Mein Freund, sagte Friedrich, ich habe lange geduldet, gefühlt und geprüft, und mich gereut, daß ich nicht schon früher gethan habe, was du übereilt nennen würdest. Sind wir ganz von einem Gefühl durchdrungen, so handeln wir am stärksten und konsequentesten, wenn wir ohne Reflexion diesem folgen. Doch, laß uns jezt davon abbrechen.
Ich mißverstehe dich wohl nur, sagte Anton, weil du mir nicht genug vertraut hast.
Auch dazu werden sich die Stunden finden, antwortete Friedrich. In der Entfernung hatte ich mir vorgesetzt, dir alles zu sagen, und nun du zugegen bist, stammelt meine Zunge, und jedes Bekenntniß zittert zurück. Ihre Gestalt und Holdseligkeit tönt wie auf einer Harfe ewig in meinem Herzen, und jede säuselnde Luft weckt neue Klänge auf; ich liebe dich und meine Freunde inniger als sonst, aber ohne Worte fühl’ ich mich in eurer Brust, und jezt wenigstens schiene mir jedes Wort ein Verrath.
Träume nur deinen schönen Traum zu Ende, sagte Anton, berausche dich in deinem Glück, du gehörst jezt nicht der Erde; nachher finden wir uns wieder alle beisammen, denn irgend einmal muß der arme Mensch doch erwachen und nüchtern werden.
Nein, mein lieber zagender Freund, rief Friedrich plötzlich begeistert aus, laß dich nicht von dieser anscheinenden Weisheit beschwatzen, denn sie ist die Verzweiflung selbst! Kann die Liebe sterben, dies Gefühl, das bis in die fernsten Tiefen meines Wesens blitzt, und die dunkelsten Kammern und alle Wunderschätze meines Herzens beleuchtet? Nicht die Schönheit meiner Geliebten ist es ja allein, die mich beglückt, nicht ihre Holdseligkeit allein, sondern vorzüglich ihre Liebe; und diese meine Liebe, die ihr entgegen geht, ist mein heiligster, unsterblichster Wille, ja meine Seele selbst, die sich in diesem Gefühl losringt von der verdunkelnden Materie; in dieser Liebe seh’ ich und fühl’ ich Glauben und Unsterblichkeit, ja den Unnennbaren selbst inmitten meines Wesens und alle Wunder seiner Offenbarung. Die Schönheit kann schwinden, sie geht uns nur voran, wo wir sie wieder treffen, der Glaube bleibt uns. O, mein Bruder, gestorben, wie man sagt, sind längst Isalde und Sygune, ja, du lächelst über mich, denn sie haben wohl nie gelebt, aber das Menschengeschlecht lebt fort, und jeder Frühling und jede Liebe zündet von neuem das himmlische Feuer, und darum werden die heiligsten Thränen in allen Zeiten dem Schönsten nachgesandt, das sich nur scheinbar uns entzogen hat, und aus Kinderaugen, von Jungfraunlippen, aus Blumen und Quellen uns immer wieder mit geheimnißvollem Erinnern anblitzt und anlächelt, und darum sind auch jene Dichtergebilde belebt und unsterblich. An dieser heiligen Stätte habe ich mich selbst gefunden, und ich müßte mir selbst verloren gehn, ich müßte vernichtet werden können, wenn diese Entzückung in irgend einer Zeit ersterben könnte.
Seinem Freunde traten die Thränen in die Augen, weil ihn die Krankheit weicher gemacht hatte, und er ohnedies schon reizbar war; er umarmte den Begeisterten schweigend, als beide die Landstraße einen offenen Wagen mit vier geschmückten hüpfenden Pferden herunter kommen sahn, von einem mit Bändern und Federbüschen aufgeputzten Kutscher geführt: in wunderlicher bunter Tracht folgte ein Reiter dem Wagen, und die Sprechenden nebst den andern drei Freunden gingen vor das Thor des Gasthofes hinaus, um das sonderbare Schauspiel näher in Augenschein zu nehmen. Ists möglich? rief plötzlich Theodor aus, er selbst, Manfred ist es! und eilte den brausenden Pferden entgegen. Diese standen, auf den Ruf ihres Führers, er sprang vom Sitz, indem er die Leinen vorsichtig in der Hand behielt, und umarmte Theodor und die übrigen Freunde nach der Reihe. Er war freudig überrascht, auch Ernst zu finden, den er so wenig wie Theodor hatte erwarten können. Ich komme, euch abzuholen; so steigt nur gleich ein! rief er in zerstreuter Freude aus.
Der Reiter war indeß abgestiegen und Anton erkannte ihn zuerst: Wie? der verständige Wilibald läßt sich auch zu solchen bunten Mummereien gebrauchen? rief er verwundert aus.
Muß man nicht, erwiederte dieser, mit den Thörigten thörigt sein? Wir wollten euch recht glänzend abholen, und euch zu Ehren seh ich fast so wie der Lustigmacher bei herumziehenden Comödianten aus.
Alle betrachteten und umarmten ihn, lachten, und stiegen dann ein, um in einer Waldschenke einige Stunden vom Städtchen anzuhalten, und dann noch bei guter Zeit die letzten Meilen bis zu Manfreds Wohnung zurück zu legen. Manfred begab sich ernsthaft auf seinen Sitz, Wilibald auf sein Pferd, und so rollten sie im Gallopp auf der Felsenstraße davon, indem ihnen aus jedem Fenster der Stadt ein verwundertes oder lachendes Angesicht nachblickte.
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