gegen die Felsen rennt, nun muß man mit ihm durch Garten und Gebirge laufen, fallen und klettern; oder er zwingt alles Musik zu machen und zu singen; oder, was das Schlimmste ist, er liest vor, und verlangt, jedermann soll an irgend einer Schnurre, oder einem alten vergessenen Buche denselben krampfhaften Antheil nehmen, zu welchem er sich spornt. So geschah es gestern, als er plötzlich den Philander von Sittewald herbei holte, ewig lange las, und sich verwunderte, daß wir nicht alle mit demselben Heißhunger darüber herfielen, wie er, der das Buch in Jahren vielleicht nicht angesehen hat; und so bringt er wohl morgen den Fischart, oder Hans Sachs. Wobei er sich auch nicht einreden läßt, sondern auf seine Lebenszeit hat er sich verwöhnt, daß alle Menschen ihm nur eben als Werkzeuge dienen, an welchen sich seine schnell wandelnde Laune offenbart. Nur ein solcher Engel von Frau kann mit ihm fertig werden, und mit ihm glücklich sein.

Fahre fort, sagte Theodor; und Friedrich, der sich mit ihm eingeschlossen hat.